Deutsche UNESCO Kommission e.V.

Oktober 2013

Miniaturwälder auf Kap Hoorn

Das südlichste Biosphärenreservat der Welt

Kap Hoorn ist ein dünn besiedeltes Gebiet auf einem chilenischen Archipel im Südwesten Feuerlands, lediglich 1000 Kilometer nördlich der Antarktis. Seit 2005 ein UNESCO-Biosphärenreservat, ist Kap Hoorn ein einzigartiges Mosaik aus Gletschern, Bergen, Fjorden, Inseln, Wäldern und Mooren. Als eine der letzten Wildnisse des Planeten ist es äußerst fragil und mehrfach bedroht: Gletscher schwinden, invasive Arten und Massentourismus stellen große Bedrohungen dar, 7000 Jahre alte einheimische Sprachen sterben aus. Eine Idee, um den nachhaltigen Tourismus anzukurbeln, sind Pauschaltouren in die "Miniatur-Wälder", auf denen man eine Welt kennenlernt, deren Pflanzen kaum größer als ein Fingernagel sind.

© Elke Schüttler
Blick von der Insel Navarino auf den "Beagle Kanal", benannt nach dem Schiff von Charles Darwin. In der Ferne das argentinische Feuerland.

Die patagonischen Gletscher in Chile und Argentinien sind mit 14.000 Quadratkilometern die drittgrößte Eismasse des Planeten nach der Antarktis und Grönland. Das chilenische Forschungsinstitut CECS überwacht 100 dieser Gletscher und hat bei 90 von ihnen Schwund festgestellt, allein der Jorge Montt Gletscher ist zwischen Februar 2010 und Januar 2011 um fast einen Kilometer geschrumpft. Die Gründe dafür sind steigende Temperaturen und der daher oft nicht mehr als Schnee, sondern als Regen fallende Niederschlag. Die rasante Gletscherschmelze beschleunigt den Anstieg des Meeresspiegels und produziert eine große Anzahl von Eisbergen. Dies zieht zwar auch Touristen an; wenn sich die Gletscher aber zu weit zurückziehen, kalben die Gletscher nicht mehr – neben einem Süßwasserspeicher verliert die Region auch eine ihrer größten Touristenattraktionen.

© Ricardo Rozzi
Eine Kunsthandwerkerin der Yaghan verkauft Miniatur-Kanus aus Rinde.

Puerto Williams ist mit 2.200 Einwohnern die Hauptstadt der chilenischen Antarktis-Provinz und liegt an der Nordküste der Insel Navarino. Die Provinz ist die am dünnsten besiedelte Gegend der Welt. Ein einziger Schotterweg führt über die Insel, zur Erkundung des Biosphärenreservats kann man zwischen Wandern und Segeln wählen. Die meisten Mitglieder der indigenen Yaghan oder Yamana leben in Ukika in der Nähe von Puerto Williams. Über 1.000 archäologische Stätten im Biosphärenreservat zeugen von einer mehr als 7.000 Jahre langen Besiedelung. Die Yaghan und andere Gruppen haben vermutlich auch Charles Darwin dazu inspiriert, seine Evolutionstheorie auf unsere eigene Spezies anzuwenden, da für Darwin auf dieser Reise die Grenze zwischen Mensch und Tier verschwamm. Obwohl Darwins Urteil über die indigenen Feuerländer unbestreitbar eurozentrisch ist, kann man sich kaum vorstellen, wie ein Wissenschaftler seiner Tage zur Schlussfolgerung kommen konnte, dass Homo sapiens von den Primaten stammt, hätte er die Enge der englischen Oberschicht nicht verlassen. Heutzutage arbeiten die meisten Yaghan in der Fischerei, im Handwerk, im Bau und im Tourismus. Sowohl Kultur als auch Sprache der Ureinwohner sind extrem gefährdet, jeweils weniger als zehn Menschen sprechen fließend die drei Sprachen Ona, Alacaluf und Yaghan.

Die Ökoregion der Magellanschen Subantarktis gilt als eine der 24 am wenigsten berührten Wildnisgebiete der Welt. Das Biosphärenreservat beheimatet die südlichsten Wälder weltweit, sowohl Nadel- als auch Laubwald, wobei die endemischen Südbuchen (Magellan-Südbuche und Lenga-Südbuche) dominieren. Es gibt mindestens 100 Vogelarten im Biosphärenreservat. Der vom Aussterben bedrohte bunte Magellanspecht ist der größte Specht in Südamerika und ohne Zweifel der charismatischste Vogel der Region. Er ist eng verwandt mit dem Elfenbeinspecht und dem ausgestorbenen Kaiserspecht.

© Elke Schüttler
Ein von Bibern unter Wasser gesetzter Wald auf der Insel Navarino

Für Reptilien und Amphibien ist das Klima zu kalt. Im Januar, also im Hochsommer, beträgt die Lufttemperatur knapp unter 10 Grad Celsius, mitten im Winter knapp 2 Grad. Die Meerestemperatur schwankt während des Jahres nur wenig um 6 Grad Celsius herum. Meeressäuger gedeihen in den Gewässern: Seeotter versorgten die Yaghan seit Jahrtausenden mit Pelzen und Seelöwen zählten zu ihrer wichtigsten Nahrungsquelle. Es gibt neun endemische Land-Säugetierarten: drei Nagetierarten, Südamerikas größten Fuchs, den Anden-Fuchs, zwei Fledermausarten, das mit dem Kamel verwandte Guanako und zwei Otter-Arten. Eine zehnte Säugetierart ist ein Besucher der Region, der sich hier leider zu wohl fühlt: 50 um 1940 herum für die Pelzindustrie eingeführte nordamerikanische Biber haben sich in Abwesenheit von Raubtieren auf heute über 100.000 Tiere vermehrt, die mit ihren Deichbauten endemische Wälder unter Wasser setzen.

© Adam Wilson

Der Süden der Insel Navarino ist von Mooren und immergrünen Wäldern geprägt. Hier findet sich ein globaler Biodiversitäts-Hotspot, den man aber mit der Lupe suchen muss. Eine Region, die weniger als 0,01 Prozent der Erdoberfläche ausmacht, beherbergt mehr als 5 Prozent der Laubmoosarten des Planeten, die Hälfte davon sind endemisch. Moose unterscheiden sich von den Gefäßpflanzen (zu denen Bäume und Blütenpflanzen zählen) darin, dass sie keine internen Leitungen für Wasser und Nährstoffe haben, weshalb für sie Wachstum nur stark eingeschränkt möglich ist. Moose, Flechten und die noch einfacheren Leberblümchen wachsen selten mehr als 2 Zentimeter in der Höhe und bilden grüne Polster und Teppiche. Da sie keine Wurzeln haben, wachsen sie in feuchten Gegenden, um Wasser und Nährstoffe absorbieren zu können. Auf der Insel Navarino wurden 450 Moos- und 368 Leberblümchen-Arten inventarisiert, zusammen mehr als alle Gefäßpflanzen vor Ort, wohingegen es in den meisten Gegenden der Welt etwa 20-mal mehr Gefäßpflanzen als Moose gibt.

Die Wissenschaftler am 1999 gegründeten Ethnobotanischen Garten Omora versuchen sowohl dem Verlust an biologischer Vielfalt als auch dem Verlust an indigenen Sprachen und Kulturen Einhalt zu gebieten. Das Biosphärenreservat ist ihr wichtigstes Instrument für den langfristigen Erhalt der biokulturellen Vielfalt der Region und ein idealer Rahmen für Bildung und Forschung. In Zusammenarbeit mit der Landesregierung und der Universität von Magallanes sammelten sie die erforderlichen Daten – und richteten die Zonierung des Biosphärenreservates basierend auf traditionellem Umweltwissen der Yaghan ein. Die Ausweisung durch die UNESCO erfolgte 2005. Das Kap Hoorn-Reservat hat eine Fläche von 4,9 Millionen Hektar, davon knapp 3 Millionen Hektar Meer. Der Lenkungsausschuss des Biosphärenreservats steht unter dem Vorsitz der Regierung der Magallanes-Region; der Ethnobotanische Garten Omora ist wissenschaftlicher Beirat. Es gibt verschiedene Projekte im Bereich Bildung, Tourismus und Kontrolle invasiver Arten, neben dem Biber auch Mink, ausgewilderte Schweine und Hunde. Der Ethnobotanische Garten betreibt auch ein langfristiges Vogel-Monitoring-Programm, in welches das indigene Wissen der Yaghan einfließt. Omora unterstützt lokale Reiseveranstalter, Touren zur Vogelbeobachtung anzubieten, welche jedoch nur im Sommer stattfinden können – die "Miniaturwälder von Kap Hoorn" werden jedoch gerade als Reisevariante für die kalten Monate etabliert. Ausgestattet mit Lupen können Touristen die Schönheit und Vielfalt der winzigen Flechten, Moose, Pilze und Insekten erkunden, an denen sie sonst achtlos vorbeilaufen würden. Ein eigenes Bildungsprogramm zu den "Miniaturwäldern" wurde sogar für Kinder im Vorschulalter entwickelt, das auch das Umweltwissen der Yaghan einbezieht. Zudem wurde zusammen mit der Universität von Magallanes das erste Graduiertenkolleg in Patagonien eingerichtet. Das Biosphärenreservat tauscht seine Erfahrungen mit anderen nord- und südamerikanischen Biosphärenreservaten und Forschungszentren aus, darunter die berühmte Charles Darwin Station auf den Galapagos-Inseln.

Diese Kurzvorstellung des UNESCO-Biosphärenreservats Kap Hoorn basiert auf einem Beitrag von Dr. Ricardo Rozzi von der Universität Nord-Texas und von Dr. Elke Schüttler vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), veröffentlicht in der UNESCO-Zeitschrift "A World of Science", Ausgabe 4/2013.