Oktober 2009
Die Wartburg – erste deutsche Burg seit zehn Jahren in der Welterbeliste
Von Jutta Krauss
Die Wartburg bei Eisenach in Thüringen feiert ihr 10-jähriges Jubiläum als UNESCO-Welterbe. Am 4. Dezember 1999 hat die UNESCO die Wartburg in die Welterbeliste aufgenommen als "ein hervorragendes Denkmal der feudalen Epoche in Mitteleuropa". Sie ist "mit kulturellen Werten von universeller Bedeutung verknüpft": Martin Luther übersetzte hier das Neue Testament.
Hinter den Bewertungskriterien, denen die beinahe tausendjährige Burg genügte, verbirgt sich viel. Der romanische Palas, einst Zeichen des politischen Triumphs der Thüringer Landgrafen und zugleich das vollendete Gehäuse eines höfischen Kulturbetriebes, den Literaturhistoriker die "Eisenacher Klassik" genannt haben, kündet bis heute von der künstlerischen Meisterschaft seiner Schöpfer. Mit der großzügigen Förderung von Dichtern und Sängern wie Wolfram von Eschenbach oder Walther von der Vogelweide und deren unvergänglichen Werken sicherte sich der schöngeistig gebildete Hermann I. bleibenden Nachruhm. Als einen weiteren Glücksfall muss man seinen mit dem ungarischen Königshaus geschlossenen Heiratspakt bezeichnen, wonach die Dynastie der Ludowinger auf eine Heilige verweisen konnte. Elisabeth von Thüringen, wie sie schon im 13. Jahrhundert offiziell hieß, hat an der europäischen Popularität des mitteldeutschen Territoriums keinen unwesentlichen Anteil. Hier war sie einst zu Hause, hier schufen unsere Altvorderen Kult- und Erinnerungsstätten zu Ehren einer ganz und gar außergewöhnlichen Frau mit höchst menschenfreundlichen Idealen.
Und wiederum scheint Fortuna am Geschick der Landgrafenfeste gewebt zu haben, als man den in Acht und Bann stehenden Martin Luther 1521 ausgerechnet im hiesigen Kavaliersgefängnis in Sicherheit brachte. Das Neue Testament in einem Deutsch, das von der Küste bis ins Hochgebirge verstanden wurde, war gewiss Motor der Reformation, zugleich jedoch ein gewaltiger Schritt in unsere deutsche Hochsprache. Mittelalter und frühe Neuzeit woben demnach einen reichen Grundstock, den spätere Zeiten aufgriffen. So die Romantik, die den literarischen Schatz von Sagen und Legenden hob. So die junge Nationalbewegung, die im studentischen Wartburgfest 1817 unter Berufung auf den kühnen Geistesheroen Luther und mit bewundernswertem Mut und mit Selbstbewusstsein erstmals öffentlich die freiheitlichen Rechte des mündigen Bürgers eingefordert hat. Und so auch Romantik und Historismus, als der junge Weimarer Erbgroßherzog Carl Alexander beschloss, die Wartburg in alter Pracht wiedererstehen zu lassen. Er widmete sie als nationales Denkmal von Geschichte und Kunst dem deutschen Volk, ja der ganzen "gebildeten Welt", wie es der kosmopolitische Aristokrat vor einhundertfünfzig Jahren formulierte. Nicht zuletzt, weil die Erben daran festhielten, wurde seine Vision Wirklichkeit.
Seit Anerkennung der Burg zum Welterbe ist ein Jahrzehnt vergangen, zwei sind es seit der Wiedervereinigung Deutschlands. Beide Zeiträume haben die Wartburg in vieler Hinsicht zu prägen vermocht. Wieder in die geografische Mitte der Bundesrepublik und Europa gerückt, empfing die Burg seit dem Fall der innerdeutschen Grenze 1989 rund zehn Millionen Besucher, seit Beginn der statistischen Erfassung 1894 über 30 Millionen und machte spätestens auch in aller Welt von sich reden, nachdem ihr Name 1999 auf der UNESCO-Liste des Welterbes erschienen war.
Galt die Landesausstellung "Hessen und Thüringen", die 1992 in Marburg und auf der Wartburg gezeigt wurde, als das erste Beispiel fruchtbarer Zusammenarbeit im nationalen Maßstab, so bestand die Wartburg mit der 3. Landesausstellung des Freistaates "Elisabeth von Thüringen – eine europäische Heilige" 2007 erfolgreich ihr Debüt auf internationaler Bühne, wo sie sich rund zwanzig leihgebenden Ländern und mehr als 250.000 Gästen als exzellente Pflegestätte europäischer Kulturgeschichte empfahl. Dies und die von mehreren Sonderschauen begleitete Luther-Dekade bis zum nächsten Höhepunkt, dem 500. Reformationsjubiläum 2017, zeigen nicht nur einmal mehr den ökumenischen Charakter der Wartburg, sondern kennzeichnen vor allem ihre attraktiven und anspruchsvollen Veranstaltungsprogramme für ein breites Publikum. Hierzu gehören die bereits seit 1998 zur Tradition gewordenen "Sommernächte auf der Wartburg", das Wartburg-Festival mit Starsolisten aus aller Welt, die Konzertreihen von Mitteldeutschem Rundfunk und Deutschlandradio, die Lesefolge "Gedanken auf der Wartburg" oder die jährlichen Aufführungen von Wagners "Tannhäuser".
Von 1990 bis heute fortgeführt worden ist eine kontinuierliche Denkmalpflege, der sich Land und Bund gleichermaßen annehmen. Stellvertretend seien hier nur solche, über Jahre laufenden, interdisziplinären Großvorhaben wie das Projekt zur Erhaltung der Fresken des spätromantischen Malers Moritz von Schwind, die aufwändige Steinkonservierung des romanischen Palas oder die Gestaltung der Höfe und Außenanlagen genannt. Im Jahr 2000 entstand auf dem Gelände um den Südturm ein Senkgarten mit altbekannten Heil- und Küchenkräutern. Seit 2006 säumt ein didaktisch aufbereiteter Baulehrpfad den äußeren Fuß der Ringmauer und gibt Aufschlüsse über mittelalterliche Techniken, Materialien und baumeisterliche Leistungen.
Bei archäologischen Grabungen konnten auf dem zur Wartburg gehörenden Elisabethplan die Fundamente des Hospitals, das die Landgräfin Elisabeth 1224/25 errichten ließ, sowie das von 1331 bis zur Reformationszeit bestehende Franziskanerkloster freigelegt und 2007 für die Öffentlichkeit erschlossen werden. Im ersten Bauabschnitt erfolgt seit Jahresbeginn 2009 die Sanierung des rund 160-jährigen Bergfrieds. Der in seinem Inneren befindliche Druckausgleichbehälter zur Wasserversorgung von Burg und Hotel, ein technisches Denkmal von 1886, erfährt seine Konservierung ebenso wie die zugehörige eigene Wasserleitung über 25 Kilometer Länge. Das Hauptaugenmerk gilt derzeit den vor allem spätgotischen Bauwerken der Vorburg, in denen sich unter anderem Lutherstube, -alkoven und -bibliothek befinden.
Eher im Verborgenen arbeitet die wissenschaftliche Abteilung, hier entstehen Ausstellungskonzepte, Publikationen, da wird sachbezogene Forschung betrieben. Seit 1992 erscheint das Periodikum des Wartburg-Jahrbuchs, dessen Mitherausgeber der wissenschaftliche Beirat ist. Die Ergebnisse langjähriger Untersuchungen wurden im Sammelband "Der romanische Palas der Wartburg" 2001 vorgelegt. Wertvolle Sammlungsbestände sowie kulturgeschichtliche Forschungsresultate veröffentlichte der Katalog über das zeichnerische Werk des Burgkommandanten Bernhard von Arnswald (2002), Begleithefte zu Sonderausstellungen über Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach (2001) oder zum Maler und Visionär Carl Alexander Simon (2005) sind erschienen. In Zusammenarbeit mit der Friedrich-Schiller-Universität Jena erschienen zur Landesausstellung 2007 Katalog- und Essayband über die heilige Elisabeth von Thüringen, die zum thematischen Standardwerk avancierten. Innerhalb der Luther-Dekade veröffentlichte die Wartburg-Stiftung die erste Begleitschrift zur Sonderausstellung "Dies Buch in aller Zunge, Hand und Herzen" – 475 Jahre Lutherbibel (2009), dem weitere fünf Expositionen und Themenhefte folgten.
Ausdruck des steten Interesses am aktuellen Forschungsstand und wissenschaftlicher Bearbeitung von historischen, kunsthistorischen und sammlungsorientierten Thematiken sind die auf der Wartburg veranstalteten Tagungen, wie etwa zum "Mythos Burg" im März 2009, vielfach in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen und Bildungseinrichtungen. So sind die Einbindung der Burg in die Konferenz nationaler Kultureinrichtungen (KNK), der Arbeitskreis selbständiger Kulturinstitute (AsKI) oder die namensgebende Mitgliedschaft in der Wartburg-Gesellschaft zu nennen, die jeweils länderübergreifend in Erscheinung treten, zum Beispiel in der Ausstellung "Von Luther zum Bauhaus. Kunst- und Kulturschätze aus deutschen Museen", die in Budapest und Warschau gezeigt wurde.
Die enge Verbindung mit der UNESCO und ihrem Anliegen stellte sich während der Jahrestagung der deutschen UNESCO-Welterbestätten im Herbst 2008 besonders nachhaltig dar. Ihr Thema "Welterbe in Gefahr" war gerade in Eisenach und auf der Wartburg beziehungsreich platziert worden, da der geplante Bau eines Windräderparks die natürliche Umgebung der Burganlage zu zerstören droht. Die am 23. Oktober 2008 verabschiedete "Wartburg-Erklärung" rief daher alle Teilnehmer zu verantwortungsvollem Umgang und Schutz der deutschen Kulturschätze auf.
Website: www.wartburg.de
unesco heute online • Redaktion: Dieter Offenhäußer / Kurt Schlünkes
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