Deutsche UNESCO Kommission e.V.

SCHRIFTGRÖSSE

Juni 2009


Mensch und Biosphäre - das Konzept beim Wort genommen

Jens Lubbadeh

Das Konzept urbaner Ökologie ist der Schlüssel zum Bliesgau, der am 26. Mai 2009 zur Liste der UNESCO-Biosphärenreservate hinzugefügt wurde. Der Bliesgau ist nicht die erste Biosphäre, die urbane Elemente einschließt - aber keine andere ist mit 310 Einwohnern pro Quadratkilometer so dicht besiedelt.

Klein, aber oho - das ist das Saarland. Sieht man von den Stadtstaaten Hamburg, Berlin und Bremen einmal ab, ist es Deutschlands kleinstes Bundesland. Etwas entrückt, im Südwesten der Republik wirkt es wie ein kleines Anhängsel am großen Deutschland. Im Süden hat es das stolze Frankreich zum Nachbarn, ein kleiner Rüssel küsst Luxemburg im Westen, der Rest ist umflossen vom größeren Bruder Rheinland-Pfalz.

Landwirtschaft im Bliesgau
© Fredi Brabänder

Das Saarland ist eine der wärmsten Ecken Deutschlands. Kein Wunder, dass hier seit Tausenden von Jahren Menschen siedeln - und Spuren hinterlassen haben: Der Gollenstein, ein 4000 Jahre alter Monolith zeugt davon, dass diese Region schon in der mittleren Steinzeit bewohnt war. Später ließen es sich im Saarland die Römer gut gehen. Julius Cäsar eroberte das Land einst von den Kelten. Die Römer waren es auch, die den Wein ins Saarland brachten. Es war der Beginn einer langen Tradition: Bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde im Tal des Flusses Blies Wein angebaut.

Dort, wo die Blies fließt, ist es besonders schön: Bliesgau heißt die 370 Quadratkilometer große Region, die von der Saar im Westen, Rheinland-Pfalz im Osten und Frankreich im Süden begrenzt wird. Bliesgau-Werbebroschüren schwärmen von "mediterranem Klima", "sanften Hügeln" und "weiten Streuobstwiesen". Sein Muschelkalkboden macht den Bliesgau einzigartig, auf ihm gedeihen viele Orchideen-Arten.

Kernzone Taubental im Bliesgau
© Detlef Reinhard

Es ist aber kein unberührtes Naturidyll. Seit Tausenden von Jahren formen Menschen diese Region. So ist der Obstanbau eine der wesentlichen landwirtschaftlichen Nutzungsarten und zugleich zum Markenzeichen des Bliesgau geworden. 111.000 Menschen umfasst das Biosphärenreservat Bliesgau, die Bevölkerungsdiche liegt mit 310 Einwohnern pro Quadratkilometer höher als in jeder anderen Biosphäre. Und damit auch über dem Durchschnitt der Bundesrepublik.

Es ist nicht der Naturschutz, der den Bliesgau im Vergleich zu anderen Biosphären besonders macht. 43 Prozent der Region waren schon Naturschutzgebiete, bevor der Bliesgau zum UNESCO-Biosphärenreservat wurde. "Urbaner Naturschutz ist ein Projekt, an dem wir derzeit arbeiten", sagen Detlef Reinhard und Holger Zeck, Mitarbeiter im Ministerium für Umwelt des Saarlandes. Denn ihrer Meinung nach beinhalten Kulturlandschaften auch den Lebensraum Stadt: "Wir wollen systematisch erfassen, wie sich in Ballungsgebieten die Natur entwickelt", sagen Reinhard und Zeck. Welche Tier- und Pflanzenarten sind vom offenen Land in die Städte ein- und welche aus der Stadt ins Land abgewandert? Doch nicht nur die Wanderungsbewegungen der Tiere, auch die des Menschen haben die Verantwortlichen mit im Blick."Wir beschäftigen uns auch mit Demografie", erzählt Reinhard. "Früher war es schick, auf dem Land zu wohnen und in der Stadt zu arbeiten. Nun gehen die Menschen vermehrt in die Städte. Ist das auch im Bliesgau so?" Und sollte es so sein - wie würde es sich dann auf die Region auswirken und wie könnte man es in eine nachhaltige Entwicklung der Region integrieren?

Blieskastel
© Detlef Reinhard

Dieses urban-ökologische Konzept ist der Schlüssel zu dieser Biosphäre. Nach Meinung von Zeck und Reinhard ist es die "lebendige Vielfalt", die den Bliesgau so einzigartig macht. "Wiesen, Täler und Wälder prägen das Landschaftsbild - aber vor allem das Miteinander von Mensch und Natur, die enge Verzahnung mit urbanen Regionen machen diesen Landstrich so besonders", erzählt Reinhard.

"Die Situation bei uns ist nicht mit anderen Biosphärenreservaten vergleichbar", bestätigt auch Pia Schramm vom Biosphärenzweckverband in Blieskastel. "Viele Biosphärenreservate gehen sehr auf klassischen Naturschutz, regionale Entwicklung, setzen auf die Vermarktung regionaler Produkte", sagt Schramm. "Wir wollen darüber hinaus zeigen, was es heißt, Nachhaltigkeit auch in städtischen Systemen zu leben."

Als Modell für die enge Verzahnung von Stadt und Land steht St. Ingbert, die 40.000-Einwohner-Stadt im Norden des Bliesgau. "In St. Ingbert hat man sich schon sehr früh Gedanken um Biosphäre gemacht", erzählt Monika Conrad, die in der Stadtentwicklung für den Bereich Umwelt und Biosphäre verantwortlich ist. In Sachen Klimaschutz seien die Bürger sehr aktiv, erzählt Monika Conrad. "Es gibt eine Solarinitiative, die Bürger bei der Installation von Solaranlagen auf Dächern unterstützt. Und eine Solargenossenschaft, bei der sich Bürger, die selbst keine eigenen Dächer zu Verfügung haben, an Anlagen auf öffentlichen Gebäuden beteiligen können." Weiterhin gebe es Pläne, die Energieeffizienz der gesamten Stadt bis zum Jahr 2020 zu erhöhen, so Conrad. "Beispielsweise durch Wärmedämmung in öffentlichen Gebäuden und deren Ausstattung mit Solaranlagen."

Nachhaltigkeit ist für Schramm und Conrad aber nicht nur ökologisch zu verstehen, sondern auch ökonomisch und sozial. Für die ökonomische Säule gebe es in St. Ingbert mehrere Beispiele: "Wir haben eine innerstädtische Industriebrache, das etwa 20 Hektar große Areal des ehemaligen Drahtwerks Nord Areal." Ein Blockheizkraftwerk versorgt das Gebiet mit Wärme, die Biomasse stammt aus der städtischen Kompostieranlage und aus dem Bliesgau. Ansässige Firmen werden so mit Wärme versorgt - ebenso die angrenzende Stadthalle und das Rathaus.

Und mobil sind die St.-Ingberter: "Wir haben seit einigen Jahren ein sehr gut ausgebautes Bussystem", sagt Conrad. "Von einem zentralen Punkt aus werden alle Wohngebiete im 30-Minuten-Takt angebunden. Dabei war es uns auch sehr wichtig, den Bliesgau anzubinden, weil sehr viele Kinder aus der Region hier zur Schule gehen." Aber die Anbindung ist auch aus ökonomischen Gründen wichtig, wie Pia Schramm erzählt: "Wir sind auf die umliegenden Städte als Absatzmärkte für die regionalen Produkte angewiesen."

Soziale Nachhaltigkeit gibt es auch: "Wir möchten die Dörfer erhalten. Das Miteinander von Jung und Alt ist uns wichtig", erzählt Monika Conrad. So gebe es in einem Dorf den Plan, ein Mehr-Generationen-Haus zu errichten, womöglich unter Einbindung eines Kindergartens. Bei den Bliesgauern beginnt die Erziehung zur Nachhaltigkeit sehr früh: Kindergärten und Schulen bieten den Kindern Projekte, Ferienprogramme und Ausflüge an, in denen sie die Natur und Diversität ihrer Region erleben können - inklusive der in ihrer Stadt.

Jens Lubbadeh ist Wissenschafts-Redakteur bei SPIEGEL ONLINE

Dieser Artikel erscheint in der Ausgabe Juli 2009 des UNESCO Courier in den sechs Amtsprachen der UNESCO. Die Fotos stammen aus der Fotogalerie der UNESCO zur Anerkennung des Bliesgaus als UNESCO-Biosphärenreservat im Mai 2009.


unesco heute online • Redaktion: Dieter Offenhäußer / Kurt Schlünkes
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