März 2010
Diversität, Globalisierung und Avantgarde
Der Welttag der Poesie
Von Boris Nitzsche
Die Dichter Ulrikka S. Gernes (Dänemark), Nora Iuga (Rumänien), Bei Ling (China/USA), Albert Ostermaier (Deutschland) und Serhij Zhadan (Ukraine) feierten am 23. März 2010 den UNESCO-Welttag der Poesie in der Stiftung Brandenburger Tor mit einer internationalen Lyriklesung vor ausverkauftem Haus. Die Veranstaltung stand unter der Schirmherrschaft der Deutschen UNESCO-Kommission.
Die Lesungen in der Stiftung Brandenburger Tor zur Feier des Welttages der Poesie haben mittlerweile Tradition, und wie bereits in den Jahren zuvor, war der Raum mit circa 200 Zuschauern auch dieses Mal restlos gefüllt. Die Literaturwerkstatt Berlin und ihre Partner hatten besonders illustre Gäste geladen: Mit Ulrikka S. Gernes (Dänemark), Nora Iuga (Rumänien), Bei Ling (China/USA), Albert Ostermaier (Deutschland) und Serhij Zhadan (Ukraine) traten einige der wichtigsten Stimmen im weltweiten Lyrikkonzert auf die Bühne.
Dass es um das große Ganze gehen würde, machte die Gastgeberin, Monika Grütters MdB, gleich in der Begrüßung klar: "Gedichte sind die dichteste, anspruchsvollste und subjektivste Art, Sprache zu gestalten, die Welt ins Wort zu fassen, die Existenz zum Ausdruck zu bringen." Mit der Bemerkung, die Poesie sei die Avantgarde einer partnerschaflichten Globalisierung, machte sie den weltumfassenden Anspruch von Poesie deutlich.
Dass diese Globalisierung keine uniformierende Wirkung hat, veranschaulichten die Dichter sehr schnell mit ihren individuellen poetischen Ansätzen, Ausdrucksformen und Themen. Während Nora Iuga mit beschwingtem Ton die Erotik des Alters und das Bewahren von Jugendlichkeit beschwor, verschrieb sich Albert Ostermaier einer der ältesten und vielleicht schönsten Formen der Poesie, der Liebeslyrik. Bei Ling beklagte die Leiden des politischen Exils, und Ulrikka S. Gernes verlangte nach dem Wissen vom Sein in Eden und evozierte die verlorenen Paradiese. Der "ukrainische Rimbaud" (NZZ) Serhij Zhadan hingegen ließ mit humorvollem Duktus im Stile des Spoken Words die Toten wiederauferstehen, nur damit sie ihr Handyladegerät zurückholen können.
Die Vielstimmigkeit des Sprachkonzerts war ein anschauliches Beispiel für das, was Christoph Wulf, Vizepräsident der Deutschen UNESCO-Kommission, gemeint hatte: "Die Poesie betont die Diversität, sie ist eingebunden ins kulturelle Erbe, sie hat etwas zu tun mit kultureller Identität. Wir sehen auch die Bedeutung der Poesie für den Dialog der Kulturen und finden es wichtig, dass wir uns austauschen können, weil wir in der Poesie die Erfahrung des anderen machen."
Exklusiv für den Welttag der Poesie und für lyrikline.org schrieben die Dichter Bei Ling, Michèle Métail, Geoff Page, Ulf Stolterfoht und Christian Hawkey Texte zu ihrem poetologischen Selbstverständnis. Gemeinsam mit Gedichten zum Thema Poesie sind sie noch bis zum 9. April 2010 unter www.lyrikline.org zu lesen.
unesco heute online • Redaktion: Dieter Offenhäußer / Kurt Schlünkes
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