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Februar 2012

Der finanzielle Wert der intakten Natur

Kompensation von Ökosystemdienstleistungen in einem brasilianischen Biosphärenreservat

Die Natur liefert den Menschen kostenlos sauberes Wasser, gefilterte Luft und intakte Böden. Der ökonomische Wert der Ökosystemdienstleistungen fließt bisher jedoch kaum in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ein. Anders im UNESCO-Biosphärenreservat Serra do Espinhaço: Hier wird versucht, den Erhalt der Ökosysteme durch die Mehrwertsteuer und Abgaben der Bergbauindustrie zu finanzieren. Das brasilianische Beispiel zeigt Chancen und Grenzen von finanziellen Instrumenten auf, welche die Natur besser schützen sollen.

Für die Leistungen der Natur muss der Mensch nicht zahlen, hingegen für Maßnahmen zur Wiederherstellung der zerstörten Natur durchaus. Volkswirtschaftlich gesehen gibt es stärkere Anreize zur Übernutzung der Natur als zu deren Bewahrung. Eine andere Rechnung macht die UNEP-Studie "The Economics of Ecosystems and Biodiversity" (TEEB) auf. Von 2007 bis 2010 vom Bundesumweltministerium und von der EU-Kommission finanziert, soll TEEB helfen, Ökosystemleistungen besser ökonomisch bewerten zu können, die wirtschaftlichen Auswirkungen der Schädigung von Ökosystemen zu erfassen und damit die Kosten des Nicht-Handelns beziffern zu können. TEEB ergab, dass der wirtschaftliche Wert der Leistungen der Natur weitaus höher ist als bisher angenommen – und viel höher als die Kosten zum Erhalt der Leistungen der Natur. Laut einer Modellrechnung liegt das Kosten-Nutzen-Verhältnis bei 1:100.

Das Biosphärenreservat Serra do Espinhaço

Das Biosphärenreservat Serra do Espinhaço ist mit 30.000 Quadratkilometern und 2,3 Millionen Einwohnern, inklusive der Millionenstadt Belo Horizonte, enorm groß, gerade im Vergleich mit Europa: Es ist so groß wie das Land Brandenburg. Es liegt im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais, 400 Kilometer nördlich von Rio de Janeiro. Minas Gerais ist eines der weltweit größten Zentren der Bergbauindustrie. In vielen Gemeinden des Biosphärenreservats befinden sich große Minen.

Eisenerzmine in Itabirito
© Vale S. A.

Die Gemeinden des Biosphärenreservats erhalten Gelder vor allem aus zwei Quellen: Direktabgaben der Bergbaufirmen und die Umlage der vom Bundesstaat erhobenen Mehrwertsteuer. Da die Mehrwertsteuer in Minas Gerais mit einem ökologischen Kriterium zu einer Ökosteuer wurde, stehen zwei Finanzinstrumente zur Verfügung, mit denen die nachhaltige Entwicklung des Biosphärereservats gesteuert werden kann.

Bergbaufirmen zahlen die Abgabe als Ausgleich für die Ausbeutung von Mineralressourcen, 65 Prozent erhalten die Gemeinden vor Ort. Die Abgabe wird nach unterschiedlichen Prozentsätzen berechnet, je nach Mineral oder Metall, und beträgt zwischen 0,2 und 3 Prozent des Nettorechnungswertes (Verkaufspreis abzüglich von Transportkosten etc.). Allein drei Gemeinden hatten 2010 Einkünfte von jeweils etwa 30 Millionen Euro zu verzeichnen; diese drei Gemeinden kassierten zusammen die Hälfte der Gesamteinnahmen aus der Bergbauabgabe im Biosphärenreservat. Es wäre folgerichtig, dass die Gemeinden zusammen mit dem Bergbausektor diese Einkünfte für einen Wandel zu "grünen Gemeinden" und zur Wiederherstellung von Ökosystemdienstleistungen investieren. Doch in den Gemeinden gilt die Aufmerksamkeit eher dem Boom der Rohstoffpreise und der Expansion des Bergbaus.

Von der Mehrwertsteuer zur Ökosteuer

In den fünfziger Jahren wurde die brasilianische Mehrwertsteuer ICMS mit einem Satz von 18 Prozent eingeführt, sie ist die Haupteinnahmequelle der Bundesstaaten. Ein Viertel der Einnahmen geht an die Gemeinden, wobei jeder Bundestaat seit 1988 bestimmen kann, nach welchen Kriterien die Einnahmen auf die Gemeinden verteilt werden. In Minas Gerais, wo es viele Schutzgebiete gibt, fühlten sich gerade Gemeinden mit großen Schutzgebieten von einer direkten Umlage auf die ökonomische Aktivität benachteiligt. Daher legt Minas Gerais seit 1992 die Einkünfte der nunmehr modifizierten Steuer namens ICMS-E als Ökosteuer so auf die Gemeinden um, dass Anreize für den Naturschutz entstehen. Eine Gemeinde, die ein Schutzgebiet gründet, durch Investitionen optimiert oder erweitert, erhält mehr Einnahmen aus dieser Steuer. Entscheidend ist ein auf Gemeindeebene berechneter "Biodiversitätsschutz-Koeffizient". Inzwischen haben 10 der 26 brasilianischen Bundesstaaten das Konzept der ICMS-E von Minas Gerais kopiert.

Seit der Einführung der ICMS-E in Minas Gerais kam es zu einer erheblichen Ausweitung der Schutzgebiete, allein in den ersten drei Jahren um den Faktor 2. Die meisten der neuen Schutzgebiete entsprechen dem Konzept des Biosphärenreservats und stellen nachhaltige Nutzung in den Vordergrund. Zwei Drittel der Fläche des Biosphärenreservats sind geschützt. Der an die Gemeinden fließende Gesamtbetrag betrug im Jahr 2009 knapp 10 Millionen Euro. Dieser Betrag steht aber in keinem Verhältnis zu dem finanziellen Wert der Ökosystemdienstleistungen, umgerechnet sind es nur etwa 50 Cent pro Hektar.

Die Instrumente reichen nicht aus

Auch wenn Brasilien somit Ansätze der Kompensation von Ökosystemdienstleistungen aufzuweisen hat, sind weder die Bergbauabgabe noch die modifizierte Mehrwertsteuer ausreichende Instrumente. Sie führen nicht dazu, dass die Geschäftsführer der Firmen eng mit den Gemeinden zusammenarbeiten. Zudem fehlen verpflichtende Vorgaben für die Gemeinden zur umweltgerechten Reinvestition der Bergbauabgaben. Das Biosphärenreservat hat auf diese Defizite hingewiesen. Im Dialog mit allen Beteiligten sollen die Instrumente nun weiterentwickelt werden.

Der Artikel basiert auf dem Beitrag "Putting a price on conservation" in der von der UNESCO herausgegebenen Zeitschrift "A World of Science" (Vol. 10, No. 1). Über die Studie "The Economics of Ecosystems and Biodiversity" informiert die Website des Bundesumweltministerums.

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