Januar 2011
Chemie – unser Leben, unsere Zukunft
Daten und Fakten zum UN-Jahr der Chemie
Von Lutz Möller und Farid Gardizi
Textilien, Medikamente, Waschmittel, Solarzellen – unser alltägliches Leben hängt von Produkten und Materialien ab, die nur die chemische Industrie herstellen kann. Um der Öffentlichkeit die Bedeutung der Chemie für den wissenschaftlichen Fortschritt und eine nachhaltige Entwicklung bewusst zu machen, haben die Vereinten Nationen 2011 zum "Jahr der Chemie" erklärt.
UN-Jahr der Chemie: Die UN-Generalversammlung in New York hat im Dezember 2008 beschlossen, für 2011 ein "Internationales Jahr der Chemie" auszurufen. Die UNESCO und die Internationale Union für reine und angewandte Chemie (IUPAC) koordinieren das UN-Jahr im Auftrag der UN-Generalversammlung. Das Motto des Jahres lautet: "Chemie – unser Leben, unsere Zukunft".
Chemische Forschung und Industrie tragen entscheidend dazu bei, neue Energiequellen zu entwickeln, die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren und schonender mit Ressourcen umzugehen. Das Wissenschaftsjahr macht darauf aufmerksam, was die Chemie zum Wohle des Menschen leistet.
Jubiläum: Das UN-Jahr erinnert an zwei besondere Jubiläen: 2011 jährt sich zum 100. Mal die Verleihung des Chemie-Nobelpreises an Marie Curie. Sie erhielt 1911 als erste Frau in diesem Fachgebiet einen Nobelpreis für bahnbrechende Erkenntnisse über die Radioaktivität. Im selben Jahr wurde der Internationale Verband der chemischen Gesellschaften (IACS) gegründet. Als dessen Nachfolger koordiniert heute die Internationale Union für reine und angewandte Chemie (IUPAC) die weltweite wissenschaftliche Zusammenarbeit in der Chemie.

- © UNESCO/IUPAC
Chemie-Nobelpreis: Die Chemie ist eine produktive Wissenschaft, die Jahr für Jahr beeindruckende Erkenntnisse erzielt. Die bedeutendsten Fortschritte werden seit 1901 mit dem Chemie-Nobelpreis geehrt, 102 Auszeichnungen wurden bislang an 162 Preisträger verliehen.
Unter den Chemie-Nobelpreisträgern sind 27 Deutsche, Gerhard Ertl erhielt 2007 den Nobelpreis für seine Untersuchungen von chemischen Reaktionen auf mikroskopisch kleinen festen Oberflächen. Damit bereitete er den Weg für Erfindungen wie die Brennstoffzelle oder den Abgaskatalysator. Nach Marie Curie im Jahr 1911 wurden nur drei weitere Frauen mit dem Chemie-Nobelpreis ausgezeichnet.
Chemie-Industrie: Die chemische Industrie stellt jährlich aus wenigen Grundsubstanzen mehrere Zehntausend Stoffe her. Allein die deutsche Chemie-Industrie produziert über 30.000 unterschiedliche Stoffe, rund 2 Millionen Tonnen Chemiefasern, 2,5 Millionen Tonnen pharmazeutische Grundstoffe und 700.000 Tonnen Fein- und Vollwaschmittel.
Die chemische Industrie in Deutschland verwendet zu 10 Prozent nachwachsende Rohstoffe. Nur 14 Prozent der Produkte aus der deutschen chemischen Industrie sind für den Verbraucher bestimmt, das Gros wird an andere Wirtschaftsunternehmen weiterverkauft.
Nachhaltige Chemie: Umweltschutz und Nachhaltigkeit haben heute in chemischen Forschungslabors und Produktionsanlagen eine ständig wachsende Bedeutung. Es geht darum, Energie und Rohstoffe sparsam zu nutzen, Abfälle und Nebenprodukte erst gar nicht entstehen zu lassen und unvermeidbare Abfälle neuen Verwertungskreisläufen zuzuführen.

- © UNESCO/IUPAC
Das gestiegene Umweltbewusstsein und striktere Bestimmungen haben weltweit dazu geführt, dass Hersteller von Farben, Lacken, Schmierstoffen, Pflanzenschutz oder Kosmetik nach innovativen "grünen" Lösungen suchen.
Allein in Deutschland werden jährlich rund 1,7 Millionen Tonnen Biodiesel produziert. Als Nebenprodukt fallen große Mengen an Glycerin an, die weit über den Bedarf der kosmetischen Industrie hinausgehen. Glycerin ist für die Industrie inzwischen ein wichtiger biogener Rohstoff, der fossile Ressourcen ersetzt.
Umweltschutz: Die Belastungen der Umwelt durch die chemische Industrie sind in den Industrieländern insgesamt gesunken. In den letzten 40 Jahren haben staatliche Auflagen und Kontrollen der chemischen Produktion deutlich zugenommen: Abgaben zum Immissionsschutz und für Abwasser, Abfall- und Chemikaliengesetze, umweltverträgliche Verbrennungs- und Reinigungsanlagen. Jeder einzelne Stoff muss nach der EU-Chemikalienrichtlinie REACH genau dokumentiert werden.
Die strikte Gesetzgebung soll in Europa eine sichere Handhabung von Chemikalien gewährleisten. Problematisch ist jedoch, wenn diese Auflagen umgangen werden, indem die Produktion in Entwicklungs- und Schwellenländer verlagert wird.
Image: Trotz zahlreicher staatlicher Auflagen und Kontrollen hat die chemische Industrie bei vielen Menschen ein schlechtes Image. Chemieunfälle, Giftmüll- und Lebensmittelskandale prägen das Bewusstsein – Katastrophen wie der Giftgasunfall im italienischen Seveso (1976) und im indischen Bhopal (1984), der Brand beim schweizerischen Sandoz-Konzern (1986) oder der Dammbruch in der ungarischen Aluminiumfabrik MAL (2010). In der öffentlichen Wahrnehmung wird die Chemie bislang zu wenig mit Umweltschutz und Nachhaltigkeit in Verbindung gebracht.
Wissenschaft: Chemie erforscht das Verhalten von Elementen, Verbindungen und Stoffen. Der Forschungszweig entstand im 17. und 18. Jahrhundert als Nachfolger der Alchemie. Chemische Reaktionen zeichnen sich durch Stoffumwandlung aus: Solche Reaktionen trennen und bilden Bindungen zwischen Atomen, wodurch neue Stoffe entstehen.

- © UNESCO/IUPAC
Viele Teilgebiete der Chemie untersuchen chemische Vorgänge in anderen Wissensbereichen, zum Beispiel bei der Analyse von Lebensmitteln oder bei der Entwicklung von Medikamenten. Wissenschaftler in der chemischen Forschung übernehmen Verantwortung und entwickeln Antworten auf zentrale Fragen der Menschheit. Die Verbesserung der Lebensqualität und nachhaltiger Fortschritt weltweit sind ohne Chemie nicht denkbar.
Hochschule: An deutschen Universitäten und Fachhochschulen lehren laut Hochschulkompass 404 Studiengänge die Wissenschaft der Chemie. 2009 waren rund 28.000 Studenten und Doktoranden im Fachgebiet Chemie an den Universitäten eingeschrieben.
Im Jahr 2009 erhielten nach Angaben der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) 1.650 Chemie-Studenten ein Diplom, 1.500 eine Promotion, 1.000 einen Bachelor und 330 einen Master. Die Bachelor- und Masterzahlen sind zuletzt stark gestiegen. Etwa 90 Prozent der Diplomchemiker beginnen eine Promotion.
Arbeitsmarkt: Der Arbeitsmarkt für Chemiker ist in Deutschland nach wie vor attraktiv. Wer Chemie, Biochemie, Lebensmittelchemie oder Wirtschaftschemie studiert, hat ein zukunftsweisendes Fach erlernt. Etwa ein Drittel der promovierten Chemiker gehen in die chemische Industrie, sieben Prozent in andere Wirtschaftszweige, 18 Prozent ins Ausland, 20 Prozent sind Post-Doktoranden, vier Prozent bleiben an der Hochschule, die Übrigen arbeiten im öffentlichen Dienst oder als Freiberufler. Nach Angaben der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) waren acht Prozent der promovierten Chemiker 2009 arbeitsuchend.

- © UNESCO/IUPAC
Arbeitgeber: Die chemische Industrie ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. In Deutschland sind global führende Großkonzerne wie BASF, Bayer oder Linde zu Hause. Nur 153 Unternehmen der chemischen Industrie in Deutschland haben mehr als 500 Mitarbeiter. Rund 2.000 kleine oder mittlere Unternehmen hingegen produzieren spezielle Chemikalien für besondere Anwendungen.
Über 400.000 Menschen arbeiten in Deutschland in der chemischen Industrie, etwa 100.000 davon in der pharmazeutischen Industrie. Mehr als 25.000 Menschen werden jährlich ausgebildet. Zehn Prozent der Mitarbeiter in der chemischen Industrie arbeiten in der Forschung, elf Prozent haben einen Universitäts- oder Fachhochschulabschluss.
Chemie global: Die USA und China haben mit jeweils knapp über 20 Prozent den größten Anteil am Chemie-Weltmarkt, gefolgt von Japan mit 6,8 Prozent. Die deutsche Chemie-Industrie hat einen Gesamtumsatz von 145 Milliarden Euro und exportiert Güter für mehr als 80 Milliarden Euro; ihr Anteil am Weltmarkt beträgt 6,3 Prozent.
Die chemische Industrie in Deutschland investiert mehr als acht Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung (FuE). Das entspricht 16 Prozent der gesamten FuE-Ausgaben in Deutschland. Die chemische Industrie ist in Deutschland nach dem Automobilbau und der Elektronikindustrie die drittgrößte Branche.
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