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Das Bauhüttenwesen - Weitergabe, Dokumentation, Bewahrung und Förderung von Handwerktechniken und -wissen

(2018 aufgenommen ins deutsche Register Guter Praxisbeispiele der Erhaltung Immateriellen Kulturerbes)

© Dombauarchiv Köln
© Dombauarchiv Köln
© Dombauarchiv Köln
© Katharina Hild
© Freiburger Münsterbauverein
© Freiburger Münsterbauverein
© Freiburger Münsterbauverein

Seit Jahrhunderten bewahren Dom- und Münsterbauhütten, wie etwa in Ulm, Freiburg oder Köln, Handwerkstechniken, tradiertes Wissen und Bräuche in Zusammenhang mit dem Bau und Erhalt von Großkirchen und führen diese bis in die Gegenwart fort. In den Bauhütten arbeiten Steinmetzen, Tischler, Schmiede, Restauratoren im Steinfachhandwerk, Türmer sowie Bauhelfer an einer Aufgabe Hand in Hand zusammen und bilden neben einer Arbeits- auch eine Lebensgemeinschaft mit fest verankerten Ritualen, Festen und Kommunikationsformen. Über die lokale Verortung am Kirchenbau hinaus besitzen die Bauhütten eine überregionale und internationale Reichweite: Der Wissens- und Erfahrungsaustausch sowie die stetige Anwerbung reisender Steinmetzgesellen und -meister wird seit dem Mittelalter praktiziert. Die hohe Mobilität der Baumeister und der Steinmetzgesellen führte zur Verbreitung eines spezialisierten Wissens und Könnens im gesamten europäischen Raum. Bis heute besteht eine enge Verbindung und intensive Zusammenarbeit der Bauhütten in Europa. Die einzelnen Hütten pflegen einen fachlichen Austausch und kollegialen Kontakt untereinander – insbesondere durch einen wechselseitigen Gesellenaustausch. Organisiert in dem Verein "Dombaumeister e.V.- Europäische Vereinigung der Dombaumeister, Münsterbaumeister und Hüttenmeister" treffen sich Baumeister und Fachkollegen zudem jährlich zu einer Baumeistertagung.

Erfolgsfaktor des Modells sind vor allem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bauhütten mit ihrem Wissen, ihren Fertigkeiten und ihrer starken Bindung zum Bauwerk – meist sprechen sie von „ihrem“ Dom oder „ihrem“ Münster. Viele sind seit Jahrzehnten an den Hütten beschäftigt oder kehren als Gesellen nach ihrer Wanderschaft wieder an die Ausbildungshütte zurück. Mit den zahlreichen Dokumentations- und Erhaltungsaktivitäten, der Jugend- und Vermittlungsarbeit, der Vernetzung mit der Politik, Industrie und anderen Bauhütten bieten die deutschen Dom- und Münsterbauhütten ein überregionales Modell für die Erhaltung und die nachhaltige Pflege Immateriellen Kulturerbes.

Im Zuge der Entwicklung des gotischen Baustils und des Aufschwungs des Städtewesens im 13. Jahrhunderts bildete sich mit den Bauhütten eine neuartige, arbeitsteilig und hochgradig spezialisierte Form der Bauorganisation und -ausführung aus. Sie lösten die wandernden Baugruppen der Romanik und das Laienbauwesen ab. Zentral für die Stabilität und den Erfolg des Bauhüttenwesens war und ist bis heute die qualifizierte Aus- und Weiterbildung des Nachwuchses, in der das Wissen und handwerkliche Können der erfahrenen Bau- und Hüttenmeister an die Lehrlinge systematisch weitergegeben wird. Noch heute finden wir in der Hierarchie von Meister–Geselle–Lehrling sowie in der Wanderschaft der Gesellen (Walz) Charakteristiken der modernen Handwerksausbildung, die im Bauhüttenwesen ihren Ursprung haben. Im Zeitalter der Industrialisierung und der seriellen Fließbandproduktion knüpften Bauhütten im Zuge des Weiterbauens an gotischen Kirchen im 19. Jahrhundert ganz bewusst an die Traditionen des mittelalterlichen Bauhüttenwesens und der handwerklichen Tätigkeit im Werkstattverbund unterschiedlicher Gewerke an. Obwohl die Arbeit in den Bauhütten von Traditionsbewusstsein geprägt ist, entwickelt sie sich in ihrem sozialen Kontext und technischen Repertoire stetig weiter. Neuartigen Methoden und innovativen Arbeitstechniken stehen die modernen Bauhütten offen gegenüber. Heute finden naturwissenschaftliche Erkenntnisse aus der Baustoffforschung sowie Prinzipien des Schutzes alter Bausubstanz in Zusammenarbeit mit Universitäten, Fachhochschulen und in enger Abstimmung mit der staatlichen Denkmalpflege Anwendung. Aufgrund der abnehmenden Fähigkeiten im traditionellen Handwerk und dem Kosten- und Zeitdruck in herkömmlichen Steinmetzbetrieben, sind die großen Bauhütten in Deutschland heute als regelrechte “Kompetenzzenten für Naturstein“ zu bezeichnen, in denen das Wissen zur Steinbearbeitung (weiter-)entwickelt, erprobt, gespeichert und weitergegeben wird. Als Ausbildungsstätte waren und sind die deutschen Bauhütten Ausgangspunkt für die Wanderschaft junger Gesellen, die ihr Wissen und ihr handwerkliches Können überregional in andere Handwerksbetriebe einbringen.

Die Dom- und Münsterbauhütten als Gute-Praxis-Beispiel zur Erhaltung Immateriellen Kulturerbes zeigen modellhaft die Effizienz und Qualität traditioneller handwerklicher Arbeit und die Bedeutung des Bauhüttenwesens für das Verständnis und den Erhalt von komplexen Großbauten. Den Erfolg einer höchst effektiven Nachwuchsförderung in der Fachausbildung belegt die Vielzahl von Lehrlingen, die seit vielen Jahrzehnten in den Bauhütten in den verschiedenen Gewerken kontinuierlich ausgebildet werden. Die Qualifizierung der Lehrlinge sowie die Feier zünftiger Rituale wie der Lossprechung tragen neben der Wahrung des Wissens und Könnens und deren Weiterentwicklung auch zur Identifikation mit der Bauhütte als einer Institution mit jahrhundertelanger Geschichte bei.

Zusammen mit dem fortlaufenden Bestand an Plänen, Hüttentagebüchern, Besucherbüchern, Wetteraufzeichnungen, persönlichen Notizen, Fotografien, Gutachten und Rechnungsbüchern konservieren die Bauhütten als Wissensspeicher zu Großbauten ihre eigene Geschichte, aktualisieren sie durch den Rückgriff in der täglichen Arbeit und transportieren sie an die kommende Generation. Großbauten ohne eigene Bauhütte und eine lückenlose Dokumentation arbeiten daher zwangsläufig weniger vorausschauend und nachhaltig: Schäden werden oft zu spät erkannt, Restaurierungsmaßnahmen erfolgen meist fragmentarisch, Verantwortlichkeiten sind nicht immer klar und Entscheidungsprozesse dauern oft länger. Als Gute-Praxis-Beispiel spiegeln die wenigen großen heute noch aktiven Bauhütten in Deutschland mit ihrer internationalen Ausstrahlung und Vernetzung damit modellhaft die Ziele des Übereinkommens zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes wider.

Kontakt

Evangelische Gesamtkirchengemeinde Ulm
Dekanatamt Ulm
Dekan Ernst-Wilhelm Gohl
Grüner Hof 6
89073 Ulm
E-Mail: Dekanatamt.Ulm@elk-wue.de
Internet: www.muensterbauamt-ulm.de/muensterbauhuette.html

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