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Porträt: Orgelbau Johannes Klais

Nominierung Orgelbau und -musik als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit

Deutschland hat am 30. März 2016 die Nominierung „Orgelbau und -musik“ für die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit bei der UNESCO eingereicht. Ende 2017 wird der Zwischenstaatliche Ausschuss zum Immateriellen Kulturerbe in Jeju, Südkorea, über diese deutsche Nominierung entscheiden. Einen beeindruckenden Einblick in das handwerklich-künstlerische Wissen und Können rund um den Orgelbau gibt Philipp Klais, Inhaber und Leiter der weltbekannten Johannes Klais Orgelbau GmbH in Bonn.

Philipp Klais
Philipp Klais © Maxim Schulz

Hobel gleiten übers Holz, Späne fliegen, Fasfeilen schneiden sich singend ins Zinn. In der Schreinerei entstehen Windladen, gleich nebenan verleimt ein Mitarbeiter Holzpfeifen. Zinnplatten werden in der hauseigenen Gießerei gegossen und anschließend von Hand auf die gewünschte Materialstärke abgezogen – auf den Zehntelmillimeter genau. In der Werkstatt der Johannes Klais Orgelbau GmbH & Co. KG im Zentrum von Bonn herrscht eifriges Treiben, überall ist Bewegung. Hier arbeiten Handwerker und Künstler.

Seit 1882 prägt die Familienwerkstatt Klais den Orgelbau in Deutschland entscheidend mit. Gegründet vom Urgroßvater Johannes Klais, übernahm 1925 der Großvater, 40 Jahre später der Vater und seit 1995 ist Philipp Klais in vierter Generation für den Betrieb zuständig. Werkstatt und Wohnräume befinden sich hier unter einem Dach. Das hat einen entscheidenden Vorteil: Die nächste Generation kann schon im Kindesalter spielerisch Erfahrungen im Umgang mit den für den Orgelbau verwendeten Materialien sammeln. „Wenn dadurch mal etwas zu Bruch ging, war es eben ein Qualitätstest“, so Philipp Klais schmunzelnd.

Sein letztes Mammutprojekt liegt nur kurze Zeit zurück und wurde von einer breiten Öffentlichkeit gepriesen: die einzigartige Klais-Konzertorgel für den Großen Saal der Elbphilharmonie in Hamburg. Einen Eindruck über diese handwerkliche Meisterleistung geben die nackten Zahlen: 69 Register, 4765 Pfeifen sowie ein Umfang von 15 mal 15 Meter und ein Gewicht von rund 25 Tonnen. Einige Pfeifen sind so angebracht, dass Konzertgäste sie sogar berühren können, als Wand des Konzertsaals quasi. 45 Orgelbauer seiner Werkstatt ließen dieses Werk in rund 25.000 Arbeitsstunden entstehen.

Leidenschaft für das Handwerk

Die Stellen in dem Betrieb sind begehrt. Zurzeit arbeiten 65 Mitarbeiter bei Klais, davon zwölf Auszubildende. Jedes Jahr gibt es mehr Bewerbungen für die dreieinhalbjährige Berufsausbildung als Klais Lehrstellen anbieten kann. Für den Erfolg der Bewerbung spielt der Schulabschluss eine untergeordnete Rolle. Wichtiger sei es, so Klais, dass ein Bewerber Leidenschaft für das Handwerk des Orgelbaus mitbringt und sich bereits mit Musik beschäftigt hat. Zwar wird von niemandem erwartet, das komplexe Orgelspiel zu beherrschen. Engagement im Rahmen eines Chors oder Erfahrung mit dem Spielen eines Instruments werden aber schon sehr geschätzt. „Wir brauchen handwerkliche und musikalische Talente – beides in einer Person wäre natürlich perfekt“, sagt Klais.

Auch Fremdsprachenkenntnisse und kulturelles Verständnis werden immer wichtiger, schließlich werden hier in Bonn Orgeln für die ganze Welt gebaut. Der Umgang mit und der Respekt vor anderen Kulturen ist hier keine leere Worthülse. Im Rahmen der weltweiten Projekte werden stets lokale Mitarbeiter ins Team geholt, beispielsweise in China, den USA oder Neuseeland. Diese sind dann auch für die spätere Wartung und Pflege des Instruments zuständig. Noch ein weiterer Aspekt spielt hierbei aber eine große Rolle: das Lernen voneinander.

Orgel der Elbphilharmonie
Orgel der Elbphilharmonie © Maxim Schulz

Kulturelle Eigenheiten

„Kultur und die Musiklandschaft sind sehr eng mit der lokalen Sprache verbunden“, meint Klais. Sprache beeinflusse neben dem logischen Denken auch das ästhetische und musikalische Empfinden. Es sei daher wichtig, dass Orgeln die lokale Sprache „sprechen“ und sich dem kulturellen Kontext anpassen. Feine Nuancen und Ansprachen von Klängen machen hier den Unterschied. „Menschen honorieren es unheimlich, wenn man den Respekt und das Wissen aufbringt, kulturelle Eigenheiten einzuarbeiten“, erklärt Klais. Eine Würdigung des kulturellen Kontextes, in dem sich die Orgel nach Fertigstellung wiederfinden wird, sei Garant dafür, dass die Menschen vor Ort lange Freude an der Orgel haben werden.

Wie unterschiedlich die Hörgewohnheiten sind, stellte Klais mit seinen eigenen Ohren etwa 1995 fest, als sein Betrieb den Neubauauftrag für die Orgel der Kyoto Symphonie Hall in Japan erhielt. Klais beschäftigte sich ausgiebig mit traditionellen japanischen Musikinstrumenten und besuchte Konzerte, bei denen diese zum Einsatz kamen. „Das hat mir fast die Schuhe ausgezogen. Für meine ungelernten Ohren wirkten diese Klänge sehr merkwürdig. Andersherum befürchtete ich, dass Japaner möglicherweise das Gleiche empfinden, wenn sie den Klang einer europäischen oder deutschen Orgel hören.“ Ein reiner Orgel- oder Kulturexport wäre also wenig sinnvoll.   

Wenn es gilt, eine neue Orgel zu entwerfen, dann begutachtet Klais alle Details des Aufstellungsortes und dessen Umfeld. Stets gehe es ihm darum, ein Konzept für eine einzigartige Orgel zu entwerfen. Das beinhaltet nicht nur aktuelle kulturelle Bedürfnisse zu befriedigen, sondern vor allem solche, die vielleicht erst in 20 Jahren vorherrschen werden. Schließlich haben die großen Orgelbauprojekte, wie jenes der Orgel der Hamburger Elbphilharmonie, oft schon eine Laufzeit von zehn Jahren. „Preis und Lieferzeit werden als wichtige Kriterien bei der Entscheidungsfindung für ein Orgelbauprojekt herangezogen. Diese haben aber bereits wenige Jahre nach Fertigstellung eines Projektes keine Bedeutung mehr. Dann geht es nur darum, ob das Instrument überzeugt“, erklärt Klais.

Umgang mit den Werkstoffen

Drei Werkstoffe sind beim Orgelbau elementar: Zinnlegierungen, Massivhölzer und Leder. Der nachhaltige Umgang mit diesen natürlichen Ressourcen ist ein wichtiger Bestandteil des Orgelbauprozesses. So arbeitet Orgelbau Klais beispielsweise eng mit Forstbetrieben zusammen und legt für einige Holzarten auch großen Wert auf die Wahl des richtigen Zeitpunktes zum Fällen der Stämme. Ein nachhaltiger Umgang mit ökologischen Ressourcen ist nach Klais nicht nur eine Selbstverständlichkeit, er ist auch immanenter Teil der Orgelbautradition. Ohne dieses Bewusstsein würden sich die Orgelbauer den Ast absägen, auf dem sie sitzen.

Orgel der Elbphilharmonie
Orgel der Elbphilharmonie © Michael Zapf

Die Orgel ist laut Klais eines der wandlungsfähigsten Instrumente. In der mehr als 2000-jährigen Orgelbaugeschichte, die ihren Anfang in Alexandria im heutigen Ägypten nahm, wurden immer auch die neuesten Techniken aufgenommen: von der Pneumatik, über Strom bis mittlerweile hin zur Digitaltechnik. Die Orgel veränderte sich innerlich wie äußerlich, auch vor der Grundkonzeption wurde nicht halt gemacht. Gleichzeitig gibt es heutzutage gute Orgelbauwerkstätten, die sich mit historischen Rekonstruktionen beschäftigen und alte Orgeln so wieder aufleben lassen. Klais hat einen anderen Weg eingeschlagen. Er konzentriert sich auf den Bau zeitgenössischer Instrumente, die gleichwohl Geschichtsbewusstsein erkennen lassen.

Jede Orgel ein Unikat

Eine Orgel sollte seiner Ansicht nach nicht als etwas von gestern respektiert werden, sondern als etwas Wichtiges von heute. Die Lebendigkeit des Instruments und die Beachtung aktueller und zukünftiger Hörgewohnheiten stehen daher für ihn im Zentrum. Dennoch sei es wichtig, die Geschichte des Orgelbaus zu verstehen und zu respektieren. Tradition und Moderne seien hier keine Spannungsfelder, sondern könnten beachtliche Synergieeffekte erzeugen.

Wieso ist gerade Deutschland zu einem Kernland des Orgelbaus geworden? Klais sieht zwei Gründe: Erstens habe Johann Sebastian Bach, 1685 in Eisenach geboren, die Orgelmusik maßgeblich durch seine Kompositionen bereichert und damit auch die Bedeutung und Möglichkeiten des Instruments stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Zweitens gilt Deutschland als Kernland des Maschinenbaus, verschiedenste handwerkliche und ingenieurtechnische Methoden werden hier kreativ umgesetzt.

Da jede Orgel ein Unikat ist, ist der Orgelbau zwingend auf menschliches Wissen und Können angewiesen. Eine maschinelle Fertigung würde sich weder lohnen, noch wäre sie zielführend. „Nur wenn eine Orgel unverwechselbar ist, kann sie das Innerste der Menschen erreichen. Dafür wird sie gebaut“, so Klais.

(Artikel erstellt am 25. April 2017)

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