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„Ein Organist ist der Dirigent seines eigenen Orchesters“

Porträt der Orgel von St. Martin in Kassel und ihres Kantors Eckhard Manz

Tradition und Moderne werden nicht selten als gegensätzlich wahrgenommen und dargestellt. Die Kasseler Martinskirche zeigt indes auf faszinierende Weise, dass wir Tradition und Moderne als symbiotisches Geflecht verstehen sollten. Anhand der im Juni 2017 neu eingeweihten Orgel macht Eckhard Manz, Kantor an St. Martin, deutlich, dass auch ein mehrere Tausend Jahre altes Instrument höchst innovativ sein kann. Über die Aufnahme der deutschen Nominierung "Orgelbau und Orgelmusik" in die Repräsentative Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit entscheidet der Zwischenstaatliche Ausschuss der UNESCO im Dezember 2017 in Jeju (Republik Korea).

Die neue Orgel der Kasseler Martinskirche
© Stefan Korte/Galerie Neu Berlin

Seit Jahrzehnten ist die musikalische Arbeit an St. Martin in Kassel von der Begegnung mit zeitgenössischer Musik geprägt. Umgesetzt wird dies mit einem Instrument, dessen Geschichte mehrere Tausend Jahre in die Vergangenheit reicht und doch vollkommen neuartig und innovativ daherkommt.

Erst vor kurzem eingeweiht, setzt die Orgel der Martinskirche neue Maßstäbe. Da ist zum einen das Aussehen, der künstlerische Entwurf, der sich mit keiner anderen Orgel vergleichen lässt. Die neue Orgel ist stolze 20 Meter breit und besteht aus freistehenden Pfeifen im Prospekt. Diese wirken, als seien sie wild durcheinander. Tatsächlich sind sie genau geplant arrangiert. Am unteren Teil sind Haare angebracht, die sich durch den Wind des Instruments bewegen und den Klang auch visuell erlebbar machen.

Eine neue Klangwelt

Noch wichtiger als das Aussehen ist der Klang der Orgel. „Wir wollten ein Instrument, das sowohl den klassischen Kanon der Orgelliteratur als auch zeitgenössische Musik realisieren kann“, so Manz. Gerade im neueren Orgelbau gebe es viele neue und interessante Entwicklungen, die jedoch keinen Rückhalt durch die klassischen Notenwerke hätten. „Der Rückhalt der Literatur war uns aber sehr wichtig“, erklärt Manz. Also musste das Instrument auf die Musik zugeschnitten werden und nicht umgekehrt.

Entstanden ist eine beeindruckende Orgel, die weltweit ihresgleichen sucht. Zwar ist jede Orgel ein Unikat, denn Serienprodukte gibt es im Orgelbau nicht; doch wartet die Orgel der Martinskirche mit einer ganz eigenen Besonderheit auf: der Vierteltonklaviatur. Das Spielen und Wiedergeben von Vierteltönen mit einer Orgel erlaubt es, völlig neue Klangwelten zu erschließen. Bislang mussten sich Organisten und Komponisten mit Halbtönen begnügen.

Feine Haare machen den Klang auch visuell erlebbar
© Stefan Korte/Galerie Neu Berlin

Beim Blasinstrument Orgel ist zudem die Steuerung des Windes von großer Bedeutung. Ist die Windregulierung flexibel, können weitere Klangfarben erzeugt werden. Auch hierfür ließ man sich etwas komplett Neues einfallen: Auf jedem Manual kann der Wind verschieden eingestellt werden, sogar das Erzeugen eines Überdrucks ist möglich – ähnlich einem Klarinettisten, der mal stärker, mal leichter Luft in sein Instrument presst. „Jeder Ton kann durch die Windveränderung quasi unendlich variiert werden“, schwärmt Manz.

Trotz dieser innovativen Neuerungen ist die Orgel eingebunden in den historischen Kontext des Instruments. Ihr Kern ist traditionell mechanisch konstruiert, klassische Musik gibt sie auf sehr hohem Niveau wieder. „90 Prozent des Instruments ist klassischer qualitativ hochwertiger Orgelbau. Einen Traditionsbruch gibt es also nicht“, erklärt Manz.

Register der Orgel der Martinskirche
© Stefan Korte/Galerie Neu Berlin

Neben den Besonderheiten einer Orgel ist der Mensch entscheidender Faktor für die Erzeugung eines harmonischen Klangs. Als Organist ist man sowohl Dirigent als auch Teil eines Orchesters. Ähnlich wie sich ein Orchester aus verschiedenen Klangfarben zusammensetzt, hat der Organist am Instrument durch das Ziehen von Registern unzählige Möglichkeiten, auf verschiedene Klangfarben zurückzugreifen, diese zu kombinieren und zu steuern. „Ich muss entscheiden, ziehe ich die Oboe zusammen mit der Flöte oder dem Prinzipal. Das klingt stilistisch bei Brahms besser als bei Bach und bei Bach wiederum besser als bei Frescobaldi“, erklärt Manz. Neben dem Dirigieren muss der Organist ja auch spielen und Töne erzeugen, was in einem Orchester in der Verantwortung der einzelnen Mitglieder liegt.

Doch was sagen die Besucher über den besonderen Klang der Vierteltonorgel? „Der erste Reflex vieler Besucher der Kirche ist, es klingt verstimmt. Schließlich hat bisher fast kein Mensch auf der Welt so etwas gehört“, so Manz. Spätestens nach zwei Minuten setze jedoch die Faszination ein und die Leute seien erstaunt, wie dieses althergebrachte Instrument solch einen verblüffenden Klang erzeugen kann. „Man verbindet diesen Klang anfangs nicht mit einer Orgel. Er passt nicht in die Erinnerungen, die die Menschen zu dem Instrument haben. Und das ist das Faszinierende! Deswegen sage ich, es eröffnet eine völlig neue Klangwelt.“ Selbst erfahrene Komponisten seien fasziniert vom Klang.

Die Orgel als identitätsstiftender Faktor für Jung und Alt

Die Orgel von St. Martin ist nicht nur so groß geworden, weil man ein größtmögliches Klangspektrum realisieren wollte. Sie ist auch so groß geworden, weil sich sehr viele Menschen privat engagiert haben. Verschiedene Unternehmen, Banken und natürlich eine Vielzahl von Einzelspendern, von klein bis groß, trugen über 800.000 Euro an Spendengeldern zusammen. „Das war für alle Beteiligten überwältigend. Aber meine Erfahrung ist, dass Menschen gerne für Orgeln spenden. Ich sage zur Landeskirche immer: Wenn ihr ein erfolgreiches Projekt wollt, baut eine Orgel“, erläutert Manz.

Eckhard Manz beim Orgelspiel
© Musikbüro an St. Martin

Im Einweihungsgottesdienst der neuen Orgel waren so viele Menschen wie noch nie zuvor in der Martinskirche – selbst an Heilig Abend nicht. Viele kamen, die sich schon seit Jahren für die Orgel interessierten oder engagierten. Und alle haben sehnlich darauf gewartet, dass es endlich losgeht. „Als ich dann das Einführungsstück, das Präludium von Bach spielte, da musste ich mich schon sehr zusammenreißen, dass es mich nicht vom Stuhl haut. Es war sehr beeindruckend“, so Manz.

Auch viele junge Leute kamen zur Einweihung. Es gibt mittlerweile immer mehr Initiativen zur Vermittlung des Instrumentes Orgel an Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Diese Initiativen laufen sehr gut. „Sobald man Kindern und Jugendlichen eine Orgel vorstellt, sind diese sofort fasziniert. Die Orgel ist groß, technisch spektakulär, musikalisch mitreißend und geschichtlich breit aufgestellt“, erklärt Manz. Wo noch mehr getan werden müsse, um die Jugendlichen am Ball zu halten, ist die Vermittlungsarbeit. Die Orgelakademie in Stade ist in dieser Hinsicht ein Leuchtturm.

Im August fand das internationale Orgelfestival in Kassel statt mit Konzerten, Jam-Sessions und Führungen. Damit schlägt das Instrument eine Brücke zwischen der 500-jährigen Erinnerung an die Reformation 1517 und der zeitgleich stattfindenden documenta 14. „Für mich sind sowohl die Musik als auch das Instrument ein Kunstwerk. Mein Wunsch ist, diese Linie zu zeigen“, so Manz. Wegen der documenta sind viele Besucher in Kassel, die sich für zeitgenössische Kunst interessieren. Nicht wenige kommen auch in die Martinskirche und sind erstaunt über diese Orgel, die in wunderbarer Harmonie Tradition und Moderne vereint.

Weitere Informationen

Immaterielles Kulturerebe
Orgelbau und Orgelmusik im Bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes
Orgelbau und Orgelmusik als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit nominiert

(Artikel erstellt am 25. August 2017)

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