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"Ein Reetdachdecker zeichnet sich durch Kreativität und gestalterische Fähigkeiten genauso aus wie durch körperliche Fitness."

Kulturtalent Joachim Schröter

Kulturtalent Juni: Reetdachdecker-Meister Joachim Schröter
Kulturtalent Juni: Reetdachdecker-Meister Joachim Schröter

Das Eindecken von Dächern mit Reet ist eine alte hausbauliche Handwerkstechnik. Ursprünglich waren es Dächer in ländlichen Regionen, die mit den bewährten und regional verfügbaren Naturbaustoffen Reet oder Stroh erbaut wurden. Reetdächer sind in vielen Regionen Europas, Asiens und Afrikas verbreitet. In Deutschland sind sie überwiegend im norddeutschen Raum mit Küstennähe zu finden, vereinzelt aber auch im Spreewald und in Süddeutschland. Das Interesse an reetgedeckten Dächern ist in den letzten Jahren wieder stark gestiegen. 1998 wurde der Lehrberuf Reetdachtechnik eingeführt, um den gestiegenen fachlichen Anforderungen Rechnung zu tragen.

Im Interview erzählt Joachim Schröter (58), Reetdachdecker-Meister aus Vielank in Mecklenburg-Vorpommern, wie sich das Handwerk durch internationalen Austausch weiterentwickelt, welche Vorteile ein reetgedecktes Haus bietet und wie die Früchte seines Handwerks ganze Regionen prägen.

Reetdächer werden wieder stärker nachgefragt, manche sprechen gar von einer Renaissance des Reetdachs. Was sind die Gründe hierfür?

Joachim Schröter: Das stimmt, Reet wird in der Tat wieder stärker nachgefragt. Die Gründe hierfür sind ganz unterschiedlich. Viele umweltbewusste Menschen begeistert der ökologische Aspekt: Reet ist ein optimaler Baustoff, was Nachhaltigkeit anbelangt. Er ist natürlich und unbehandelt und verrottet zum Schluss ganz einfach. Viele Hausbesitzer finden auch, dass ein reetgedecktes Haus ein angenehmeres Wohnklima bietet. Und für Menschen in Norddeutschland gehört zu einem schönen Haus einfach ein Dach aus Reet dazu. Reet muss aber nicht zwangsläufig auf das Dach, man kann es auch als Gestaltungsmaterial nutzen. Das ist gerade ein ganz neuer Trend. Die Niederländer sind hier Vorreiter. Dort werden sogar die Außenfassaden von Häusern mit Reet verkleidet. In Deutschland wird das mittlerweile mancherorts übernommen.

Inwiefern prägen Reetdächer Norddeutschland?

Schröter: Reetdächer haben bei uns im Norden eine viele Jahrhunderte lange Tradition. Sie sind prägend für das Landschaftsbild vieler Gegenden und daher eigentlich nicht wegzudenken. Es gibt sogar Orte oder Regionen in Deutschland, wo Reetdächer vorgeschrieben sind. Beispielsweise mussten in einem Neubaugebiet bei Glückstadt an der Elbe alle neuen Häuser mit Reet eingedeckt werden. Dadurch wurde ein sehr harmonisches und wirklich schönes Landschaftsbild erschaffen. Auch auf einigen Nordseeinseln, wie beispielsweise Sylt, sind Reetdächer vorgeschrieben. Dort hat man sich neben ästhetischen auch aus touristischen Gründen fürs Reet entschieden. Auch für die Gastronomie ist ein Reetdach oft wichtiger Bestandteil des Konzepts, manche Leute kommen nur deshalb ins Restaurant.

© Reetdachdecker-Innung Mecklenburg-Vorpommern

Was macht das Reetdachdecker-Handwerk aus? Welches Wissen und Können muss man dafür haben?

Schröter: Man muss ein Gefühl für das Handwerk haben, ein Gefühl für Flächen, für Ästhetik und für das Reet. Gerade die Arbeit mit dem natürlichen und nachwachsenden Rohstoff Reet macht mir persönlich sehr viel Freude. Ich bessere mit meinen Kollegen alte Reetdächer aus oder bringe Reet auf die Dächer neugebauter Häuser. Letzteres kommt zwar nicht so häufig vor, aber es nimmt zu. Ein Reetdachdecker zeichnet sich durch Kreativität und gestalterische Fähigkeiten genauso aus wie durch körperliche Fitness. Man turnt ja schon ziemlich herum auf dem Dach. Das kann recht anstrengend sein. Angenehm ist die Arbeit an der frischen Luft. Zwar ist man dadurch auch mal Wind und Wetter ausgesetzt, aber mir macht das nichts aus. Das Wichtigste am Handwerk ist aber letztendlich das Reetklopfen und das Festbinden des Reets. Als wichtigstes Werkzeug nutzen wir ein Schlagbrett, auch Klopfer oder Treiber genannt. Damit klopft man das Reet etwas hoch. Zum Festmachen des Reets an der Dachlattung nehmen wir traditionell Bindedraht und Nadeln.

Woher beziehen Sie das Reet?

Schröter: Es gibt sehr viel unterschiedliches Reet, je nach Dachform kommt eine bestimmte Reetsorte zum Einsatz. Für gerade Flächen nutzt man eher langhalmiges Reet, für Gauben oder Erker braucht man hingegen kurze Halme, damit man um die Ecken kommt. Das Reet beziehen wir mittlerweile überwiegend aus dem Ausland. Viel kommt aus dem Donaudelta in Rumänien, aber auch aus Ungarn, der Ukraine und Österreich. In den letzten Jahren hat zudem der Reetimport aus China sehr stark zugenommen. Nur etwa 10 Prozent der hier verarbeiteten Mengen an Reet stammen aus Deutschland. Es wäre natürlich schön, wenn wir den Bedarf mit Reet aus der Region decken könnten. Hier kollidiert das Handwerk aber paradoxerweise häufig mit dem Naturschutz, denn auf vielen Flächen ist das Abernten von Reet verboten. Reet wird nur einmal im Jahr geerntet, nämlich im Winter. Diese Menge muss dann für das ganze Jahr reichen. Wenn es dann einen Boom gibt, wie beispielsweise nach der Wende Anfang der 1990er Jahre, ist zum Jahresende hin kein Reet mehr verfügbar.

Was ist die größte Herausforderung, der sich das Handwerk stellen muss?

Schröter: Eine Zeit lang hatten wir Reetdachdecker Schwierigkeiten aufgrund des Mangels an Reet in Deutschland. Zwar wurde viel Reet importiert, das wies damals jedoch Qualitätsmängel auf. Dabei war aber nicht das Reet selbst das Problem. Vielmehr wurde es durch den Transport und die Lagerung einfach zu feucht und war schon vorgeschädigt, als es auf die Dächer kam. Das hat die Lebensdauer der Dächer verkürzt. Dem Image der Reetdachdecker hat das natürlich nicht gutgetan. Es ist daher sehr wichtig, Kenntnisse über die Ernteabläufe zu haben, um zu wissen, worauf man achten muss und um die Qualität des Reets einschätzen zu können. Heutzutage wird strikt darauf geachtet, dass das Reet trocken geerntet, gelagert und transportiert wird. Das Reet ist ja immer komplett unbehandelt, alles andere würde dem ökologischen Gedanken widersprechen.

Wie lange hat man eigentlich Freude an einem Reetdach?

Schröter: Reetdächer können viele Jahrzehnte halten. Das hängt allerdings auch davon ab, wie das Haus steht. Früher wurden die Häuser oft in Nord-Süd-Ausrichtung gebaut, so dass die Sonne im Laufe eines Tages auf drei Flächen schien. Diese konnten also tagsüber trocknen, eine feuchte Nordseite wurde in Kauf genommen. Und die Häuser waren eher freistehend ohne umliegende Bäume oder andere Häuser, so dass der Wind gut an das Dach kam und die Halme trocknen konnte. Wenn solche günstigen Gegebenheiten vorhanden sind, hält das Dach 40 Jahre oder länger. Wichtig ist aber auch, dass das Dach eine gute Neigung hat, hier sind 45 Grad vorgeschrieben.

© Reetdachdecker-Innung Mecklenburg-Vorpommern

Das Handwerk des Reetdachdeckens existiert seit vielen Tausenden Jahren, doch erst 1998 wurde in Deutschland der Lehrberuf des Dachdeckers mit Fachrichtung Reetdachtechnik entwickelt. Wie erklären Sie sich das?

Schröter: Als ich angefangen habe, gab es den Ausbildungsberuf noch nicht. Mir wurde alles vom Meister und meinen Kollegen beigebracht. Anfangs habe ich das Reet die Leiter hochgetragen und den anderen Handwerkern bei ihrer Arbeit zugeguckt. Als ich verstanden hatte, wie das Ganze funktioniert, konnte ich selbst loslegen. Im Laufe der Jahre wurde das Handwerk aber immer komplexer und es entstanden neue Vorschriften, die es zu beachten gilt. Daher bildete sich der Wunsch heraus, eine gewisse Standardisierung dieses spezifischen Handwerks zu erreichen. So wurde die Ausbildung des Dachdeckers um die Fachrichtung Reetdachtechnik erweitert. Das Handwerk ist also ein Teilbereich des gesamten Dachdeckerhandwerks. Die entsprechenden Prüfungen habe ich nachgeholt, damit meine Arbeit den modernen Standards entspricht und ich bei der Handwerkskammer eingetragen werden kann. Vom Fachlichen her wusste ich zwar bereits alles, aber im kaufmännischen Bereich konnte ich noch etwas dazulernen.

Was ist für Sie persönlich der bedeutendste Aspekt des Immateriellen Kulturerbes „Reetdachdecker-Handwerk“?

Schröter: Das ist die Weitergabe des handwerklichen Könnens. Um das Handwerk zu erlernen, braucht es mehr als nur ein Fachbuch oder ein Wochenendseminar. Man muss es ganz praktisch angehen: zuschauen, erklären lassen, ausprobieren. Jedes Dach ist anders, jeder Reetbund ist anders - dafür braucht es Erfahrung und ein gutes Gespür. Denn die praktischen Fähigkeiten, die man als Reetdachdecker haben muss, sind wirklich sehr speziell. Man findet heutzutage diverse Do-It-Yourself-Anleitungen für unterschiedlichste handwerkliche Herausforderungen, die sogar Leute ohne Vorkenntnisse bewerkstelligen können. Beim Reetdachdecken ist das anders, dazu braucht man sehr viel spezifisches Können.

Was hat sich bei der Ausübung Ihres Handwerks im Vergleich zu früher gewandelt?

Schröter: Man hat heute ein paar zusätzliche Dinge, die die Arbeit erleichtern. Zum Beispiel nutzen wir einen Aufzug, um das Reet aufs Dach zu befördern oder einen Akkuschrauber, um es am Dach zu befestigen. Auch das Wissen über den Rohstoff Reet ist gewachsen – genauso wie die Vorschriften, die man als Reetdachdecker berücksichtigen muss. Die eigentliche handwerkliche Leistung ist aber fast genauso wie vor hunderten Jahren. Ich verwende immer noch meine erste Nadel, die ich zu Beginn meiner Tätigkeit von einem Schmied habe anfertigen lassen. Und von meinem Schlagbrett habe ich noch den ersten Griff. Man kann an dem Handwerk nicht wirklich viel verbessern.

Welche Herausforderung stellen sich für die Zukunft?

Schröter: Reetdachdeckerbetriebe haben Schwierigkeiten Nachwuchs zu finden. Viele junge Leute schrecken vor der körperlichen Anstrengung zurück, die der Beruf mit sich bringt; Geld lässt sich anderswo leichter verdienen. Problematisch war lange Zeit auch, dass man im Winter nicht als Reetdachdecker arbeiten konnte. Zu meiner Anfangszeit wurden wir Reetdachdecker noch im Winter entlassen und erst im Frühling wieder eingestellt. Früher sind Reetdachdecker deshalb im Winter einer anderen Beschäftigung nachgegangen. Mittlerweile wird das Handwerk ganzjährig ausgeübt. Allerdings ist es natürlich nochmals fordernder, bei Minusgraden Dächer zu decken. Was mir neben dem Mangel an Lehrlingen noch Sorge bereitet, ist, dass Reetdächer immer teurer werden. Reetdachdecken ist ein sehr arbeitsintensives Handwerk, es gibt keine Möglichkeit, hier etwas maschinell durchzuführen. Die Lohnkosten in Deutschland wie in den Ländern unserer Zulieferer steigen seit Jahren. Das ist zwar eine schöne Entwicklung, aber es macht das Reetdachdecken immer teurer. Ich befürchte, dass das ursprünglich aus dem bäuerlichen Kontext stammende Reetdach immer mehr zum Luxusgut wird. Viele Leute schätzen diese Dächer und haben ein ausgeprägtes Bewusstsein dafür, können aber das nötige Geld nicht aufbringen. Da es sich um eine ausgesprochen ökologische Bauweise handelt, wäre es natürlich toll, wenn die Politik hier einspringen und dieses Handwerk fördern könnte.

© flickr/Tellmewhat, CC BY-NV-SA 2.0

Gibt es Kooperationen zwischen den Reetdachdeckern in Mecklenburg-Vorpommern und darüber hinaus?

Schröter: In Mecklenburg-Vorpommern gibt es eine Reetdachdecker-Innung. Wir treffen uns hier regelmäßig. Auf Bundesebene gibt es die Bundesfachgruppe, bei der auch Kollegen aus Schleswig-Holstein und Niedersachsen sowie ein paar aus Brandenburg, Berlin und Hamburg dabei sind. In der Fachgruppe tauschen wir uns über Rohstoffe, Arbeitsschutz und vieles mehr aus. Für den Austausch der Reetdachdecker weltweit gibt es die International Thatching Society. In diesem Verband haben sich Reetdachdecker aus Japan, Südafrika, Großbritannien, Schweden, den Niederlanden, Dänemark und Deutschland zusammengeschlossen. Das letzte Treffen fand in Schweden statt, das vorletzte in Südafrika. Die sprachliche Verständigung mit den Kollegen aus dem Ausland ist zwar manchmal nicht so einfach, wir verstehen uns aber auch sehr gut ohne Worte über das Handwerk.

Wird das Handwerk in anderen Ländern anders ausgeübt?

Schröter: Es ist immer sehr interessant zu sehen, wie Reetdächer in anderen Ländern gemacht werden. Für das Treffen in Südafrika hatten unsere Reetdachdecker-Kollegen mehrere kleine Dachstühle bereitgestellt. Jeder Reetdachdecker konnte diese so eindecken, wie er es schon immer macht. Da sieht man sehr deutlich, dass die Handwerker aus verschiedenen Ländern alle ihren eigenen Stil haben. Grundsätze des Handwerks sind aber im Großen und Ganzen überall sehr ähnlich. Die Geräte sind die gleichen, die Techniken auch. Je nach Region werden unterschiedliche Reetsorten verwendet. So nutzt man in Südafrika beispielsweise eher einen feinhalmigen grasartigen Rohstoff, das sogenannte Elefantengras. Das ergibt ein sehr feines Dachbild. Elefantengras hat man auch in Deutschland mal verwendet, es hält aufgrund unserer kalten Winter aber nicht so lange wie Reet.

Das alte Handwerk wird also kontinuierlich fortentwickelt. Was sind die neuesten Trends?

Schröter: Reethändler verkaufen Reet auch als Dämmmaterial, denn Reet hat sehr gute Dämmeigenschaften. Das wird dann oft zusammen mit Lehm und Kalkfarbe verwendet – hier kommt also zusätzlich noch das Immaterielle Kulturerbe des Wissens und Könnens um den Kalkmörtel mit ins Spiel. Teilweise werden auch Fassaden von mehrstöckigen modernen Wohnhäusern mit Reet verkleidet. Die Niederländer arbeiten hier ausgesprochen kreativ und progressiv, wie ich bereits andeutete. Von ihnen können wir in Deutschland noch etwas lernen. Es gibt viele interessante Trends und neue Entwicklungen rund ums Reet. Die gestalterischen Möglichkeiten, die Reet bietet, werden gerade erst entdeckt.

Kulturtalente

Kulturtalente in ganz Deutschland prägen und gestalten das Immaterielle Kulturerbe. Sie erhalten kulturelle Traditionen durch Anwendung und Weitergabe ihres Wissens und Könnens. Die Deutsche UNESCO-Kommission stellt seit Juli 2016 über 12 Monate 12 Kulturtalente vor und zeigt, wie sie das Immaterielle Kulturerbe hierzulande kreativ weiterentwickeln. Joachim Schröter ist das Kulturtalent des Monats Juni.

Weitere Kulturtalente

(Artikel erstellt am 19. Juni 2017)

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