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Dezember 2015

"Zukunft des Welterbes nachhaltig und konfliktfrei gestalten"

Interview mit Mechtild Rössler

Dr. Mechtild Rössler ist seit September 2015 Direktorin der Abteilung für das Kulturerbe und das Welterbezentrum am UNESCO-Hauptsitz in Paris. Sie ist damit für die UNESCO-Übereinkommen zum Schutz von Kulturgütern, für das Welterbezentrum und für Projekte zur Kulturgeschichte zuständig. Die 56-Jährige setzt sich seit mehr als 20 Jahren für die Erhaltung des Kultur- und Naturerbes im Rahmen der UNESCO ein. Im Interview spricht sie über Herausforderungen und Erfolge beim Schutz des Welterbes.

Dr. Mechtild Rössler, Direktorin des UNESCO-Welterbezentrums
© UNESCO

Frau Rössler, die UNESCO setzt sich für den Erhalt und die Weiterentwicklung unseres kulturellen Erbes ein. Sie hat Programme zum immateriellen Kulturerbe, zum Dokumentenerbe, zum Natur- und Kulturerbe. Wie sind all diese Programme konzeptionell miteinander verbunden?

Die UNESCO hat verschiedene Instrumente wie die internationale Konvention zum Weltkultur- und -naturerbe von 1972 oder die Konvention zum immateriellen Kulturerbe von 2003. Diese sind im Kultursektor verankert. Die sechs Konventionssekretariate arbeiten eng zusammen, es gab sogar dieses Jahr in Bonn ein gemeinsames Treffen aller Präsidenten der für diese Konventionen zuständigen zwischenstaatlichen Komitees. Das Dokumentenerbe dagegen ist im Kommunikationssektor verankert und ist ein eigenes Programm. Aber es gibt keine Konvention, d.h. kein internationales Rechtsinstrument zum Schutz des Dokumentenerbes. Natürlich sind die Listen der UNESCO, d.h. die Welterbeliste oder die drei Listen des Immateriellen Kulturerbes am bekanntesten, da es sich um ganz konkrete Schutzmaßnahmen in den einzelnen Staaten handelt und dies die Menschen direkt betrifft. Es gibt Welterbestätten, die gleichzeitig mit immateriellem Erbe verbunden sind, etwa durch bestimmte Praktiken in heiligen Stätten wie den Kayas von Kenia. 

Sie sind für den Schutz von mittlerweile 1.031 Kultur- und Naturerbestätten auf der ganzen Welt zuständig. Wie machen Sie das?

Alle Vertragsstaaten der Welterbekonvention verpflichten sich, die Welterbestätten auf ihrem Territorium zu schützen. Sie erstellen dafür unter anderem einen Managementplan. Ziel ist es dabei, Instrumente auszuarbeiten, mit denen die Zukunft des Welterbes nachhaltig und möglichst konfliktfrei gestaltet werden kann. Wo dies nicht funktioniert, stellen wir unsere Expertise zur Lösungsfindung bereit. Wir nutzen dabei auch die Expertise von ICOMOS – dem internationalen Rat der Denkmalpfleger – und IUCN – der Weltnaturschutzunion. Ziel ist es immer, einen für die Region und die Welterbestätte sinnvollen Entwicklungsweg zu finden.

Nationalpark Los Katíos
© UNESCO

Ist eine Stätte durch Verfall oder Missmanagement ernsthaft gefährdet, kann das Welterbekomitee entscheiden, diese in die "Liste des gefährdeten Welterbes" einzutragen. Mit der Aufnahme in diese Liste soll die Völkergemeinschaft zu verstärkter Unterstützung bewegt werden. Der Nationalpark Los Katíos in Kolumbien ist ein gutes Beispiel für ihre Funktionsweise. Er hat aufgrund seines außergewöhnlichen Artenreichtums weltweite Bedeutung für den Schutz der biologischen Vielfalt. 2009 hatte das Welterbekomitee die Stätte als gefährdet eingestuft. Gründe dafür waren der Raubbau am tropischen Regenwald, Wilderei und illegaler Fischfang. Die kolumbianische Regierung hatte den Eintrag in die Liste des bedrohten Welterbes befürwortet, um Schutzmaßnahmen auf nationaler und internationaler Ebene in Gang zu bringen. Dank der gemeinsamen Anstrengungen ist es dann gelungen, die Gefährdung des Weltnaturerbes abzuwenden und die illegalen Aktivitäten zu stoppen. In diesem Jahr konnte die Stätte von der Liste des gefährdeten Welterbes gestrichen werden. Das war ein Erfolg für uns alle.

Zahlreiche Stätten auf der roten Liste sind durch bewaffnete Konflikte und Extremisten bedroht. In der Wüstenstadt Timbuktu in Mali zerstörten 2012 Islamisten heilige Grabstätten und 2013 antike Schriften in der Ahmed-Baba-Bibliothek. Auch die Plünderungen in Nimrud und Hatra, des Museums von Mossul im Irak und die Angriffe auf Palmyra in Syrien oder Sanaa im Jemen schockieren. Was tut die UNESCO, um das kulturelle Erbe in solchen Konflikten zu schützen?

In diesen extrem schwierigen bewaffneten Konflikten ist die UNESCO auf zahlreichen Ebenen aktiv. Wir richten Schutzzonen um die betroffenen Stätten oder Regionen ein, um sicherzustellen, dass Kulturgüter nicht illegal exportiert werden. Raubgrabungen zerstören archäologische Stätten und sind häufig eine Ursache für einen langsamen Verfall von Welterbestätten und tragen zudem zur Finanzierung des Terrorismus bei. Wir arbeiten hier eng mit den jeweiligen Nachbarstaaten, Interpol, Zollämtern und Kunsthändlern zusammen, um den illegalen Handel mit Kulturgütern zu unterbinden.

Auf der Grundlage einer Resolution des UN-Sicherheitsrats, die den Handel mit Kulturgütern aus Syrien und dem Irak untersagt, konnten wir bereits erste Erfolge feiern: Antiken aus den zwei Ländern konnten in Finnland, Jordanien, dem Libanon, der Türkei, Großbritannien und den USA beschlagnahmt werden. Außerdem unterstützen wir unsere lokalen Experten in den Konfliktregionen, die sich häufig unter Lebensgefahr für das kulturelle Erbe einsetzen, durch Schulungen zu Notfallmaßnahmen und vielem mehr. Wir sind dabei zu untersuchen, ob ein Transport von beweglichen Kulturobjekten an sichere Orte sinnvoll ist, wenn die Gefahr der Zerstörung absehbar ist.

Und nicht zuletzt dokumentieren und bewerten wir gemeinsam mit Partnern die entstandenen Schäden an Welterbestätten, auch um die Täter eines Tages zur Rechenschaft ziehen zu können – wie beispielsweise bei der Verfolgung der Zerstörungen der Mausoleen in Timbuktu, Mali, die jetzt vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag verhandelt wird.

Bleiben wir doch bei dem Beispiel Mali. Was hat die UNESCO im Anschluss an die Zerstörung der 14 Mausoleen in Timbuktu im Jahr 2013 getan?

Moschee von Timbuktu
© UNESCO

Während der militärischen Operationen in Mali haben wir sehr eng mit den beteiligten Mitgliedstaaten kooperiert, um das Bewusstsein für den Schutz der Stätten zu erhöhen. Wir haben zum Beispiel über 8.000 Karten und Dokumente an Soldaten verteilt, um sie für das kulturelle Erbe zu sensibilisieren. Der Schutz des Kulturerbes wurde zudem in das Mandat der UN-Friedenstruppe integriert. Dann haben wir mit der Hilfe der Menschen in Timbuktu die 14 attackierten Mausoleen restauriert und wiederaufgebaut. Als die Extremisten vor zwei Jahren das Welterbe in Timbuktu zerstörten, sagten sie, dass das "Weltkulturerbe nicht vorhanden sei" und dass die Idee eines gemeinsamen Erbes der Menschheit "reine Ketzerei" wäre. Heute sind die Mausoleen wieder Teil des Stadtbildes, ihr Wiederaufbau war ein positives und einigendes Projekt zur Konsolidierung des Friedens. 

Wie eben erwähnt, kooperieren wir inzwischen mit dem Internationalen Strafgerichtshof und unterstützen bei dem bevorstehenden Prozess, bei dem ein mutmaßlicher Islamist wegen der Zerstörung der Mausoleen angeklagt ist. Die Zerstörung von Kulturgütern ist ein Kriegsverbrechen, das aufgeklärt werden muss. Es ist das erste Mal, dass ein Angeklagter wegen eines Angriffs auf eine Welterbestätte an den Internationalen Strafgerichtshof ausgeliefert wurde. Das ist Gerechtigkeit für Mali und auch für die Identität und Geschichte der Menschen.

Welche Rolle spielt Deutschland beim Schutz von Kulturgütern?

Deutschland spielt mit seiner einzigartigen Expertise und politischen Führungskraft eine wichtige Rolle beim Schutz des kulturellen Erbes. Das Deutsche Archäologische Institut und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, einschließlich des Pergamon-Museums in Berlin, zählen zu den einflussreichsten Institutionen der Welt, die das Verständnis vom Kulturerbe der Region fördern. Deutschland und Irak haben im Rahmen der UN-Generalversammlung eine Resolution eingebracht, um Staaten zum Schutz des Kulturerbes im Irak zu mobilisieren. Das war ein Wendepunkt für die Staatengemeinschaft.

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