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Dezember 2014

"Wissen und Können weitergeben"

Interview mit Christoph Wulf

Deutschland hat 27 Traditionen und Wissensformen in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Zu den lebendigen Traditionen, die die Kriterien erfüllten, zählen das Chorsingen, die Morsetelegrafie und die Orgelbautradition. Im Interview mit unesco heute online erzählt Christoph Wulf, Vorsitzender des Auswahlgremiums, vom Wert der Traditionen für die Menschen in Deutschland. Er ist Professor für Anthropologie und Erziehung an der Freien Universität Berlin.

unesco heute online: Herr Professor Wulf, wie zufrieden sind Sie mit den Vorschlägen für das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes?

Prof. Dr. Christoph Wulf
© DUK

Prof. Dr. Christoph Wulf: Die Vielseitigkeit der Vorschläge aus der Zivilgesellschaft war sehr interessant. In den Bewerbungen zeigt sich, wie groß die kulturelle Vielfalt in Deutschland ist. Die vielleicht wertvollste Erkenntnis besteht darin zu erfahren, welche Traditionen und Bräuche die Menschen in den Regionen als ihre Schätze begreifen. Dem unabhängigen Expertenkomitee ist daher die Entscheidung nicht leicht gefallen, aus den 83 Bewerbungen eine Auswahl zu treffen. Die Menschen setzen sich für ihre Traditionen mit viel ehrenamtlichem Engagement ein.

uho: Worauf hat das Komitee bei der Auswahl Wert gelegt?

Wulf: Die wesentlichen Kriterien sind im UNESCO-Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes festlegt: Eine Tradition muss aktiv praktiziert werden und den Menschen als Trägern ein Gefühl von Identität vermitteln. Das Expertenkomitee hat besonders Wert darauf gelegt, wie die Menschen das Wissen und Können erhalten und an die nächsten Generationen weitergeben. Wichtig war auch, dass die Menschen Bräuche kreativ weiterentwickeln und dass jeder Interessierte daran teilnehmen kann. Auch musste nachgewiesen werden, dass die Trägergemeinschaft in den Bewerbungsprozess eingebunden wurde. Einzigartigkeit und Originalität sind bei Formen des immateriellen Kulturerbes übrigens nicht die ausschlaggebenden Kriterien. Wir haben auch nicht die Tradition an sich bewertet, sondern die den Experten vorliegende Bewerbung, die leider oft nicht substanziell genug Aufschluss gab.

Rheinischer Karneval
© Festkomitee des Kölner Karnevals von 1823 e.V.

uho: Im bundesweiten Verzeichnis finden sich jetzt populäre Traditionen wie die deutsche Brotkultur und die Theater- und Orchesterlandschaft. Was hat die Experten überzeugt auch den Rheinischen Karneval aufzunehmen?

Wulf: Beim Rheinischen Karneval handelt es sich um eine Tradition, die seit Jahrhunderten im Rheinland das Leben in Städten und Gemeinden prägt. Hinter dem ausgelassenen Feiern stecken viel Können und Wissen und Organisationsfertigkeit. Von Aachen bis Mainz hat der Karneval in den Regionen eigene Rituale und handwerkliches Können entwickelt. Er verbindet die Menschen über Generationen, überliefert lokale Geschichten und hat ein großes Repertoire an Liedern, das immer weiterentwickelt wird. Gerade im Rheinland hat der Karneval auch eine politische Ventilfunktion, die historisch gewachsen ist. Die Straßenumzüge setzen sich satirisch und kritisch mit den aktuellen Verhältnissen auseinander.

uho: Viele hatten sicherlich erwartet, dass auch das Bierbrauen oder die Volksfestkultur in das bundesweite Verzeichnis aufgenommen werden. Was hat dagegen gesprochen?

Wulf: Das Bierbrauen nach dem Reinheitsgebot wurde in der dem Komitee vorliegenden Bewerbung leider nicht überzeugend dargestellt. Hier stand die Lebensmittelvorschrift zu sehr im Vordergrund. Wir hatten auch den Eindruck, dass die Bierproduktion inzwischen sehr industriell geprägt ist. Der Mensch als Wissensträger der Brautradition scheint zunehmend eine nachrangige Rolle zu spielen. Bei der Bewerbung zur Volksfestkultur in Deutschland waren die Angaben zu global. Die kommerziellen und touristischen Zwecke standen zu sehr im Vordergrund. Wir haben aber zwei lokale Volksfesttraditionen aufgenommen. Bei der Bewerbung der Schützen war zum Beispiel das Kriterium, dass jeder problemlos an diesem Brauch teilnehmen kann, nicht erfüllt, weil die christliche Tradition überbetont wird. Hier, wie auch in zwölf anderen Fällen, bitten wir die Bewerber um zusätzliche Informationen, um eine endgültige Entscheidung treffen zu können.

Lindenkirchweih Limmersdorf
© Verein zur Erhaltung und Förderung der Limmersdorfer Kirchweihtradition

uho: Einige Einträge sind sicherlich nur Spezialisten bekannt, etwa die Finkenmanöver im Harz oder die Limmersdorfer Lindenkirchweih. Ist das immaterielle Kulturerbe in Deutschland vielfältiger als bislang angenommen?

Wulf: Ja, auf jeden Fall. Zum Beispiel ist der Brauch auf einer Linde zu tanzen – ich betone "auf" und nicht "unter" – auch den meisten Experten im Komitee bislang nicht bekannt gewesen. Er ist ein schönes Beispiel für dörfliche Traditionen in Bayern. Im fränkischen Limmersdorf wird seit dem 17. Jahrhundert einmal im Jahr zur Kirchweih der Lindentanz gefeiert. Hierzu wurde, nachdem die Linde eine gewisse Größe erreicht hatte, ein Tanzboden eingebaut, auf dem bis heute musiziert und getanzt wird. Dieses Beispiel zeigt auf beeindruckende Weise, wie sich ein Brauch über Jahrhunderte erhält, wie er eine Gemeinschaft bildet und wie Menschen kreativ Sinn stiften.

uho: Die Menschen leben nicht nur ihre Traditionen, sie verdienen damit oft auch Geld, wenn man an den Orgelbau und die Brotkultur denkt. Wie hat das Expertenkomitee versucht, wirtschaftliche und kulturwissenschaftliche Interessen gleichermaßen zu berücksichtigen?

Wulf: Wir haben uns darauf verständigt, dass mit der kulturellen Ausdrucksform nicht ausschließlich kommerzielle oder touristisch-industrielle Zwecke verfolgt werden sollen. Besonders bei handwerklichem Wissen ist die wirtschaftliche Nutzung einer Tradition ja Lebensgrundlage. Wichtig dabei ist, ob sie für die Trägergruppe gleichzeitig auch einen identitätsstiftenden kulturellen Wert und eine soziale Funktion hat. Dann dient gerade auch diese Verbindung dem Erhalt des Kulturerbes.

uho: Und wie sieht das dann in der Praxis aus?

Wulf: Ein schönes Beispiel im bundesweiten Verzeichnis ist sicherlich die Idee der Genossenschaft. Die ersten Genossenschaften wurden vor rund 150 Jahren in Deutschland gegründet. Bauern, denen damals Geld für Vieh und Saatgut fehlte, konnten durch Zusammenschlüsse verhindern, dass sie weiter verarmten. Das Wirtschaftsmodell fördert seitdem die Praktik des bürgerschaftlichen Engagements in vielen Branchen. Es ist ein Modell der Selbsthilfe und Selbstverwaltung. Allein in Deutschland haben Genossenschaften heute 21 Millionen Mitglieder. Im Zuge der Energiewende haben sie seit 2011 neue Bedeutung erlangt. Genossenschaften bieten auch weniger privilegierten Bevölkerungsschichten neue Möglichkeiten der Teilhabe. Die ethischen Prinzipien wie Fairness und Solidarität haben Einfluss auf das Denken und Handeln der Mitglieder und der ganzen Gesellschaft. In erster Linie geht es den Genossenschaftlern nicht um hohe Gewinne, vielmehr möchten sie zum Wohle aller beitragen.

uho: Jugendkulturelle Phänomene und Gruppen mit Migrationshintergrund sind im Verzeichnis nicht vertreten. Woran liegt das?

Wulf: Aus diesen Bereichen gab es bisher keine Bewerbungen. Hier wünschen wir uns, dass sich neue Gruppen an der nächsten Bewerbungsrunde im März 2015 beteiligen. Schließlich soll das Verzeichnis die Realität der in Deutschland lebenden Menschen abbilden. Es geht nicht um "deutsches immaterielles Kulturerbe", sondern um "immaterielles Kulturerbe in Deutschland". Was Jugendkulturen betrifft, stellt die Zeitspanne der kulturellen Praxis eine gewisse Hürde dar. Wobei Phänomene wie Grafitti, Fankultur oder Sozialtafeln vermutlich schon über "Erbe-Charakter" verfügen und engagierte Träger haben.

Genossenschaftsversammlung
© Günter Mest/Energiegenossenschaft Vogelsberg

uho: 27 Traditionen stehen im bundesweiten Verzeichnis. Was wird für die internationalen Listen der UNESCO eingereicht?

Wulf: Deutschland reicht im März 2015 die Genossenschaftsidee für die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit ein. Mit diesem Vorschlag können wir einen interessanten Impuls setzen und zur Vielfalt auf den UNESCO-Listen beitragen. Der Vorschlag ist auch durch die nahezu weltweite Verbreitung der Genossenschaftsidee international gut anschlussfähig. Es gab 2012 ein UN-Jahr der Genossenschaften.

uho: Seit Anfang des Jahres wird in den Medien verstärkt über den Stellenwert von Traditionen als Teil des Kulturerbes diskutiert. Wie schätzen Sie die öffentliche Diskussion ein?

Wulf: Eigentlich ist das eine Wertediskussion. Viele Menschen verbinden mit dem Begriff Kultur etwas Elitäres, das nur bestimmten Gruppen der Bevölkerung vorbehalten ist, den Menschen, die einen Sinn für das Historische und für die Schönen Künste haben. Das immaterielle Kulturerbe bricht etablierte Kulturbegriffe auf und rückt Alltagskultur in ein neues Licht. Das sorgt für ein breiteres Verständnis von Kultur bei den Menschen. Was ist uns heute wichtig und was kann uns morgen wichtig sein? Mit dem bundesweiten Verzeichnis ist die Chance verbunden, unser kulturelles Gedächtnis und damit die Bedeutung von Gemeinschaften wieder zu entdecken und nicht bei Individualismus und Leistungsdenken stehen zu bleiben.

Das Interview führte Farid Gardizi für unesco heute online.

Mehr Informationen:

Bundesweites Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes

Logo des bundesweiten Verzeichnisses

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