Schriftgröße ändern

Zum Ändern der Schriftgröße verwenden Sie bitte die Funktionalität Ihres Browsers. Die Tastatur-Kurzbefehle lauten folgendermaßen:


[Strg]-[+] Schrift vergrößern
[Strg]-[-] Schrift verkleinern
[Strg]-[0] Schriftgröße Zurücksetzen



schließen
MenüService
Suche
  • Home
  • Schriftgröße

November 2014

38 Neueinträge in UNESCO-Listen des immateriellen Kulturerbes

Von Nathalie Feldmann und Julia Sattler

Der Zwischenstaatliche Ausschuss der UNESCO für die Erhaltung des immateriellen Kulturerbes hat auf seiner Tagung vom 24. bis 28. November 2014 in Paris 38 Traditionen in die drei UNESCO-Listen aufgenommen. In die "Repräsentative Liste" wurden 34 Kulturformen aufgenommen, drei weitere in die Liste des dringend erhaltungsbedürfigen immateriellen Kulturerbes. Ein Programm aus Belgien wurde in das Register Guter Praxisbeispiele der Erhaltung immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

Traditionelle Weitergabe des Isukuti-Tanzes in Kenia ist gefährdert
© UNESCO/Kenyan Department of Culture

Liste des dringend erhaltungsbedürftigen immateriellen Kulturerbes

Kenia: Isukuti-Tanz der Isukha- und Idakho-Gemeinschaften in Westkenia. Der Isukuti-Tanz wird von den Isukha- und den Idakho-Gemeinschaften traditionell bei Feierlichkeiten aufgeführt. Es ist ein schneller, energischer und leidenschaftlicher Tanz, der von Trommeln und Gesang begleitet wird. Er wirkt integrierend und sorgt für ein harmonisches Zusammenleben zwischen Familien und Gemeinschaften. Der Tanz ist meist Teil von sozialen Ereignissen wie Geburten, Initiierungszeremonien, Hochzeiten, Beerdigungen, Amtsantritten, religiösen Festen oder etwa Sportveranstaltungen. Die Weitergabe des Isukuti-Tanzes ist ins Stocken geraten und die Aufführungshäufigkeit nimmt ab; viele der Träger sind fortgeschrittenen Alters und es fehlen Nachfolger, denen sie ihr Wissen weitergeben können.

Uganda: Reinigungszeremonie von Jungen im zentralen Norduganda. Die Reinigungszeremonie der Lango ist ein Heilungsritual für Jungen, von denen man annimmt, sie hätten ihre „Männlichkeit“ verloren. Bei der Zeremonie verbringen Mutter und Kind drei Tage im Haus, während denen die Mutter den Jungen wie ein Baby behandelt. Am dritten Tag verlassen sie das Haus und sitzen gemeinsam mit einem Cousin väterlicherseits am Hauseingang. Die Haare des Kindes werden geschnitten und zu Fäden gewebt, die um Hals, Handgelenk und Hüfte des Kindes gebunden werden. Mutter, Cousin und Kind werden mit Sheabutter eingerieben und ihnen wird Erbsenpaste, Hirsebrot und eine Brühe aus Hirse-Hefe serviert. Daraufhin brechen als Bestätigung, dass das Kind seine Männlichkeit wiedererlangt hat, ein Jubel mit langem, hohen Klang und schnell schwankender Tonhöhe (Ululation), Gesang und Tanz aus. Die Lebendigkeit dieser Zeremonie ist durch seltene Ausübung gefährdet; viele Träger sind hohen Alters und die Zeremonie wird aus Angst vor Exkommunikation durch die Kirche zunehmend im Geheimen durchgeführt.

Venezuela: Mündliche Tradition der Mapoyo. Die mündlichen Überlieferungen der Mapoyo umfassen einen Kanon aus Erzählungen, die das kollektive Gedächtnis des indigenen Volks darstellen. Sie sind symbolisch an eine Reihe von Orten, die sich im angestammten Gebiet der Gemeinschaft entlang des Orinoco-Flusses befinden, gebunden. Die Traditionen berühren Sozialstruktur, Wissen, Erklärungsmodelle zur Entstehung und Entwicklung der Welt und überlieferte Geschichten. Gemeindeälteste sind derzeit die wichtigsten Hüter der mündlichen Überlieferungen und ihrer Symbolik. Verschiedene Faktoren gefährden die Weitergabe. Dazu zählen die zunehmende Abwanderung junger Menschen auf der Suche nach besseren wirtschaftlichen und Bildungsmöglichkeiten sowie die abnehmende Verwendung der Mapoyo-Sprache.

Carillon-Glockenspielkultur fördert kulturelle Identität in Belgien
© UNESCO/Koen Cosaert

Gute Praxisbeispiele der Erhaltung immateriellen Kulturerbes

Belgien: Erhaltung und Weitergabe der Carillon-Kultur. In 76 Städten und Dörfern Belgiens wird ein Programm zur Erhaltung der Carillon-Glockenspielkultur umgesetzt. Die primären Ziele der Erhaltungsmaßnahmen sind, das mit der Glockenspieltradition verbundene Wissen und Können (Praktiken, Repertoire, Instrumente, Musik, mündliche und schriftliche Geschichte) zu bewahren und die Rolle der Glockenspiel-Musik als Förderer von kultureller Identität und sozialem Zusammenhalt zu stärken. Im Rahmen des Projekts werden etwa historische Glockenspiele restauriert und eine Vielzahl von Bildungsprogrammen organisiert. Das Programm verbindet Respekt vor der Tradition mit der Bereitschaft, Innovationen, neue Arrangements und Musikstile zu fördern. Es stärkt auch die Kooperation zwischen den Akteuren im Bereich des Carillon-Glockenspiels.

Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit

Algerien: Sebiba-Rituale und -Zeremonien in der Djanet-Oase. Die Rituale und Zeremonien des Sebiba-Fests werden von zwei in Djanet lebenden Gemeinschaften praktiziert. Das Fest findet an zehn Tagen im ersten Monat des islamischen Mondkalenders statt. Männliche Tänzer und weibliche Sängerinnen wetteifern zunächst um das Vorrecht, ihre Gemeinschaft während des Wettbewerbs Timoulawine zu repräsentieren. Die als Krieger verkleideten Tänzer und Sängerinnen laufen für die Ausführung des Rituals zu einem Ort namens Loghya. Dort stehen die männlichen Tänzer im Kreis und rasseln fortlaufend mit ihren Schwertern, während die Frauen traditionelle Lieder zu Rhythmen des Tamburins singen. Das Wissen zur Durchführung des Rituals wird direkt von den älteren an die jüngeren Mitglieder weitergegeben. Lokale Handwerksleute stellen die für das Ritual und die Zeremonien benötigten Uniformen, Waffen, Schmuckstücke und Musikinstrumente her. Das Sebiba-Ritual ist ein bedeutender Teil der kulturellen Identität der in der algerischen Sahara lebenden Tuaregs. Die Zeremonien bestärken den sozialen Zusammenhalt innerhalb und zwischen den Gemeinschaften. Durch die Umsetzung eines künstlerischen Wettbewerbs werden potentielle Spannungen zwischen den rivalisierenden Gemeinschaften abgeschwächt.

Zubereitung des Lavash-Brots in Armenien stärkt soziale Bindung in Familien
© UNESCO/Ruzanna Tsaturyan

Armenien: Zubereitung und Bedeutung des Lavash-Brots. Lavash, ein traditionelles, dünnes Brot, stellt einen wesentlichen Bestandteil der armenischen Küche dar. Die Zubereitung erledigt in der Regel eine kleine Gruppe Frauen. Sie erfordert hohen Aufwand, Koordinationsfähigkeit und Erfahrung. Das Brot spielt bei Hochzeiten eine rituelle Rolle: Als Symbol für Fruchtbarkeit und Wohlstand wird es auf die Schulter der Neuvermählten gelegt. Das gemeinsame Backen von Lavash stärkt soziale Bindungen innerhalb der Familie und der Gemeinschaft. Junge Mädchen unterstützen die Bäckerinnen bei der Zubereitung und werden mit zunehmender Erfahrung immer stärker in den Herstellungsprozess einbezogen. Auch Männer sind etwa beim Bauen der Öfen in den Prozess eingebunden.

Aserbaidschan: Kunst und Symbolik von Kelaghayi – Herstellen und Tragen von Seidenkopftüchern. Die entlang der Seidenstraße verwurzelte Herstellungskunst von Kelaghayi-Seidenkopftüchern konzentriert sich an zwei Orten in Aserbaidschan: In der Stadt Sheki und in der Siedlung Basgal. Die Kelaghayi-Tücher werden aus Seidenfäden gewebt, in verschiedenen aus Pflanzenstoffen gewonnenen Farben gefärbt und mithilfe von Holzstempeln mit Mustern dekoriert. Die Farben der Kopftücher haben symbolische Bedeutung und richten sich nach bestimmten gesellschaftlichen Anlässen wie Hochzeiten, Trauerfeiern und täglichen Aktivitäten. Die Kunst der Kelaghayi-Herstellung wird ausschließlich informell in erster Linie innerhalb der Familie weitergegeben. Jede Familie hat ihre eigenen stilistischen Merkmale und Muster bei der Dekoration. Die traditionelle Praxis der Herstellung und des Tragens von Kopftüchern ist ein Ausdruck kultureller Identität und religiöser Tradition. 

Bolivien: Pijullay und Ayarichi, Musik und Tänze der Yampara-Kultur. Pujillay und Ayarichi sind die wichtigsten musikalischen und choreographischen Ausdrucksformen der Yampara-Kultur. Pujillay wird in erster Linie von Männern während der Regenzeit aufgeführt, um die Erneuerung des Lebens und den vom Regen gebrachten Überfluss in der Natur zu zelebrieren. Die Klänge, Tänze und Kostüme des Rituals erinnern an Tata Pujillay, ein dämonisches und fruchtbares Wesen mit grenzenloser Energie. Ayarichi wird während der Trockenzeit zu Ehren verschiedener katholischer Heiliger, die Einfluss auf die soziale und kosmische Ordnung haben, praktiziert. Die zu diesen Anlässen getragenen Kostüme werden von Handwerkerinnen in akribischer Kleinarbeit gewoben. Die Gemeinschaft wird mobilisiert, um das Ritual zu organisieren und reichlich Essen und Trinken vorzubereiten. Die Weitergabe des musikalischen und choreographischen Wissens an Kinder erfolgt durch gemeinschaftliche Spiele und durch Beobachten. Pujillay und Ayarichi schaffen Einheit unter den Yampara-Gemeinschaften und stellen für sie einen Weg dar, um mit der Natur zu kommunizieren.

Bosnien-Herzegowina: Techniken der Zmijanje-Stickerei. Die Zmijanje-Stickerei ist eine besondere Sticktechnik, die von Frauen in Dörfern der Zmijanje-Region praktiziert wird. Traditionell wird die Zmijanje-Stickerei zur Schmückung von Kleidungsstücken und Haushaltsgegenständen verwendet, wie beispielsweise für Hochzeitskleider, Schals, Kleidung und Bettwäsche. Ihr Hauptmerkmal ist die Verwendung von tiefblauen Fäden, die von Hand mit Pflanzenfarben gefärbt werden. Vorgegebene Elemente werden in zahlreichen Variationen kombiniert. Die erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten der Zmijanje-Stickerei erlernen Schülerinnen zum einen durch das Beobachten erfahrener Stickerinnen und zum anderen durch regelmäßige und kontinuierliche Übung.

Brasilianische Capoeira kombiniert Tanz und Kampfsport
© UNESCO/IPHAN

Brasilien: Capoeira-Kreis. Capoeira ist eine afro-brasilianische kulturelle Praxis, bei der Tanz und Kampfsport kombiniert werden. Die Capoeiristas bilden einen Kreis, in dessen Mitte zwei Spieler im Wettkampf gegeneinander antreten. Die Bewegungen, Schritte und Schläge im Capoeira erfordern hohe körperliche Geschicklichkeit und Konzentration. Die Spieler im äußeren Kreis singen, klatschen und spielen während des Wettkampfs Perkussionsinstrumente. Capoeira-Kreise bestehen aus einem Meister und seinen Schülern. Die Aufgabe des Meisters ist es, das Bewegungsrepertoire weiterzugeben sowie den Zusammenhalt der Gruppe und die Einhaltung ritueller Abläufe sicherzustellen. Der Capoeira-Kreis ist ein Ort, an dem Wissen und Fertigkeiten durch Beobachtung und Nachahmung erlernt werden. Er hat die Funktionen, gegenseitigen Respekt zwischen Gemeinschaften, Gruppen und Einzelpersonen zu fördern und auch an den historischen Widerstand der afro-brasilianischen Gemeinschaft gegen ihre Unterdrückung zu erinnern.

Bulgarien: Tradition der Herstellung der Chiprovski-Teppiche. Kilmi sind handgewebte Teppiche, die traditionell von Frauen aus Chiprovski hergestellt werden. In fast allen Haushalten der Stadt findet sich ein Hochwebstuhl, der zum Weben der zweiseitigen Bilderteppiche verwendet wird, die seit jeher als Bodenbeläge genutzt werden. Die übliche Aufgabe der Männer ist es, sich um die Produktion, Verarbeitung und Einfärbung der Wolle zu kümmern. Eine Reihe von mündlichen Ausdrucksformen und rituellen Praktiken sind eng verknüpft mit dem Handwerk der Teppichweberei. Das Weben wird von Gesängen und dem Erzählen von Geschichten begleitet. Weitergegeben wird die Tradition innerhalb der Familie: Drei Generationen arbeiten oft gemeinsam an einem großen Teppich. Das Teppichweben ist tief verankert im sozialen und kulturellen Leben der Bewohner Chiprovskis.

Burundi: Ritueller Tanz der königlichen Trommel. Der Rituelle Tanz der königlichen Trommel in Burundi ist ein großes Spektakel, das kraftvolles und synchrones Trommeln mit Tanz, Poesie und traditionellen Gesängen vereint. Dabei stellen sich mindestens ein Dutzend Trommler in einem Halbkreis um einen zentralen Trommler. Während ein Teil einen gleichmäßigen Rhythmus schlägt, orientieren sich die restlichen Spieler am Takt der umkreisten Trommel. Danach führen zwei bis drei der Trommler verschiedene Tänze zu der Musik auf. Das rituelle Trommeln wird an verschiedenen Feiertagen aufgeführt und um wichtige Besucher willkommen zu heißen. Die Rundi glauben, dass die Trommelschläge die Geister der Vorfahren erwecken und böse Geister verjagen. Der rituelle Tanz der königlichen Trommel wird nicht nur in der Alltagspraxis sondern auch durch formale Ausbildung weitergegeben.

Trommeln und Flöten in Chile aus präkolumbianischer Zeit
© UNESCO/Sebastian Lorenzo Zuleta

Chile: Baile Chino. Die Baile Chinos sind aus Musikern bestehende Bruderschaften, die durch Musik, Tanz und Gesang im Rahmen von Gedenkfeiern ihren Glauben ausdrücken. Der Brauch wird hauptsächlich im nördlichen Chile, dem Norte Chico, und in den zentralen Regionen des Landes ausgeübt. Der Chino-Tanz besteht aus Sprüngen und speziellen Beinbewegungen. Er wird zum Rhythmus isometrischer Instrumentalmusik, die meist auf Trommeln und Flöten aus präkolumbianischer Zeit gespielt wird, aufgeführt. Der Leiter der Gruppe singt strophenweise entweder auswendig gelernte oder improvisierte Reimpaare, die von Heiligen oder anderen religiösen Themen handeln. Die Musik, Tänze und Reime werden durch direkte Beobachtung, Nachahmung und innerhalb der Familien erlernt und weitervermittelt.

Demokratische Volksrepublik Korea: Das Arirang-Volkslied. Arirang ist ein volkstümliches lyrisches Gesangsgenre, welches mündlich weitergegeben und immer wieder neu erschaffen wird. Daher existieren nicht nur traditionelle sondern auch sinfonische und moderne Versionen des Liedes. Üblicherweise besteht das Arirang aus einer sanften und gefühlvollen Melodie, welche von einem Refrain begleitet wird. Die Lieder handeln vom Verlassen und Wiederfinden, von Kummer, Freude und Glück. Es existieren 36 bekannte Versionen des Arirang, welche laufend weiterentwickelt werden. Arirang wird innerhalb der Familie, unter Freunden und in der Gemeinschaft sowie auf öffentlichen Veranstaltungen und Feiern gesungen. Es wird durch Eltern, Nachbarn und Schulen gelehrt, aber auch professionell von Künstlerkollektiven in Pjöngjang vorgetragen. Vereine bemühen sich darum, dass die zahlreichen Versionen erhalten bleiben und weitergegeben werden.

Estland: Tradition der Rauchsauna in Võromaa. Die Tradition der Rauchsauna gehört als gemeinschaftliche Aktivität zum täglichen Leben der Võro-Gemeinde in Estland. Zu den Brauchformen zählen der eigentliche Brauch des Saunabadens, die Herstellung von Reisigbündeln zum Abklopfen der Körper nach dem Bad, das Bauen und Reparieren der Saunen und das Räuchern von Fleisch in der Sauna. Der Rauch des im Saunaofen verbrannten Holzes zirkuliert im Saunaraum, da kein Abzug existiert. Um heiße, dampfhaltige Luft zu erzeugen, wird Wasser auf die erhitzten Steine geschüttet. Die Tradition der Rauchsauna wird hauptsächlich in Familien ausgeübt. Ältere Familienglieder bereiten die Sauna vor und werden dabei von den Kindern begleitet, welche sich so nach und nach die Kenntnisse aneignen.

Frankreich: Gwoka – Musik, Gesang, Tanz und kulturelle Praktik auf Guadeloupe. Gwoka wird in allen ethnischen und religiösen Gruppen auf Guadeloupe praktiziert. Es handelt sich um eine Kombination von wechselseitigem Gesang in der Kreolsprache mit rhythmischen Trommelschlägen und Tanz. Die meisten Elemente sind improvisiert. Teilnehmer und Publikum formen einen Kreis, in welchem die Tänzer und Solisten nacheinander eintreten und ihre Kunst dem Publikum vorführen. Dieses begleitet klatschend und singend den Refrain der Solisten. Gwoka wird regelmäßig von mehreren tausend Menschen auf abendlichen Gwoka-Treffen ausgeübt. Die Tanzkreise gelten als Plattform für die Präsentation individueller Talente. Heutzutage wird Gwoka nicht nur in der Familie oder unter Freunden weitergegeben, auch Workshops und traditionelle Tanz- und Musikschulen lehren die Tradition, welche zu einer der stärksten identitätsstiftenden Ausdrucksweisen der guadeloupischen Gesellschaft geworden ist.

Anbau von Weichharz Mastix auf der griechischen Insel Chios
© UNESCO/Stratis Voyatzis

Griechenland: Mastix-Anbau auf der Insel Chios. Der Weichharz Mastix wird auf der griechischen Insel Chios aus der Wilden Pistazie, dem Mastixstrauch, gewonnen. Mit dem Anbau des Mastix beschäftigen sich ganze Familien, da sich Männer und Frauen jeden Alters der aufwendigen Pflege verschiedener Kultivierungsphasen widmen. Die Männer kümmern sich hauptsächlich um die natürliche Düngung und Stutzung der Sträucher im Winter. Es ist Aufgabe der Frauen, ab Mitte Juni den Boden um den Stamm zu harken, einzuebnen und zu säubern, damit man besser an das Mastix herankommt. Ab Juli wird mit einem spitzen Eisenwerkzeug in die Rinde der größten Äste des Strauches geschnitten und dann wird das Mastix von den Frauen "geerntet". Die Weitergabe der Schnitt- und Erntetechniken geschieht von Generation zu Generation.

Indien: Messing- und Kupferfertigung von Gebrauchsgegenstände der Thathera-Gemeinschaft in Jandiala Guru, Punjab. Die Gemeinschaft der Thathera in Jandiala Guru im indischen Bundesstaat Punjab ist bekannt für die traditionelle Herstellung von Gebrauchsgegenständen aus Messing und Kupfer. Den Metallen werden heilsame Kräfte nachgesagt. Zu Beginn des Herstellungsprozesses werden gekühlte Metallplatten abgeflacht, damit sie in gebogene Formen gehämmert werden können. Daraus entstehen kleine Schalen, Teller, Kannen für Wasser und Milch, große Kochbehälter und andere Gegenstände. Während die Metallplatten erhitzt und geformt werden, muss die Temperatur sorgfältig kontrolliert werden. Dazu werden winzige und unter der Erde vergrabene Holzöfen genutzt, die durch einen Blasebalg entzündet werden. Zum Schluss werden die metallenen Gegenstände mit Sand und Tamarindensaft poliert. Muster entstehen durch das Einhämmern kleinster Kerben. Die fertigen Produkte werden entweder im Alltag, bei Ritualen, auf Hochzeiten oder in Tempeln genutzt. Vätern geben die Kenntnisse der Herstellung mündlich an ihre Söhne weiter.

Italien: Landwirtschaftliche Praxis der Kopferziehung der Weinrebe (‚vite ad alberello‘) auf der Insel Pantelleria. Winzer und Bauern auf der Mittelmeer-Insel Pantelleria erhalten seit vielen Generationen die Praktik des Anbaus kopferzogener Weinreben. Etwa 5.000 Bewohner der Insel besitzen ein Stück Land, das sie mit nachhaltigen Methoden bewirtschaften. Diese Technik beinhaltet mehrere Phasen: Zunächst wird der Boden aufbereitet, indem er eingeebnet und mit Senken für die Anpflanzung der Weinreben durchzogen wird. Daraufhin wird der Hauptstamm der Rebe sorgfältig gestutzt, um sechs Zweige hervorzubringen, die der Rebe eine sternförmige Form geben. Die Senke muss regelmäßig bearbeitet werden, um sicherzugehen, dass die Pflanze im richtigen Mikroklima heranwächst. Von einem rituellen Ereignis begleitet, werden die Trauben ab Ende Juli mit der Hand geerntet. Die Tradition wird innerhalb der Familie mündlich und im lokalen Dialekt weitererzählt. Zwischen Juli und September lassen Feierlichkeiten auch Interessierte von außerhalb an dem Brauch teilhaben.

Herstellung des Washi-Papiers in Japan aus den Fasern des Papiermaulbeerbaums
© UNESCO

Japan: Washi – Kunsthandwerk des traditionellen japanischen Büttenpapiers. Das traditionelle Handwerk des japanischen Büttenpapiers, genannt Washi, wird in drei Gemeinden Japans praktiziert. Das Papier besteht aus den Fasern des Papiermaulbeerbaums, welche in klarem Flusswasser aufgeweicht, verdickt und dann durch ein Bambussieb gefiltert werden. Washi dient nicht nur als Brief- oder Buchpapier, sondern wird außerdem in Haushalten für Sichtschutze, Raumteiler und Schiebetüren verwendet. Fast alle Einwohner der drei Gemeinden tragen zur Erhaltung dieses Kunsthandwerks teil. Sie beteiligen sich etwa am Anbau des Papiermaulbeerbaums, an der Ausbildung der Lehrlinge und der Erschaffung neuer Produkte, um Washi innerhalb und außerhalb Japans zu präsentieren. Die traditionelle Herstellung des Washi-Papiers wird auf drei Ebenen weitergegeben: innerhalb der Familien der Handwerker sowie durch Vereine und lokale Stadtgemeinden. Washi wird in den betreffenden Gemeinden als das Symbol ihrer kulturellen Identität gesehen.

Kasachstan: Kunst des Dombra Kuy. Die Kunst des Dombra Kuy ist eine kurze Solokomposition, die auf einem traditionellen zweiseitigen Musikinstrument gezupft wird. Üblicherweise wird die Musik von Erzählungen alter Geschichten und Legenden begleitet. Zu einer reichen Speisenauswahl und musikalischer Unterhaltung wird die Kunst des Dombra Kuy vor allem bei gesellschaftlichen Anlässen, an Feiertagen und auf Festen aufgeführt. Aufstrebende und talentierte Musiker gehen bei Meistern in die Lehre. Dombra Kuy ist eines der wichtigsten Mittel der sozialen Kommunikation zwischen den Menschen Kasachstans und trägt dazu bei, das Wissen und die Fähigkeiten um die kasachische Kultur zu vermitteln.

Kasachstan und Kirgistan: Wissen und Kenntnisse über den Bau der Jurte. Die Jurte ist eine nomadische Wohnstätte, die in Kasachstan und Kirgisistan zum Teil noch heute als Unterkunft dient. Ihr Substanz besteht  aus natürlichen Rohstoffen, das Grundgerüst etwa aus einem hölzernen kreisförmigen Rahmen, der mit Filz überdeckt und mit Seilen umflochten wird. Eine Jurte kann innerhalb kürzester Zeit auf- und wieder abgebaut werden . Männer bauen mit bloßen Händen den Holzrahmen und fertigen weitere Teile aus Holz, Leder, Knochen und Metall. Frauen kümmern sich um die Innenausstattung und die äußere Ummantelung der Jurte. Sie besticken in Gruppen die Decken und Teppiche mit traditionellen Tier-, Pflanzen- oder geometrischen Mustern. Feierlichkeiten anlässlich von Geburten, Hochzeiten oder Beerdigungen werden in den Jurten abgehalten. Traditionell werden das Wissen und die Kenntnisse über den Bau einer Jurte innerhalb der Handwerkerfamilien oder von Meistern an ihre Lehrlinge weitergegeben.

Libanon: Al-Zajal – gesprochene oder gesungene Poesie. Al-Zajal ist eine Form der libanesischen Volksdichtung, welche in gesprochener oder gesungener Form auf gesellschaftlichen und familiären Festen aufgeführt, aber auch im Alltag ausgeübt wird. Die Interpreten, Männer wie Frauen, tragen ihre Kunst entweder einzeln oder gemeinsam vor. Besungen werden das Leben, die Liebe, Nostalgie, der Tod, die Politik und alltägliche Ereignisse. Auch zu Wettbewerben versammeln sich Dichter und Musiker, um ihre Verse dem Publikum vorzutragen. Sie werden dabei von einem Tamburin und einer Darbuka-Trommel begleitet. Während des Wettbewerbs werden die vorgetragenen Verse von Sängern und dem Publikum wiederholt. Die Weitergabe des Al-Zajal geschieht auf weitgehend informeller Weise, entweder innerhalb der Familie oder  durch Beobachtung, Imitation und Teilnahme.                           

Tchopa-Trommler in Malawi
© UNESCO/Museums of Malawi

Malawi: Tchopa – Opfertanz des Lhomwe-Volks aus dem Süden Malawis. Tchopa ist eine Tanzkunst, die in der Gemeinschaft der Lhomwe im Süden Malawis praktiziert wird. Der Tanz wird während Feiern nach einer guten Ernte oder einem erfolgreichen Jagdausflug aufgeführt. Auch während Opfergaben, die nach Katastrophen wie Dürreperioden oder einem Krankheitsausbruch geleistet werden, ist der Tchopa wichtiger Bestandteil des Rituals. Während einer Aufführung bilden bis zu dreißig Personen einen Kreis, in dem sie kreuz und quer tanzen. Andere wichtige Rollen nehmen die Hersteller der Tanzkostüme und Trommeln, die Trommler und Pfeifer ein.  Jedes Oberhaupt eines Dorfes im südlichen Malawi unterhält eine Tchopa-Tanzgruppe. Obwohl Tchopa hauptsächlich von älteren Männern und Frauen des Lhomwe-Volks aufgeführt wird, ist es auch immer beliebter unter Kindern geworden, den Tanz zu praktizieren. Dieser kann in Übungsstunden oder bei Auftritten erlernt werden.

Mali: Auftritt der Masken und Puppen in Markala. Der Auftritt der Masken und Puppen ist ein rituelles Fest, das in mehreren Gemeinden in Markala stattfindet. Kennzeichnend sind die Masken, Trommeln und der Gesang, der von den Tänzern und Puppenspielern dargeboten wird. Jede Maske und Puppe symbolisiert eine heilige Verbindung, die zwischen dem Menschen und der Natur besteht. An die Zeremonie schließt sich ein Erntedankfest an; eine Plattform vielfältiger Ausdrucksformen lokaler Kulturen, die durch Gebete, Musik, Gesänge und Tanz den Beginn der Fischerei-Saison verkünden. Während der Trockenzeit wird der Brauch jungen Menschen gelehrt. Diese Einführung findet in einem heiligen Wald nah des Niger-Flusses statt, wo Wissen und Kenntnisse von Stammesältesten an heranwachsende Jungen weitergegeben werden.

Marokko: Praktiken und Wissen um die Kultivierung des Argan-Öl-Baums. Der Arganbaum ist eine in Marokko einheimische Baumart, die insbesondere im südlichen Teil des Landes in einem UNESCO-Biosphärenreservat zu finden ist. Frauen sind die Hauptakteure, die das Arganöl aus den Früchten des Baumes gewinnen. Das Öl des Arganbaums wird für vielseitige Zwecke verwendet, wie zum Beispiel zum Kochen oder zur Herstellung von Medizin und Kosmetik. Die Arganfrucht muss zunächst geerntet und dann getrocknet, zerstampft, gemahlen, bereinigt und mit weiteren Zutaten vermengt werden. Dazu dient eine spezielle Handmühle, die die örtlichen Handwerker herstellen. All diese kulturellen Aspekte –  der Anbau des Baumes, das Extrahieren des Öls, die Vorbereitung von Rezepten und die daraus entstehenden Produkte – leisten einen wichtigen Beitrag für den sozialen Zusammenhalt der verschiedenen lokalen Gemeinden. Das Wissen und die Kenntnisse werden von den sogenannten "Argan-Frauen" bereits in jungem Alter an ihre Töchter vermittelt. Die unterschiedlichen Arten der Verarbeitung werden auf informellen Wegen, besonders durch Imitation, weitergegeben.

Mauritius: Sega. Der traditionelle Sega Tipik ist eine künstlerische Ausdrucksform, die symbolhaft die Kultur der kreolischen Gemeinschaft von Mauritius darstellt. Er wird auf informellen, familiären Festen oder in öffentlichen Räumen aufgeführt. Tänzer bewegen ihre Hüften und Hände zu einem von Schlaginstrumenten vorgegebenen Takt. Dabei tanzen sie in kleinen Schritten umeinander herum und stellen sich in verschiedenen Formationen wieder auf. Währenddessen werden Lieder in fortschreitendem Tempo  gesungen. Jeder Solist trägt improvisierte Texte in kreolischer Sprache vor, die gelegentlich mit anderen Sprachen kombiniert werden. Die Lieder in Moll-Tonarten handeln von Liebe, Hindernissen und Sorgen. Die traditionelle Kleidung der Frauen beim Sega sind lange Röcke und Petticoats, Männer tragen hochgekrempelte Hosen, farbige Hemden und Strohhüte. Auf diese Weise wird an die Kleidung der Vorfahren erinnert.

Ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien: Kopachkata – Gesellschaftstanz aus dem Dorf Dramche (Pijanec). Kopachkata ist ein dynamischer Gesellschaftstanz, der von den Bewohnern des Dorfes Dramche (Pijanec) aufgeführt wird, und bei welchem sich die Tänzer in einem Halbkreis aufstellen. Er wird auf Hochzeiten, bei öffentlichen Versammlungen und religiösen Feiertagen getanzt. Die Choreographie beginnt mit einer langsamen Gehbewegung, wechselt dann auf schnelle und kurze Schritte, bevor sie mit lautstarkem Stampfen der Füße endet. Der Kopachkata-Tanz ist nicht nur für die Dorfbewohner von Dramche, sondern für die gesamte Region Pijanec ein wichtiges Symbol kulturellen Identität.

Mongolisches Knöchel-Schießen
© UNESCO/Tsogtbayar Ganbat

Mongolei: Mongolisches Knöchel-Schießen. Die Mongolen verehren bestimmte Knochen ihrer verstorbenen Haus- und Nutztiere und benutzen sie in religiösen Riten, Theaterstücken und traditionellen Spielen. Ein sehr beliebtes Spiel ist das Knöchel-Schießen. Darin schnalzen Teams von sechs bis acht Spielern dreißig domino-ähnliche Marmortafeln auf ein Ziel, das durch aufgehäufte Schafknöchel dargestellt wird. Gewinner ist das Team, dem es gelingt die Knochen in eine markierte Zielzone zu befördern. Es gibt sogar traditionelle Lieder über das Knöchel-Schießen. Jeder der Schützen besitzt sein eigens hergestelltes Schießwerkzeug und trägt ein Kostüm, auf dem, je nach Rang und Verdienst, unterschiedliche Charakteristiken eingeprägt sind. Die Riten, das Wissen, die Technik und Expertise werden, genauso wie die Herstellung der Werkzeuge und Ausrüstung, durch eine formale Ausbildung weitergegeben.

Niger: Praktiken und Ausdruck scherzhafter Beziehungen in Niger. Die soziale Praxis eines spielerischen gegenseitigen Neckens zweier Menschen, die aus unterschiedlichen Gemeinden stammen, ist im Niger Ausdruck von Solidarität und Geselligkeit. Diese Art von Beziehung basiert oft auf einem Abkommen der Vorfahren, welches Krieg oder Konflikte zwischen den verschiedenen Gemeinschaften verbietet und betont, dass die Mitglieder, falls erforderlich, zur gegenseitigen Unterstützung verpflichtet sind. Dazu gehört die Tugend, sich immer die Wahrheit zu erzählen sowie gemeinsam scherzen zu können. Jeder Disput muss friedlich gelöst werden. Scherzhafte Beziehungen werden zu besonderen Anlässen an unterschiedlichen Schauplätzen aufgeführt: öffentlich oder zu Hause, in Büros, auf Marktplätzen oder auf Feldern und an Wasserquellen. Über Generationen weitergegeben, gelten scherzhafte Beziehungen im Niger als ein Mittel der Versöhnung und Friedensstiftung.

Oman, VAE: Al-Ayyala. Al-Ayyala ist eine kulturelle Darbietung, die im nordwestlichen Oman und in den Vereinigten Arabischen Emiraten ausgeübt wird. Gesungene Poesie, Trommelmusik und Tanz begleiten die Simulation einer Kampfszene, in der sich zwei Reihen aus jeweils zwanzig Männern gegenüber aufstellen. Jeder der Teilnehmer ist in Besitz eines Bambusstabs, der einen Speer oder ein Schwert darstellen soll. Zwischen den Reihen spielen Musiker auf verschiedenen Instrumenten. Die Männer singen begleitend poetische Texte und bewegen ihre Köpfe und Stäbe synchron zum Rhythmus der Trommeln. In den Vereinigen Arabischen Emiraten ist es üblich, dass Mädchen in traditioneller Kleidung im Vordergrund stehen und die Szenerie mit einem Kopfschwung ihrer langen Haare unterstützen. Der Inhalt der gesungenen Poesie variiert je nach Anlass. Der leitende Darsteller bekommt seine Position für gewöhnlich vererbt. Er ist verantwortlich für die Ausbildung und das Training der restlichen Künstler. Die Teilnehmer des Al-Ayyala können aus unterschiedlichen Familienverhältnissen und Altersgruppen kommen.

Traditionelle Tänzer beim Festival der Jungfrau von Candelaria in Puno
© UNESCO/Ministry of Culture Peru

Peru: Festival der Jungfrau von Candelaria in Puno. Das Festival der Jungfrau von Candelaria findet jedes Jahr im Februar in der peruanischen Stadt Puno statt. Es umfasst religiöse und kulturelle Aktivitäten, die sich sowohl auf katholische Traditionen als auch auf symbolische Elemente aus der Weltanschauung der Andenvölker stützen. Das Festival wird mit einer frühmorgendlichen Messe eröffnet, gefolgt von einer Reinigungszeremonie. Am nächsten Morgen findet eine religiöse Prozession statt, wobei das Bild der Jungfrau hoch erhoben durch die Straßen getragen wird. Traditionelle Musik und Tanz umrahmen das Geschehen. Das Festival fährt mit zwei Wettbewerben fort, auf denen sich Tanz- und Musik-Gruppen aus der gesamten Region versammeln. Die meisten der Darsteller stammen aus ethnischen Gruppierungen der Quechua und Aymara. Auch viele Emigranten aus Puno kehren zurück, um am Spektakel teilzunehmen. So bleibt eine kulturelle Kontinuität bestehen. Traditionell wird das Festival von drei regionalen Verbänden organisiert, die die Kenntnisse bezüglich des Tanzes, der Musik und der Herstellung von Masken erhalten. Bei Proben und in Workshops werden sie den jüngeren Generationen weitervermittelt.

Portugal: Cante Alentejano – Polyphoner Gesang aus Südportugal. Der Cante Alentejano ist ein Genre zweistimmigen Gesangs, der von Amateurchören im südlichen Portugal ausgeübt wird. Ihn charakterisieren markante Melodien, Texte und Gesangsstile und die Aufführung ohne instrumentelle Begleitung. Bis zu dreißig Sänger formen eine Gruppe, die wiederum in kleinere Gruppen unterteilt ist. Der Ponto beginnt als erster zu singen. Anschließend gibt der Alto die Melodie etwas höher gesungen und mit Variationen wieder. Die übrigen Strophen werden vom gesamten Chor in parallelen Terzen gesungen. Der Alto nimmt durchgängig die Stellung der leitenden Stimme ein. Einem umfangreichen Repertoire traditioneller Poesie werden immer wieder neu kreierte Melodien hinzugefügt. Die Texte handeln von Themen wie dem bäuerlichen Leben, der Natur, Liebe, Mutterschaft und Religion, und dem Wandel innerhalb kultureller und gesellschaftlicher Kontexte. Cante ist ein grundlegender Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens der Gemeinden des Alentejanos. Proben und Aufführungen finden sowohl in öffentlichen wie auch in privaten Räumen statt. Die Weitergabe erfolgt von älteren an jüngere Mitglieder der Chorgruppen und auf diese Weise wird auch der Dialog zwischen den Generationen sichergestellt.

Republik Korea: Nongak. Nongak ist eine Form darstellender Kunst, die ihren Ursprung in gemeinschaftlichen Ritualen und volkstümlichen Darbietungen hat. Nongak-Künstler kleiden sich in farbenfrohen Kostümen, um ihren Tanz und ihre Musik aufzuführen. Thematisiert werden zum Beispiel die Besänftigung der Götter, das Jagen böser Geister oder das Beten für eine reiche Ernte. Nongak tritt je nach Region in verschiedenen Formen auf, welche sich hinsichtlich der Komposition, der Spielweise, des Rhythmus und der Kostüme voneinander unterscheiden. Tänzer führen Choreographien auf, während Schauspieler in Masken und auffälligen Kostümen Parodien aufführen. Zur Akrobatik gehört etwa das Tellerdrehen. In Gemeindegruppen und schulischen Einrichtungen wird die Tradition gelehrt und weitergegeben.

Segnung der Slava-Kuchen
© UNESCO/Ethnographic Museum Belgrad

Serbien: Slava – Feiertag des Schutzpatrons der Familie. In Serbien feiern orthodoxe Christen einen besonderen Tag zu Ehren des Schutzpatrons Slava, welcher für die Sicherheit und das Wohlergehen der Familien verantwortlich gemacht wird. An diesem Tag sind Verwandte, Nachbarn und Freunde eingeladen an einem gemeinsamen Festmahl teilzunehmen. Dabei wird eine speziell dafür gefertigte Kerze im Haus der Familie entzündet und Wein über den Kuchen des Slavas, den die Ehefrau des Gastgebers gebacken hat, vergossen. Dieser wird anschließend geviertelt, auf der Kuchenplatte gedreht und emporgehoben. Währenddessen wird dem Heiligen gedankt und für Wohlstand gebetet. Das Anschneiden des Kuchens wird vom Gastgeber bzw. dem ältesten oder wichtigsten Gast vollführt. Die Feierlichkeit beginnt mit dem zeremoniellen Trinken des Weins, dem Essen und einem Trinkspruch, welcher Wünsche der Gesundheit, Fruchtbarkeit und des Wohlergehens der Familie und ihrer Gäste berücksichtigt. Besonders den Frauen obliegt es, das Wissen um die Ausführung des Rituals und dessen Bedeutung innerhalb der Familie weiterzugeben.

Türkei: Ebru-Kunst der Marmorierung. Ebru ist ein traditionelles türkisches Kunsthandwerk. Dabei werden natürlich gewonnene und mit Ochsengalle vermischte Farbpigmente auf ölhaltiges Wasser in einem flachen Becken gesprenkelt und aufgestrichen. Es entsteht ein farbintensives und einzigartiges Schlierenmuster. Indem Papier vorsichtig auf die gefärbte Oberfläche gelegt wird, wird das Muster darauf übertragen. Die Marmorierung kann unterschiedlich gestaltet werden: Die mit Blumen, Blättern, Ornamenten, Gitterwerken, Moscheen oder Monden verzierten Papierseiten werden zumeist innerhalb der traditionellen Kunst der Buchbinderei verwendet. Ebru und die dahinterstehende Philosophie werden mündlich oder über eine informelle Ausbildung durch einen Meister weitergegeben. Mindestens zwei Jahre werden benötigt um die grundlegenden Fähigkeiten zu erlernen.

Usbekistan: Askiya – Kunst des Witzes und geistiger Wendigkeit. Askiya bildet einen wichtigen Teil der usbekischen mündlichen Volkskunst. Es handelt sich um einen Dialog zwischen zwei oder mehreren Teilnehmern. Diese erörtern in Form von Witzen bestimmte Thematiken. Die Kontrahenten, zumeist Männer, müssen in der Lage sein die Eigenarten der usbekischen Sprache zu meistern, um Konter geschickt und humoristisch formulieren zu können. Es gilt den größtmöglichen Effekt beim Publikum zu erzielen. Aufmerksamkeit wird besonders gegenwärtigen Themen und Problemen geschenkt. Askiya wird während Volksfesten, Feiern, familiären Ritualen und Zusammenkünften ausgeübt.

Vietnam: Ví- und Giặm-Volkslieder in Nghệ Tĩnh. Ví und Giặm-Lieder kommen in einer Vielzahl von Gemeinden in den nordvietnamesischen Provinzen Nghệ An und Hà Tĩnh vor. Da die Lieder besonders während der Verrichtung der Arbeit auf den Reisfeldern oder traditionellen Handwerks, bei Bootsfahrten oder als Wiegenlied gesungen werden, kommen sie ohne instrumentale Begleitung aus. Die in den Liedern thematisierten Grundwerte sind Respekt vor der Familie, Loyalität, Hingabe und Ehrlichkeit. Das ausdrucksstarke Singen gibt den Menschen die Möglichkeit, sich von den Mühen der Arbeit und von Kummer zu befreien. Auch Empfindungen der Liebe werden auf diese Weise ausgedrückt. Heutzutage werden Ví und Giặm auch auf öffentlichen Kulturveranstaltungen oder in Theatern vorgetragen.

Weitere Informationen:

Basisinformationen zum immateriellen Kulturerbe

 

 

Suche

Newsletter

Abonnieren Sie unsere verschiedenen Newsletter. mehr...