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Mai 2013

"Von den Welterbestätten geht eine magische Wirkung aus"

Von Dieter Offenhäußer

Das UNESCO-Weltnaturerbe Ounianga-Seen im Tschad gilt als das "Wunder der Sahara". In einer der heißesten Regionen der Erde konnten sich über Jahrtausende 18 Seen erhalten, die von großen Wasserquellen tief im Untergrund der Wüste gespeist werden. Über dieses außergewöhnliche Weltnaturerbe informierte die Deutsche UNESCO-Kommission auf einer Vortragsveranstaltung mit dem Geologen Stefan Kröpelin vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Köln, der sich maßgeblich für den Eintrag der Ounianga-Seen in die UNESCO-Welterbeliste eingesetzt hat. Die Veranstaltung fand am 30. April 2013 in Bonn in Kooperation mit dem Bundesamt für Naturschutz und dem Museum Alexander Koenig statt. Dieter Offenhäußer, stellvertretender Generalsekretär der DUK, würdigte das Engagement von Stefan Kröpelin. In seinem Grußwort erläuterte er, welche Faszination von dem Welterbe ausgeht und worin der Erfolg der UNESCO-Welterbekonvention liegt.

Dieter Offenhäußer, stellvertretender Generalsekretär der Deutschen UNESCO-Kommission
© DUK

»Unter den ersten Stätten, die 1978 in die Liste des Weltkultur- und -naturerbes der UNESCO aufgenommen wurden, war auch eine deutsche: der Aachener Dom. Was waren das noch für Zeiten, als ein Nominierungsdossier gerade einmal sechs halb beschriebene Seiten umfasste. 1978 gab es insgesamt zwölf Kultur- und Naturdenkmäler weltweit, heute sind es fast 1000. Und ein Nominierungsdossier umfasst heute gerne einmal 1000 oder auch 2000 Seiten! Bei den Ounianga-Seen, um die es heute Abend geht, waren es immerhin 800.

Es ist also einiges geschehen in den bald 35 Jahren seither! Heute sind 962 Kultur- und Naturerbestätten aus 157 Staaten aller Kontinente auf der UNESCO-Liste verzeichnet. 190 Staaten haben inzwischen das "Internationale Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt" (Welterbekonvention) unterzeichnet. Das Welterbeprogramm ist eine Erfolgsgeschichte der friedlichen Zusammenarbeit der Staaten dieser Welt – in einem der sensibelsten und für Aus- und Abgrenzungen und auch für gewalttätige Konflikte anfälligsten Bereiche – dem der Kulturpolitik. Weltkulturpolitik also! Und dank der Naturerbestätten auch "Welt-Naturschutz-Politik".

Und der Erfolg hält an: Mehr als 60 Prozent der medialen Aufmerksamkeit in Deutschland zum Stichwort "UNESCO" entfällt auf das Welterbeprogramm. Es ist erfolgreich, populär und sichtbar, gibt aber immer wieder auch Anlass für kontroverse Debatten und Konflikte. Dresden und Köln sind nur die bekanntesten Beispiele.

"Das Welterbeprogramm ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen"

Allein sieben Bundesministerien befassen sich mit dem Welterbeprogramm, hinzu kommen die Landesressorts, die Kultusministerkonferenz, die kommunale Ebene, Stadt- und Landschaftsplaner, Naturschützer, Bildungsinitiativen, Unternehmer und Touristiker. Auch dank der Nominierung deutscher Naturerbestätten ist das Welterbe nicht mehr alleinige kulturpolitische oder Denkmalschutzdomäne.

Das Welterbeprogramm der UNESCO ist in der "Mitte der Gesellschaft" angekommen! Und dies nicht nur in Deutschland! Weltweit warten derzeit noch einmal 1580 Stätten aus 171 Ländern auf ihre Nominierung!

Warum wollen alle auf diese berühmte Liste? – Der erste und wichtigste Grund liegt sicherlich im Prestigegewinn, den die "Adelung" durch den Welterbetitel bringt. Es geht eine gewisse Magie von diesem Titel aus.

Prof. Dr. Bernd Freiherr von Droste zu Hülshoff, Gründungsdirektor des Welterbezentrums in Paris, erinnert an die sagenhaften Sieben Weltwunder der Antike, deren magische Wirkung auf die Zeitgenossen und die Nachwelt bis heute anhält: "Herausragende Zeugnisse der Vergangenheit haben oft ein bewegtes Leben. Die ihnen entgegengebrachte Wertschätzung macht sie begehrt." Aber, er fährt fort: "So geraten sie immer wieder zwischen die Fronten von exzessiver Nutzung auf der einen und Schutz und Erhaltung auf der anderen Seite. Von den sieben Weltwundern der Antike ist heute nur mehr eines, das älteste, zu bestaunen", die Pyramiden von Giseh. Verschollen, umgestürzt, abgetragen oder eingeäschert sind alle anderen Weltwunder.

Dem unbestrittenen Prestigegewinn stehen daher auch zahlreiche Aufgaben und Pflichten gegenüber. Ich spreche gerne von den drei Säulen des Welterbeprogramms der UNESCO:

  1. Schutz: konservatorischer Denkmalschutz bzw. Naturschutz
  2. Tourismus: als nachhaltiger Tourismus, im Hinblick auf Zugang und Nutzung
  3. Welterbe-Bildung: Welterbestätten als Orte des interkulturellen Lernens und der interkulturellen Begegnung. Diese dritte Säule des UNESCO-Welterbeprogramms, die Welterbe-Bildung, wird angesichts der Konflikte in dieser Welt immer wichtiger. Durch sie soll der Blick auf die Zukunft gerichtet werden!

"Am Anfang stand eine beispiellose Solidaritätsaktion"

Das Welterbeprogramm war Folge einer konkreten internationalen Hilfsaktion: Als die Tempelanlagen von Abu Simbel in Nubien durch den geplanten Assuan-Staudamm von Überflutung bedroht waren, rief der Generaldirektor der UNESCO am 8. März 1960 zu einer einmaligen Unterstützungsaktion auf. Fünfzig Länder beteiligten sich mit 80 Millionen US-Dollar an den Rettungsaktionen, darunter auch die Bundesrepublik Deutschland und die DDR. Und die riesigen Monumente konnten in einer aufwendigen Aktion zerlegt und an höherer Stelle wieder aufgebaut werden.

Am Anfang stand also eine beispiellose Solidaritätsaktion. Daraus resultierte ein – manchmal schmerzhafter, aber letztlich friedensstiftender – partieller Souveränitätsverzicht:

Herausragende Kultur- und Naturstätten dieser Erde sind Schätze, so kostbar und wichtig für das Menschheitsgedächtnis, dass sie nicht allein dem Staat oder der Nation gehören, auf deren Territorium sie sich befinden oder denen sie aufgrund ihrer Geschichte zufallen.

"Ausufernder Tourismus kann zu einem erheblichen Belastungsfaktor werden"

Das Prädikat "Welterbe" ist zweifellos als Marketinginstrument international wirksam. Welterbestätten sind in allen Reiseführern dieser Welt verzeichnet. Der Zugewinn an touristischem Prestige kann sich so als positiver ökonomischer Anreiz auswirken, übrigens auch zur Verbesserung der Lebensqualität der Anwohner.

Niemand sollte jedoch die UNESCO-Auszeichnung ausschließlich als Marketing-Instrument missverstehen: Ungelenkter und ausufernder Tourismus kann zu einem erheblichen Belastungsfaktor werden, der auch den Welterbestatus gefährden kann. Es geht über den kurzfristigen Gewinn hinaus um den langfristigen Schutz einer Stätte.

Welterbe-Tourismus sollte den Ansprüchen nachhaltiger Entwicklung, wie von der Welttourismusorganisation (WTO) definiert, gerecht werden: Er sollte also im Umgang mit den Ressourcen ökologisch verantwortlich sein und der Völkerverständigung dienen. Alle Maßnahmen sollten unter Mitwirkung der einheimischen Bevölkerung geschehen. Der Respekt vor den heute dort lebenden Menschen sollte genau so groß sein wie die Bewunderung für künstlerische Leistungen der Vergangenheit oder die Freude an der eigenen Neugier.

"Welterbestätten sind Lernorte für ein zivilisiertes Miteinander"

Die Befassung mit dem Welterbeprogramm der UNESCO kann sich nicht mehr beschränken auf den konservatorischen denkmal- oder naturschützenden Aspekt der Welterbekonvention, geschweige denn auf den Tourismus – was im UNESCO-Kontext einen nachhaltig vertretbaren Zugang zu den Welterbestätten bedeutet.

Welterbestätten sind auch Lernorte für ein zivilisiertes Miteinander. In ihnen wird bzw. soll der Gedanke internationaler Partnerschaft sichtbar und erlebbar werden.

Was also können und sollten wir lernen an dieser Naturerbestätte?

Seen von Ounianga, Teli-See
© Stefan Kröpelin

Die Seenlandschaft von Ounianga im Tschad, das erste Welterbe dieses fünftgrößten afrikanischen Landes, wurde im Juli 2012 auf der Basis von Kriterium VII in die Liste aufgenommen, es betrifft "überragende Naturerscheinungen oder Gebiete von außergewöhnlicher Naturschönheit und ästhetischer Bedeutung".

"Es geht um mehr als nur Schönheit"

Es geht um 18 miteinander verbundene, außergewöhnlich schöne Seen inmitten der Sahara im Nordosten des Tschad. Diese außergewöhnlich ästhetische Landschaft mit ihren überraschenden Farben und Formen umfasst neben salzigen auch wichtige Süßwasserseen unterschiedlicher Größe, Tiefe und chemischer Zusammensetzung. Die Form und Verteilung der Seen in Verbindung mit dem Einfluss von Wind und der in den Seen flottierenden Vegetation erweckt den Eindruck von "Wasserwellen in der Wüste".

Die Welterbestätte "Seen von Ounianga" besticht mit dramatischen Wüstenformen, den Seen und ihrer Vegetation. Aber es geht um mehr als "nur" Schönheit.

Ich verrate sicherlich nicht allzu viel aus Ihrem Vortrag, Herr Dr. Kröpelin, wenn ich andeute, dass die Seenlandschaft von Ounianga auch ein weltweit einzigartiges hydrologisches System darstellt. Die Seen liegen in einem Becken, das vor weniger als 10.000 Jahren noch durch einen weit größeren See bedeckt war. Es sind also Jahrtausende alte, durch fossiles Grundwasser gespeiste permanente Süßwasserseen, mit Fischen und anderen Wassertieren, die hier tausend Kilometer vom Nil entfernt Tausende von Jahren überlebt haben.

Es handelt sich daher auch um ein afrikaweit einzigartiges Klimaarchiv, das uns präzise Rückschlüsse auf die frühen Umwelt- und Lebensbedingungen ermöglicht, die vor 5.000 bis 11.000 Jahren in dieser vom prähistorischen Menschen besiedelten blühenden Savannenlandschaft herrschten, die heute Sahara heißt und ganz anders aussieht, damals aber ein Paradies war für relativ sesshafte Jäger und Sammler, später auch für Hirtennomaden.

Das heutige Ounianga war einst das größte Binnenseesystem der Erde und ermöglicht uns heute den Einblick in eine lückenlose Klimageschichte der Sahara mit genauer Chronologie.

"Je bedeutender ein Gut ist, umso universeller ist seine Gültigkeit"

Der heutige Abend soll sensibilisieren für den Schutz und die Bewahrung des Weltkultur- und Naturerbes.

Die herausragenden Kulturstätten und die großartigen Naturlandschaften dieser Erde sind ideeller Besitz der gesamten Menschheit, der gegenwärtigen und der künftigen Generationen. Hier liegt der eigentliche Kern der UNESCO-Welterbekonvention. Je bedeutender ein Gut ist, umso universeller ist seine Gültigkeit.

Auf der Grundlage eines universellen Erbebegriffes sind die kooperierenden Staaten bereit, das Eigene in eine Reihe zu stellen mit dem Fremden und diesem die Anerkennung zukommen zu lassen, aus der sich letztlich auch der Stolz auf das Eigene nährt. Damit leisten die Welterbestätten einen Beitrag zur universellen Menschheitsidee.

In der ganzen Welt ist Kultur noch immer auch ein Vehikel nationaler Selbstbehauptung. Kultur hat oft eine chauvinistische Dimension und diente oft eher der Abgrenzung und Überbietung als der Öffnung und dem Dialog.

Seit ihrem Inkrafttreten 1976 trägt die Welterbekonvention dazu bei, Kultur aus dem Kontext der nationalen Chauvinismen herauszulösen. Sie trennt den Begriff der Kultur von dem der Nation.

Das ist angesichts der Probleme, mit denen wir zur Zeit weltweit konfrontiert sind – denken wir an Damaskus, an Timbuktu, an die Bamiyan-Statuen –, nicht hoch genug zu schätzen.

Auch aus der Weltgegend, um die es heute Abend geht – sie liegt zwischen Libyen im Norden, dem Sudan im Osten, der Zentralafrikanischen Republik im Süden und Mali im Westen – sind gute Nachrichten keine Selbstverständlichkeit.

"Das Wort 'UNESCO' steht nicht nur für Bürokratie" 

Lieber Herr Kröpelin, es soll heute Abend nicht verschwiegen werden, dass neben dem akademisch trockenen wissenschaftlichen Forscherdrang auch eine sehr lebendige Bereitschaft, sich der Wirklichkeit zuzuwenden, Ihr Engagement charakterisiert. Eine Bereitschaft, die Ihnen aber auch so manches nicht immer ungefährliches Abenteuer beschert hat:

1995 wurden Sie von Sudanesischen Soldaten für einen Waffenschmuggler gehalten und von deren LKW mehrere Tage lang in der Wüste verfolgt. 10 Jahre später sind Sie beinahe in ein Schussgefecht mit Rebellen aus Darfur geraten und nur knapp einem Massaker entgangen, das 20 Soldaten das Leben kostete. Im April 2010 sind Sie in einen Sandsturm geraten, der über Wochen die Sichtweite auf zwei Meter verkürzte und Ihren Körper für zwei Wochen elektrisch aufgeladen hat.

Abenteuer anderer Art waren sicherlich die Begegnungen mit Distriktchefs, Bürgermeistern, Frauengruppen, Schulklassen – auch mit Touristikern. Sie haben mitgewirkt an Gesetzen und Dekreten der tschadischen Regierung. Sie hatten hunderte von Treffen mit Ministern im Tschad und mit internationalen Organisationen und deren Offiziellen. Und ich hoffe, dass Sie dabei festgestellt haben, dass das Wort "UNESCO" nicht nur für Bürokratie steht.

Mit Ihrem persönlichen und nicht immer ungefährlichen Einsatz für diese noch junge Welterbestätte haben Sie jedenfalls den Kern der Welterbekonvention – dem Ideal der internationalen Partnerschaft auf Augenhöhe – große Dienste erwiesen.

In einem Zeitungsartikel haben Sie die Seenlandschaft von Ounianga als die wohl unerforschteste Region der Erde bezeichnet. Ich zitiere: Die Seenlandschaft von Ounianga – "das sind die letzten Wissenschaftsfronten, die man als Geograph oder als Geologe auf der Erdoberfläche noch haben kann". Dabei sind die Seen erst zu fünf Prozent erforscht. Es liegen also noch viele Abenteuer vor Ihnen, an denen Sie uns hoffentlich noch lange teilhaben lassen.«

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