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Reformation und Kulturerbe

Anmerkungen zum 500-jährigen Jubiläum

Von Joachim-Felix Leonhard

Reformatio, im lateinischen Wortsinn Umgestaltung und Erneuerung, meint etwas Vorwärtsgewandtes. So sah das wohl Martin Luther, als er den Text der Heiligen Schrift – wieder – aus den Ursprachen übersetzte, ihn neu gestaltete und ihm – volkssprachlich – über die Gutenbergsche Erfindung des Drucks mit beweglichen Lettern größere Verbreitung verschaffen wollte. Das war neu gegenüber dem traditionellen Text der Vulgata, der über Jahrhunderte über Handschriften und Drucke den Kanon für Verkündigung und Verbreitung des christlichen Glaubens bildete. Hatten Mönche in mittelalterlichen Klöstern in einfachen Handschriften und prächtig gestalteten Evangeliaren die Texte der Bibel immer wieder abgeschrieben, so machten sich nun vor 500 Jahren Martin Luther, Philipp Melanchthon und andere humanistisch gebildete Reformatoren auf den Weg der Neuorientierung. Wissenschaftlich-humanistische Innovation nahm Texttradition(en) auf und veränderte sie durch Neuübersetzung, nicht in den Grundfesten, so aber in der Gestalt des zu vermittelnden Textes, beginnend anno 1517.

Schriften Martin Luthers
© Lutherhaus Wittenberg

500 Jahre später wurden 14 ausgewählte Schriften der Reformation in das UNESCO-Register des Weltdokumentenerbes aufgenommen – und sind nun selbst Tradition und Erbe wie andere Texte des christlichen Glaubens, des Judentums, des Islam, des Buddhismus, des Hinduismus und weiterer Religionen im gleichen Register. Religion und Erbe, Tradition und Entwicklung bilden dort vielfältig Verbindungen ab im Sinne des Gedankens des dänischen Philosophen und Theologen Sören Kierkegaard, dass Leben sich nur rückwärts verstehen lasse, aber vorwärts gelebt werden müsse.

Den Spannungsbogen zwischen Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart als Entwicklungslinien zwischen Tradition(en), auch Verlust, und Neuerung(en) weltweit im Blick zu halten, ist Grundlage der Erbeprogramme der UNESCO. Leider ist es in diesem Rahmen kaum als Zufall anzusehen, dass die beiden Programme Welterbe (World Heritage) sowie Weltdokumentenerbe (Memory of the World) ihren Ausgang in gleich zwei Fällen von (drohendem) Verlust beziehungsweise Zerstörung von Monumenten und Dokumenten nahmen: einmal, als in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts durch die Errichtung des Assuan-Staudammes Stätten altägyptischer Hochkultur nur durch Verlagerung vor der Zerstörung gerettet wurden und es danach zur Gründung des Welterbeprogramms im Jahre 1972 kam; ein zweites Mal zwanzig Jahre später, als nach der Zerstörung der Nationalbibliothek von Sarajevo während des Balkankrieges im Jahre 1992 das Weltdokumentenerbeprogramm ins Leben gerufen wurde. In beiden Fällen widmete sich die UNESCO als die für Bildung, Kultur und Wissenschaft zuständige Weltorganisation also Fragen kulturellen Erbes und kultureller Identität. Zugleich machte sie damit auf die Ziele gegenseitiger Toleranz und friedlicher Entwicklung aufmerksam, denn: wer Monumente oder Dokumente Anderer zerstört, betreibt vordergründig materielle Vernichtung, zielt aber in Wahrheit auf die Zerstörung kultureller und religiöser Identität eben dieser Anderen ab. Das gilt derzeit für Auseinandersetzungen um Tempelanlagen in Palmyra, um Handschriften in Timbuktu und um religiös begründete politisch-militärische Auseinandersetzungen – und bot in früheren Zeiten auch in Mitteleuropa Anlass für Glaubenskriege und religiöse Konflikte. Umso wichtiger ist es, mit Programmen zur Bildung, Kultur und Wissenschaft Brücken zu bauen und multilateral in der Völkergemeinschaft für eine auf gegenseitige Toleranz gründende globale Verstehensgemeinschaft zu werben.

Dieser multilateralen Gemeinschaft ist die Erinnerung an den theologisch-geistigen Aufbruch vor 500 Jahren zugeordnet durch Luthers Wirkungsstätten in Eisleben mit seinem Geburts- und Sterbehaus, in Wittenberg mit dem Lutherhaus, Melanchthonhaus, Schlosskirche und Stadtkirche sowie mit der Wartburg bei Eisenach, wo der Reformator das Neue Testament ins Deutsche übersetzte. An diesen, heute zum UNESCO-Welterbe gehörenden Orten und ihren Monumenten sind Wirken und Werk des Reformators in der historischen Umgebung zu erfahren. Ähnliches gilt auch für die 14 Dokumente aus 11 Bibliotheken und Archiven, die zum UNESCO-Weltdokumentenerbe gehören, wie zum Beispiel ein Handexemplar von Luthers Hebräischer Bibelausgabe, ein Plakatdruck der 95 Ablassthesen, die Bibelübersetzung und seine Schrift an die Ratsherren zur Einrichtung von Schulen.

Wie eng verwoben Geschehen, Inhalte und Formen der Reformation vor 500 Jahren waren und heute sind, machen neben den Orten des Geschehens vor allem die Schriften und bei ihnen drei Aspekte deutlich: erstens die wissenschaftliche Kompetenz, mit der die Übersetzungen der Heiligen Schrift auf neuer Basis erfolgten; zweitens die erweiterte Teilhabe vieler Menschen an der Verbreitung von Inhalten, damals durch den Buchdruck, heute auch durch moderne Medien; und drittens der Blick auf den Bildungsauftrag, zur Reformationszeit in Gestalt der Schrift an die Ratsherren zur Einrichtung von Schulen, heute im Verständnis breiter Wissens- und Informationsvermittlung im globalen Zusammenhang. Alle drei Aspekte finden sich im übertragenen Sinne auch in der programmatischen Aufgabenstellung der UNESCO mit Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation. So geht die Wirkung über das Reformationsjubiläum im Jahre 2017 hinaus.


Joachim-Felix Leonhard, Staatssekretär a.D.
© Leonhard

Prof. Dr. Joachim-Felix Leonhard ist Vorsitzender des deutschen Nominierungskomitees für das UNESCO-Weltdokumentenerbeprogramm. Neben zahlreichen weiteren Ämtern war er Staatssekretär im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst (2003 bis 2007), Generalsekretär des Goethe Instituts (2001 bis 2003) und Vorstand und Direktor der Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv Frankfurt am Main und Potsdam-Babelsberg (1991 bis 2001). Er hat in Frankfurt am Main und Heidelberg Geschichte, Klassische Philologie, Historische Hilfswissenschaften und Philosophie studiert.

Die Frühen Schriften der Reformationsbewegung repräsentieren den Beginn und die Entfaltung der von Martin Luther ausgehenden Reformationsbewegung, die im Jahr 2017 ihr 500-jähriges Jubiläum feiert. Die in das Weltregister der UNESCO aufgenommenen Dokumente stehen für die verschiedenen Facetten der von Luther ausgehenden Reformation und sind in ihrer inhaltlichen Aussage, ihrer materiellen Beschaffenheit und historischen Überlieferung einzigartig. Die Reformationsbewegung hatte im 16. Jahrhundert in Wittenberg ihren Ursprung. Sie entfaltete innerhalb kurzer Zeit eine kritische Überzeugungskraft: Ein zunächst religiös-kirchlicher Impuls entwickelte sich zu einer gesellschaftlichen Erneuerungsbewegung mit grenzüberschreitendem Charakter. Das Nominierungsdossier zu den Luther-Schriften wurde vom Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz in Kooperation mit Lutherforschern aus der ganzen Welt erarbeitet.

(Artikel erstellt am 21. Februar 2017)

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