November 2009
"Im Kampf gegen Rassismus liegt noch viel Arbeit vor uns"
Interview mit Kornelia Guse
Die Europäische Städtekoalition gegen Rassismus wurde 2004 von der UNESCO gegründet. 96 Städte, darunter Barcelona, London, Lyon, Nürnberg, Sankt Petersburg und Stockholm, engagieren sich in dem Netzwerk. Herzstück des Projekts ist ein Zehn-Punkte-Aktionsplan gegen Rassismus. Dieser sieht beispielsweise vor, kommunalpolitische Initiativen gegen Rassismus zu evaluieren. Über die Hintergründe des Städtenetzwerks sprach unesco heute online mit Kornelia Guse. Sie ist bei der UNESCO in Paris für das Städteprogramm gegen Rassismus verantwortlich.

- © UNESCO
uho: 2004 wurde die Europäische Städtekoalition gegen Rassismus gegründet. Wie hat sich das Netzwerk seitdem entwickelt?
Kornelia Guse: Sehr positiv. Immer mehr Städte in Europa treten dem Netzwerk bei. Die jährlichen Generalkonferenzen sind inzwischen ein fester Bestandteil im Terminkalender vieler Städtevertreter. Und Institutionen wie der Europarat oder die EU-Agentur für Grundrechte nehmen die Städtekoalition gegen Rassismus als Ansprechpartner wahr. Seit Anfang 2008 ist die Europäische Städtekoalition auch ein eingetragener Verein. Damit wurde sie nicht nur auf solide juristische Beine gestellt – als Verein werden die Mitgliedsstädte auch daran erinnert, den Zehn-Punkte-Aktionsplan umzusetzen.
uho: Diese Entwicklung ist erfreulich. Aber viele europäische Länder sind in der Städtekoalition noch nicht vertreten.
Kornelia Guse: In der Tat liegt noch viel Arbeit vor uns. Rassismus ist ein globales Phänomen und hat viele Ausdrucksformen. Die Europäische Städtekoalition ist, wenn sie einen Blick auf die Karte werfen, leider noch relativ unausgeglichen: Osteuropäische Städte sind nur sehr schwach vertreten, portugiesische oder dänische Städte sind überhaupt nicht im Netzwerk. Daran arbeiten wir seit langem mit verschiedenen Partnern und ernten jetzt die ersten Früchte. Ukrainische, moldawische, mazedonische und russische Städte zeigen wachsendes Interesse an der Koalition. Vielversprechende Kontakte wurden auch in Portugal und in skandinavischen Ländern geknüpft.
uho: Auf ihrer letzten Generalkonferenz 2008 in Bologna hat die Städtekoalition zum Thema "Rassismus im Sport" ein Jugendforum veranstaltet. Was kann der Sport gegen Diskriminierung tun?
Kornelia Guse: Rassismus gehört zum traurigen Alltag in vielen Fußballstadien Europas. Gleichzeitig hat Sport ein enormes Potenzial, Menschen verschiedener Herkunft zusammenzubringen, und kann helfen Vorurteile abzubauen. Im Rahmen eines gemeinsamen Projektes mit dem FC Barcelona hat sich deshalb die Europäische Städtekoalition vor einem Jahr mit diesem Thema beschäftigt. Zur Generalkonferenz waren auch Jugendliche aus den Mitgliedsstädten eingeladen, um sie aktiv im Kampf gegen Rassismus einzubinden. So entstand die Idee, diskriminierende Äußerungen und Verhaltensweisen unter Profi-Spielern vertraglich zu untersagen. Die European Club Association, die über 130 europäische Fußballclubs vereint, hat im Juli eine entsprechende Erklärung unterzeichnet. Dieses Projekt zeigt, was für ein Potenzial die Städtekoalition hat, gemeinsam mit anderen internationalen Akteuren etwas zu bewegen.
uho: Es gibt weltweit Initiativen gegen Rassismus. Worin liegt das besondere Potenzial der Städtekoalition?
Kornelia Guse: In dem UNESCO-Netzwerk kooperieren die Städte in regionalen Netzen. Sie entwickeln Strategien zur Rassismusbekämpfung, die an die Verhältnisse vor Ort ideal angepasst sind. Dabei geht es nicht nur um die Umsetzung des Zehn-Punkte-Aktionsplanes. Es geht auch darum, Erfahrungen auszutauschen, wie wir die subtilen Formen des Alltagsrassismus, die ja vor allem in den sozialen Brennpunkten zu beobachten sind, wirksam bekämpfen können. Deshalb ist das Städtenetzwerk besonders geeignet, um gemeinsame Projekte zu initiieren. Die UNESCO unterstützt die Städtekoalition intensiv, indem sie Good-Practice-Projekte identifiziert, evaluiert und verbreitet. Außerdem führt sie Kolloquien und Seminare durch, um Ideen- und Erfahrungen auszutauschen.
uho: Seit 2008 gibt es auch ein globales Netzwerk von Städtekoalitionen gegen Rassismus. Zunächst haben sich die Koalitionen in Asien, Afrika, Kanada, Lateinamerika und Arabien vernetzt. Findet inzwischen ein Austausch über die Kontinente statt?
Kornelia Guse: Um Brücken zu bauen, hat die UNESCO, in enger Zusammenarbeit mit der Stadt Nürnberg, ein erstes Arbeitstreffen der Internationalen Städtekoalitionen Anfang Oktober veranstaltet. Die regionalen Koalitionen wurden gegründet, um die vielseitigen Ausdrucksformen von Rassismus kulturell, historisch und politisch weltweit besser zu verstehen. Am Ende des Treffens wurde ein Fahrplan verabschiedet. Das Dokument wird für weitere Aktivitäten der Internationalen Städtekoalition dienen.
uho: Der Kampf gegen Diskriminierung und Ausgrenzung ist zäh. Wo sehen Sie die Europäische Städtekoalitionen gegen Rassismus in fünf Jahren?
Kornelia Guse: Ich hoffe, das Netzwerk entwickelt sich auch in den nächsten Jahren so positiv weiter wie bisher. Die größte Herausforderung sehe ich darin, den Zehn-Punkte-Aktionsplan umzusetzen. Die UNESCO erhält darüber regelmäßige Berichte, die die Mitgliedsstädte alle zwei Jahre vorlegen müssen. Das wird uns helfen, die notwendigen Informationen zur Umsetzung des Zehn-Punkte Aktionsplans zu sammeln und eine Gesamtentwicklung abzuleiten. Was die Internationale Städtekoalition angeht, gibt es schon gute Ansätze und erste individuelle Austauschmöglichkeiten. Diese müssen weiter ausgebaut werden.
Das Interview führte Farid Gardizi für unesco heute online.
unesco heute online • Redaktion: Dieter Offenhäußer / Kurt Schlünkes
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