Deutsche UNESCO Kommission e.V.

Februar 2012

Den Radius der Kunst erkunden

Internationale Konferenz in Berlin thematisiert Kunst und sozialen Wandel

Von Karen Phillips

"Die Teilnahme an einem kreativen Akt gibt Menschen die Möglichkeit, außerhalb ihrer Realität zu denken und zu fühlen." Diese Worte von Basma El Husseiny, Kunstmanagerin und Kulturaktivistin aus Ägypten, gaben bei der Konferenz "Radius of Art" den Ton an. Die Konferenz fand vom 8. bis 9. Februar 2011 in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin statt.

© Karen Phillips
Diskussion um die Bedeutung kultureller Richtlinien und öffentlicher Finanzierung

An der Konferenz haben über 250 Künstler, politische Entscheidungsträger, Wissenschaftler, Pädagogen und Geldgeber aus aller Welt teilgenommen. Sie bot Gelegenheit für einen internationalen Austausch zu den Auswirkungen von Kunst und Kultur auf sozialen Wandel. Podiumsdiskussionen, Workshops und Künstlerpräsentationen beschäftigten sich mit vier zentralen Themen: Kunst für sozialen Wandel, Kunst im öffentlichen Raum, Kunst für Nachhaltigkeit der Kulturen und kulturpolitische Strategien und Finanzierungsstrukturen.

Im Laufe der zweitägigen Konferenz wurden soziale und kulturelle Theorien debattiert, Ideen zur Politisierung von Kunst diskutiert und Beispiele zu sozial engagierten, kreativen Praktiken ausgetauscht. Hierbei ergaben sich mehrere Schlüsselfragen: Welche Machtverhältnisse bedingen die Finanzierung und die Unterstützung sozial engagierter Kunst, insbesondere wenn es sich dabei um die Nord-Süd-Entwicklung und Zusammenarbeit handelt? Wie können wir in einem öffentlichen und politischen Bereich über Kunst sprechen in einer Sprache, die für all ihre Repräsentanten und Interessensvertreter verständlich ist? Welche Rolle spielt Kreativität in Zeiten zunehmender ökologischer und sozialer Probleme? Wie können Richtlinien und Finanzierungsstrukturen unterstützend wirken, ohne zu riskieren, die Kunst auf eine Reihe vorgeschriebener Funktionen zu beschränken?

Rolle der UNESCO-Konvention zur Vielfalt kultureller Ausdrucksformen

Die UNESCO-Konvention über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen stellte die theoretische und politische Grundlage der Konferenz dar. Die Präsidentin der Heinrich-Böll-Stiftung Barbara Unmüßig betonte in ihrer Eröffnungsrede, die Konferenz stehe für "das Versprechen, zusammen daran zu arbeiten, die Konvention in die Praxis umzusetzen". Trotz der anerkannten Rolle der Kultur als vierte Dimension von nachhaltiger Entwicklung seien nicht genügend Praktiken entwickelt worden, um sie zu etablieren und zu fördern.

Die Rolle der UNESCO-Konvention aus dem Jahr 2005 stand im Mittelpunkt des Plenums, das von der Deutschen UNESCO-Kommission und dem Goethe-Institut organisiert wurde. Unter dem Titel "Good life in times of cholera and other turbulences – what role for cultural governance?" thematisierte das Plenum die Bedeutung kultureller Richtlinien und öffentlicher Finanzierung, insbesondere in Entwicklungsländern.

Ole Reitov, Programmmanager der Initiative "Freedom of Musical Expression", moderierte eine lebhafte Diskussion zwischen Suraiya Begum, Staatssekretärin für Kultur aus Bangladesch, und Christine M. Merkel, Leiterin des Fachbereichs für Kultur der Deutschen UNESCO-Kommission. Suraiya Begum betonte, dass "die Regierung Kultur nicht erzeugen, aber möglich machen kann". Hierfür würden eine Infrastruktur benötigt sowie "hausgemachte und einfache Lösungen". Konfrontiert mit der wiederkehrenden Frage, ob Kultur vor anderen dringlichen sozialen Bedürfnissen finanzielle Unterstützung erhalten solle, erwiderte Begum, dass dies keine Entweder-Oder-Frage sei, sondern es eher nötig sei, Wege zu finden, um beides zu ermöglichen.

Christine M. Merkel bot Einblicke in den politischen Prozess, der für die Ratifizierung der 2005er Konvention in Deutschland erforderlich war, und den Weg ihrer Umsetzung bis heute. Sie signalisierte, dass es von großer Bedeutung sei, die Unterstützung verschiedener politischer Parteien zu sichern und ein institutionelles Gedächtnis zu schaffen, das Wahlperioden überdauere. Wie Suraiya Begum betonte, war Bangladesch eines der ersten Länder, das die UNESCO-Konvention ratifiziert hat. Es habe eine führende Rolle darin übernommen, die Konvention in der Region zu fördern. Zu diesem Zweck wird Bangladesch eine Konferenz ausrichten, um weitere Ratifizierungen der Konvention anzuregen und die regionale kulturelle Zusammenarbeit zu stärken.

Erfahrungen aus internationalen Kunst- und Kulturprojekten

Durch das Zusammentreffen von Künstlern, Kuratoren und Kulturmanagern aus aller Welt wurde die Konferenz zur Plattform für künstlerische Praktiken. Die Teilnehmer lernten Projekte kennen, die in den randständigsten Kommunen der Welt stattfinden: Von Villa El Salvador in Lima, Peru, wo Arena y Esteras Straßenkunst dazu nutzen, die Angst zu überwinden, die jahrelange Guerilla und Militärkämpfe verursacht haben – bis zum Jenin Refugee Camp, in dem das Freedom Theatre es palästinensischen Jugendlichen und Kindern ermöglicht, sich durch Theater auszudrücken und neue Realitäten für ihre Zukunft zu erschaffen. Andere Künstler antworteten auf Streitfragen aus Politik und Umwelt mit ihren eigenen kreativen Prozessen, so auch Rajkamal Kahlon, dessen aktuelles Werk sich mit dem Tod von Gefängnisinsassen in den USA. auseinandersetzt, oder Public.Art.Ecology, eine Reihe von standortbezogenen Projekten, die das Entwicklungsparadigma in Indien in Frage stellen.

Die Konferenz wurde vom Projektbüro "radius of art" der Heinrich-Böll-Stiftung in Kiel initiiert und in Zusammenarbeit mit dem Büro der Stiftung in Berlin sowie zahlreichen weiteren Kooperationspartnern organisiert. Die Europäische Kommission unterstützte die Konferenz im Rahmen des Förderprogramms "Kultur 2007-2013".

Übersetzung von Laura Göttmann

Weitere Informationen:
www.radius-of-art.de/conference 

Mitschnitte des Plenums "Good life in times of cholera and other turbulences" sowie von weiteren Veranstaltungen der Radius of Art-Konferenz sind auf der Website der Heinrich-Böll-Stiftung zu sehen.