Schriftgröße ändern

Zum Ändern der Schriftgröße verwenden Sie bitte die Funktionalität Ihres Browsers. Die Tastatur-Kurzbefehle lauten folgendermaßen:


[Strg]-[+] Schrift vergrößern
[Strg]-[-] Schrift verkleinern
[Strg]-[0] Schriftgröße Zurücksetzen



schließen
MenüService
Suche
  • Home
  • Schriftgröße

Empfehlung zur Stellung der wissenschaftlichen Forscher

Verabschiedet von der 18. Generalkonferenz der UNESCO am 23. November 1974

Vorwort
Im November 1972 beschloss die UNESCO in Paris auf ihrer 17. Generalkonferenz, eine Empfehlung über die Stellung der wissenschaftlichen Forscher zu erarbeiten. Gemäß dem in der Satzung der UNESCO festgelegten Beteiligungsverfahren wurde ein vorläufiger Entwurf der Mitgliedstaaten zur Stellungnahme übermittelt. Am 23. November 1974 konnte die vorliegende Empfehlung auf der 18. Generalkonferenz verabschiedet werden. Im Gegensatz zu internationalen Abkommen verpflichten die Empfehlungen der UNESCO nicht zu gesetzgeberischen Maßnahmen. Die einzelnen Mitgliedstaaten sind jedoch gehalten, sich für die Empfehlungen einzusetzen und der UNESCO regelmäßig zu berichten. Für die Verwirklichung der in den Empfehlungen ausgeführten Ziele ist es wichtig, dass die verantwortlichen Stellen unterrichtet werden. Den gesetzgebenden Körperschaften, Bundestag und Bundesrat, gegenüber ist die Regierung der Bundesrepublik Deutschland ihrer Informationspflicht am 14. August 1975 nachgekommen. Daneben sollten sich aber auch andere staatliche und nichtstaatliche Stellen aufgerufen sehen, zu der Umsetzung der Empfehlung beizutragen. Auch ihnen soll diese Publikation dazu dienen, sich mit den Absichten und Leitsätzen der Empfehlung vertraut zu machen.
Der UNESCO-Empfehlung über die Stellung der wissenschaftlichen Forscher sind auf internationaler Ebene Initiativen vorausgegangen. In den Jahren 1948 bis 1958 verabschiedete die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) Abkommen, die sich mit grundlegenden  Rechten des werktätigen Menschen befassten. Unter entwicklungspolitischen Gesichtspunkten hat der Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen 1972 und 1973 einige Resolutionen zur Anwendung von Wissenschaft und Technik sowie zur wissenschaftlichen und technischen Zusammenarbeit zwischen den Staaten zugestimmt. Hervorzuheben sind auch verschiedene Anstrengungen internationaler Fachverbände. So nahm die Generalversammlung des Internationalen Rates Wissenschaftlicher Vereinigungen (ICSU) 1972 auf ihrer 14. Sitzung eine Resolution über „Free Circulation of Scientists“ an. Zu erwähnen ist auch die „Declaration on the Rights of Scientific Workers“ der Weltvereinigung der Wissenschaftler (WFSW) im Jahre 1969. Der inhaltlichen Vorbereitung der Empfehlung kam daneben die erste Konferenz der Forschungsminister europäischer UNESCO-Mitgliedstaaten im Jahre 1970 (MINESPOL) insofern zugute, als die seinerzeit erzielte begriffliche Einigung über Termini wie „Wissenschaft“, „Technologie“, „Wissenschaftliche Forschung“, „Experimentelle Entwicklung“ und „Wissenschaftlicher Forscher“ deren Verwendung ermöglichte.
Die Empfehlung geht davon aus, dass jede nationale Politik im Bereich von Wissenschaft und Technologie innerhalb des gemeinsamen Bemühens der Völker gesehen werden sollte, eine „menschlichere und wahrhaft gerechte Gesellschaft aufzubauen“. Zur Verwirklichung dieses Zieles tragen auch Wissenschaftler bei, insbesondere dann, wenn es gelingt, das Bewusstsein des vor allem jungen Wissenschaftlers dahingehend zu schärfen, dass wissenschaftliche Arbeit ethische und staatsbürgerliche Verantwortung einschließt. Die Adressaten der Empfehlung sollen letztlich ermutigt werden, Ausbildung und Beschäftigung von Wissenschaftlern als einen integralen Bestandteil ihrer jeweiligen manpower- und Bildungspolitik zu sehen.
Die vorliegende Ausgabe der UNESCO-Empfehlung über die Stellung der wissenschaftlichen Forscher gründet sich auf der Absicht der Deutschen UNESCO-Kommission, wichtige Dokumente der UNESCO durch deren Übersetzung in das Deutsche einem größeren, interessierten Publikum bekannt zu geben. Die zweisprachige Fassung dieser Empfehlung, mit der die Reihe der deutschsprachigen Ausgabe der Abkommen und Empfehlungen der UNESCO erweitert wird, möge dazu dienen, sich den Zugang zu ihrem Inhalt vergleichend zu erschließen.

Köln, März 1976
Der Generalsekretär der Deutschen UNESCO-Kommission

Redaktion der gedruckten Ausgabe von 1976: Dr. Folkert Precht. In der vorliegenden Online-Version von 2007 wurden keine redaktionellen Anpassungen vorgenommen, z.B. keine geschlechtssensible Sprache verwendet. Den englischen Originaltext finden Sie hier.


Die Generalkonferenz der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO), die vom 17. Oktober bis 23. November 1974 in Paris zu ihrer achtzehnten Tagung zusammengetreten ist –

unter dem Hinweis darauf, dass die UNESCO nach dem letzten Absatz der Präambel ihrer Satzung bestrebt ist, durch Unterstützung der Zusammenarbeit der Völker der Erde (u.a.) auf dem Gebiet der Wissenschaft den Weltfrieden und den allgemeinen Wohlstand der Menschheit zu fördern – Ziele, um derentwillen die Vereinten Nationen gegründet wurden und die in deren Charta verkündet sind,

im Hinblick auf die am 10. Dezember 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedete Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, insbesondere deren Artikel 27 Absatz 1, der verkündet, dass jeder Mensch das Recht hat, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen und am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Wohltaten teilzuhaben,

 in der Erkenntnis,

a)      dass die wissenschaftlichen Entdeckungen und die damit verbundenen technologischen Neuerungen und Anwendungsmöglichkeiten ungeheuere Aussichten für den Fortschritt eröffnen, die sich insbesondere aus der bestmöglichen Nutzung der Wissenschaft und wissenschaftlicher Methoden zum Wohl der Menschheit, zur Wahrung des Friedens und zum Abbau internationaler Spannungen ergeben, die aber zugleich gewisse Gefahren mit sich bringen können, die besonders dann eine Bedrohung darstellen, wenn die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung gegen die lebenswichtigen Interessen der Menschheit zur Vorbereitung von Massenvernichtungskriegen oder zur Ausbeutung einer Nation durch eine andere benutzt werden, und die in jedem Fall vielschichtige ethische und rechtliche Fragen aufwerfen können,

b)     dass die Mitgliedstaaten, um dieser Situation gewachsen zu sein, ein Instrumentarium zur Ausarbeitung und Durchführung angemessener wissenschaftlicher und technologischer Maßnahmen entwickeln oder erfinden sollten, d.h. Maßnahmen, die dazu bestimmt sind, mögliche Gefahren zu vermeiden und die positiven Aussichten, die diese Entdeckungen, technologischen Neuerungen und Anwendungsmöglichkeiten bieten, in vollem Umfang zu verwirklichen und zu nutzen,

sowie in der Erkenntnis,

a)      dass ein Stab begabter und entsprechend ausgebildeter Personen die Grundlage darstellt, auf der die Fähigkeit eines Landes zu Forschung und experimenteller Entwicklung beruht, und für die Nutzung und Auswertung anderswo betriebener Forschung unentbehrlich ist,

b)      dass die ungehinderte Mitteilung von Ergebnissen, Hypothesen und Meinungen – wie der Ausdruck „akademische Freiheit“ andeutet – zum Wesen des wissenschaftlichen Prozesses gehört und die beste Gewähr für die Richtigkeit und Objektivität der wissenschaftlichen Ergebnisse bietet,

c)      dass zur Durchführung von Forschung und experimenteller Entwicklung angemessene Unterstützung und entsprechende Ausrüstung erforderlich sind,

in dem Bewusstsein, dass dieser Aspekt des politischen Prozesses überall auf der Welt für die Mitgliedstaaten immer mehr Bedeutung gewinnt: unter Berücksichtigung der in der Anlage zu dieser Empfehlung aufgeführten zwischenstaatlichen Initiativen, die davon zeugen, dass die Mitgliedstaaten die wachsende Bedeutung von Wissenschaft und Technologie bei der Lösung verschiedener weltweiter Probleme auf breiter internationaler Grundlage anerkennen, wodurch die Zusammenarbeit zwischen den Völkern verstärkt und die Entwicklung einzelner Völker begünstigt wird, und in der Überzeugung, dass diese Tendenzen die Bereitschaft der Mitgliedstaaten, konkrete Schritte zur Einführung und Durchführung angemessener wissenschaftlicher und technologischer Maßnahmen zu unternehmen, fördern werden,

in der Überzeugung, dass ein solches Vorgehen der Regierungen in hohem Maße dazu beitragen kann, die Vorraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Fähigkeit eines Landes, Forschung und experimentelle Entwicklung mit einem geschärften Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem Menschen und seiner Umwelt zu betreiben, angeregt und verstärkt wird,

in der Erwägung, dass eine der wichtigsten dieser Voraussetzungen darin besteht, denjenigen, die tatsächlich diese Forschung und experimentelle Entwicklung in Wissenschaft und Technologie betreiben, unter gebührender Berücksichtigung der mit der Durchführung dieser Arbeit verbundenen Verantwortlichkeiten und dazu notwendigen Rechte eine angemessene Stellung zu sichern,

in der Erwägung, dass wissenschaftliche Forschungstätigkeit unter außergewöhnlichen Arbeitsbedingungen ausgeübt wird und von den wissenschaftlichen Forschern ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein gegenüber ihrer Arbeit, ihrem Land und den Idealen und Zielen der Vereinten Nationen verlangt und dass den Angehörigen dieses Berufs daher eine angemessene Stellung gebührt,

in der Überzeugung, dass bei der gegenwärtigen Einstellung der Regierungen, der wissenschaftlichen Kreise und der Öffentlichkeit der Zeitpunkt für die Generalversammlung günstig ist, den Mitgliedsregierungen, die den betreffenden Arbeitnehmern eine angemessene Stellung sichern wollen, Leitgrundsätze hierfür aufzustellen,

unter Hinweis darauf, dass in dieser Hinsicht bereits viel wertvolle Arbeit für die Arbeitnehmer im allgemeinen und die wissenschaftlichen Forscher im besonderen geleistet worden ist, vornehmlich durch die in dieser Präambel und in der Anlage zu dieser Empfehlung aufgeführten internationalen Übereinkünfte und sonstiger Schriftstücke,

in dem Bewusstsein, dass die allgemein unter der Bezeichnung „brain drain“ der wissenschaftlichen Forscher (oder „Abwanderung der Intelligenz“) bekannte Erscheinung in der Vergangenheit große Unruhe ausgelöst hat und manche Mitgliedstaaten auch weiterhin mit großer Sorge erfüllt; in dieser Hinsicht eingedenk der vordringlichen Bedürfnisse der Entwicklungsländer und daher in dem Wunsch, die wissenschaftlichen Forscher stärker dahin gehend zu motivieren, in denjenigen Ländern und Gebieten zu arbeiten, die ihrer Dienste am meisten bedürfen,

in der Überzeugung, dass die Stellung der wissenschaftlichen Forscher in allen Ländern ähnliche Probleme aufwirft, die gemeinsam in Angriff genommen werden sollten und eine möglichst weitgehende Anwendung gemeinsamer Normen und Maßstäbe erforderlich machen, deren Festlegung Zweck dieser Empfehlung ist,

indem sie jedoch bei der Annahme und Anwendung dieser Empfehlung die große Vielfalt der Gesetze, sonstigen Vorschriften und Gebräuche voll und ganz berücksichtigt, die in den verschiedenen Ländern Struktur und Organisation der Forschung und der experimentellen Entwicklung im Bereich von Wissenschaft und Technologie bestimmen,

in dem Wunsch daher, die in den Gesetzen und Verordnungen des Landes niedergelegten und durch seine Gebräuche bestätigten sowie die in den internationalen Übereinkünften und sonstigen in dieser Präambel und in der Anlage zu dieser Empfehlung aufgeführten Schriftstücken enthaltenden Normen und Empfehlungen durch Vorschriften zur Regelung von Problemen zu ergänzen, die für die wissenschaftlichen Forscher von zentraler Bedeutung sind,

auf der Grundlage von Vorschlägen – Punkt 26 der Tagesordnung – über die Stellung der wissenschaftlichen Forscher,

nachdem sie auf ihrer 17. Tagung beschlossen hat, dass diese Vorschläge die Form einer Empfehlung an die Mitgliedstaaten erhalten sollen –

nimmt diese Empfehlung am 24. November 1974 an.

Die Generalkonferenz empfiehlt den Mitgliedstaaten, die nachstehenden Bestimmungen anzuwenden, indem sie alle erforderlichen gesetzgeberischen oder sonstigen Schritte zur Anwendung der in dieser Empfehlung enthaltenden Grundsätze und Normen in ihrem Hoheitsgebiet unternehmen.

Die Generalkonferenz empfiehlt den Mitgliedstaaten, die für Forschung und experimentelle Entwicklung und die Anwendung ihrer Ergebnisse verantwortlichen Behörden, Institutionen und Unternehmen sowie die verschiedenen Organisationen, welche die Interessen der in Vereinigungen zusammengeschlossenen wissenschaftlichen Forscher vertreten oder fördern, und sonstige Interessenten auf diese Empfehlung hinzuweisen.

Die Generalkonferenz empfiehlt  den Mitgliedstaaten, ihr über das auf diese Empfehlung hin Veranlasste zu einem Zeitpunkt und in der Form, die sie bestimmt, zu berichten.

I. Anwendungsbereich

1.      Im Sinne dieser Empfehlung

a)     i) bezeichnet das Wort „Wissenschaft“ die planvolle Anstrengung des Menschen, der einzelnen oder in kleinen oder großen Gruppen mittels objektiver Untersuchung beobachteter Phänomene Kausalzusammenhänge zu erkennen und zu beherrschen sucht, die so erworbenen Kenntnisse sammelt, indem er sie durch systematisches Bemühen um Reflexion und begriffliche Bestimmung, häufig weitgehend in mathematischen Symbolen ausgedrückt, koordiniert und sich damit die Möglichkeit schafft, aus dem Verständnis der in der Natur und in der Gesellschaft zu beobachtenden Prozesse und Phänomene Nutzen zu ziehen;

ii) bezeichnet der Ausdruck „die Wissenschaften“ eine Gesamtheit von Tatsachen und Hypothesen, in denen das theoretische Element in der Regel nachprüfbar ist, und schließt insoweit die Wissenschaften ein, die gesellschaftliche Fakten und Erscheinungen zum Gegenstand haben;

b)      bezeichnet das Wort „Technologie“ diejenigen Kenntnisse, die in unmittelbarem Zusammenhang mit der Erzeugung oder Verbesserung von Waren oder Dienstleistungen stehen;

c)      i) bezeichnet der Ausdruck „wissenschaftliche Forschung“ die Prozesse der Untersuchung, des Versuchs, der Begriffsbestimmung und der Erprobung von Theorien, die zur Entstehung wissenschaftlicher Kenntnisse gehören, wie sie unter Buchstabe a Ziffer i und ii beschrieben sind;

ii) bezeichnet der Ausdruck „experimentelle Entwicklung“ die Prozesse der Adaption, der Erprobung und der Vervollkommnung, die eine praktische Anwendung ermöglichen;

d)      i) bezeichnet der Ausdruck „wissenschaftliche Forscher“ die Personen, die für die Erforschung eines bestimmten Gebietes der Wissenschaft oder der Technologie verantwortlich sind;

ii) kann jeder Mitgliedstaat auf der Grundlage dieser Empfehlung die Kriterien für die Zugehörigkeit zur Kategorie der als wissenschaftliche Forscher anerkannten Personen (wie der Besitz von Diplomen, Graden, akademischen Titeln oder Funktionen) sowie die zu berücksichtigenden Ausnahmen bezeichnen;

e)      bezeichnet das Wort „Stellung“, auf die wissenschaftlichen Forscher bezogen, das Ansehen oder die Beachtung, die sie genießen, wie sie zum einen in dem Grad der Anerkennung der mit ihrer Funktion verbundenen Pflichten und Verantwortlichkeiten sowie der Befähigung, mit der sie sie ausüben, und zum anderen in den Rechten, den Arbeitsbedingungen, der materiellen Hilfe und der moralischen Unterstützung, die ihnen bei der Erfüllung ihrer Aufgabe zuteil werden, zum Ausdruck kommen.

2.      Diese Empfehlung gilt für alle wissenschaftlichen Forscher ohne Rücksicht auf

a)      die Rechtsstellung ihres Arbeitsgebers oder die Art der Organisation oder des Unternehmens, in denen sie arbeiten;

b)      ihr wissenschaftliches oder technologisches Spezialgebiet;

c)      die Motivation der von ihnen betriebenen wissenschaftlichen Forschung und experimentellen Entwicklung;

d)     die Art der Anwendung, auf die sich diese wissenschaftliche Forschung und experimentelle Entwicklung am unmittelbarsten beziehen.

3.      Für wissenschaftliche Forscher, die sich nur zeitweise auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Forschung und experimentellen Entwicklung betätigen, gilt diese Empfehlung nur während der Zeit, in der sie diese Tätigkeit ausüben, und nur in diesem Zusammenhang.

II. Wissenschaftliche Forscher und Gestaltung der nationalen Politik

 4.    Jeder Mitgliedstaat soll sich bemühen, die wissenschaftlichen und technologischen Kenntnisse in den Dienst der Hebung des kulturellen und materiellen Wohlstands seiner Staatsangehörigen zu stellen und die Ideale und Ziele der Vereinten Nationen zu fördern. Zu diesem Zweck soll sich jeder Mitgliedstaat mit Personal, Einrichtungen und Vorrichtungen für die Entwicklung und Durchführung einer nationalen Politik im Bereich von Wissenschaft und Technologie ausstatten, die dazu dienen sollen, die Anstrengungen in der wissenschaftlichen Forschung und experimentellen Entwicklung auf die Erreichung der nationalen Ziele auszurichten, wobei allerdings der Wissenschaft als solcher ein angemessener Platz eingeräumt werden muss. Durch ihre Politik im Bereich der Wissenschaft und Technologie, durch die Art, wie sie zur Gestaltung ihrer Politik im allgemeinen verwenden, und vor allem durch ihre Haltung gegenüber den wissenschaftlichen Forschern sollen die Mitgliedstaaten zeigen, dass wissenschaftliche und technologische Tätigkeiten nicht isoliert ausgeübt werden dürfen, sondern dass sie Teil des gemeinsamen Bemühens der Völker sind, eine menschlichere und wahrhaft gerechte Gesellschaft aufzubauen.

5.      Auf allen geeigneten Ebenen der nationalen Planung im allgemeinen und der Planung im Bereich von Wissenschaft und Technologie im besonderen sollen die Mitgliedstaaten

a)      die öffentliche Finanzierung der wissenschaftlichen Forschung und der experimentellen Entwicklung als eine Form öffentlicher Investitionen behandeln, die sich meistens zwangsläufig erst langfristig auszahlen, und

b)      alle geeigneten Maßnahmen treffen, damit die öffentliche Meinung über die Berechtigung, ja die Unerlässlichkeit dieser Ausgaben, laufend unterrichtet wird.

6.      Die Mitgliedstaaten sollen sich nach Kräften bemühen, ihr Wissen und die Notwendigkeit der Anwendung von Wissenschaft und Technologie auf vielen besonderen Gebieten von mehr als nationaler Bedeutung in internationale Politik und Praxis umzusetzen, wobei an umfassende und vielschichtige Probleme wie Erhaltung des Weltfriedens und Beseitigung der Not sowie andere Probleme gedacht ist, die nur auf internationaler Ebene wirksam zu lösen sind, z.B. Überwachung und Verhütung der Umweltverschmutzung, Wettervorhersage und Vorhersage von Erdbeben.

7.      Die Mitgliedstaaten sollen den wissenschaftlichen Forschern die Möglichkeit geben, an der grundsätzlichen Planung der nationalen Politik im Bereich der wissenschaftlichen Forschung und experimentellen Entwicklung mitzuwirken. Jeder Mitgliedstaat soll insbesondere dafür sorgen, dass diese Planung unter Heranziehung geeigneter Einrichtungen durchgeführt wird, die Rat und Hilfe von wissenschaftlichen Forschern und deren Berufsorganisation erhalten.

8.      Jeder Mitgliedstaat soll seinen Bedürfnissen entsprechende Verfahren einführen, damit die wissenschaftlichen Forscher bei der Durchführung öffentlich geförderter wissenschaftlicher Forschung und experimenteller Entwicklung ihre Verantwortlichkeit gegenüber der Allgemeinheit achten, dabei jedoch ein ihrer Aufgabe und dem Fortschritt von Wissenschaft und Technologie entsprechendes Maß an Unabhängigkeit genießen. Es gilt in vollem Umfang zu berücksichtigen, dass die nationale Wissenschaftspolitik die schöpferische Tätigkeit der wissenschaftlichen Forscher unter strikter Wahrung der für den wissenschaftlichen Fortschritt notwendigen Unabhängigkeit und Freiheit der Forschung fördern sollte.

 9.      Im Hinblick auf die oben dargelegten Ziele und unter Beachtung des Grundsatzes der Freizügigkeit der wissenschaftlichen Forscher sollen die Mitgliedsaaten es sich angelegen sein lassen, das allgemeine Klima zu schaffen und die Maßnahmen zur geistigen und materiellen Unterstützung und Förderung der wissenschaftlichen Forscher zu treffen, die erforderlich sind,

a)      damit junge Leute von Format den Beruf genügend reizvoll finden und genügend Vertrauen in die wissenschaftliche Forschung und experimentelle Entwicklung als aussichtsreiche und einigermaßen sichere Karriere setzen, um eine ständige angemessene Regeneration des wissenschaftlichen und technologischen Personals eines Landes zu gewährleisten;

b)      damit die Bildung und Entwicklung eines Stabs wissenschaftlicher Forscher aus den Reihen der Bevölkerung begünstigt wird, die sich als würdige Mitglieder der internationalen wissenschaftlichen und technologischen Gemeinschaft betrachten und von ihren Kollegen in der ganzen Welt als solche angesehen werden;

c)      damit eine Lage gefördert wird, die der Mehrzahl der wissenschaftlichen Forscher oder der jungen Leute, die diesen Beruf ergreifen wollen, die notwendigen Anreize geben kann, im Dienst ihres Landes zu wirken und dorthin zurückzukehren, wenn sie einen Teil ihrer Bildung, Ausbildung oder Erfahrung im Ausland erworben haben.

III. Erste Bildung und Ausbildung der wissenschaftlichen Forscher

10.   Die Mitgliedstaaten sollen nicht aus dem Auge verlieren, dass eine leistungsfähige wissenschaftliche Forschung von dem, der sich ihr widmet, Integrität und Reife, gepaart mit hervorragenden ethischen und intellektuellen Qualitäten, verlangt.

11.   Um die Herausbildung wissenschaftlicher Forscher dieses Formats zu begünstigen, sollen die Mitgliedstaaten unter anderem

a)      dafür sorgen, dass alle ihre Staatsangehörigen unabhängig von "Rasse", Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Meinung, nationaler oder sozialer Herkunft, wirtschaftlicher Lage oder Geburt die gleiche Möglichkeit haben, eine erste Bildung und Ausbildung zu erhalten, die sie zur wissenschaftlichen Forschung befähigen, und dass alle, die diese Fähigkeit erworben haben, gleichermaßen Zugang zu den in der wissenschaftlichen Forschung vorhandenen Arbeitsplätzen haben;

b)      den Sinn für den Dienst an der Gemeinschaft, der ein wichtiger Faktor dieser Bildung und Ausbildung ist, fördern.

12.    Die Mitgliedstaaten sollen, soweit dies mit der gebotenen Unabhängigkeit der Lehrkräfte vereinbar ist, alle Bildungsinitiativen unterstützen, die diesen Sinn entwickeln sollen und beispielsweise darin bestehen können,

 a) sozialwissenschaftliche oder Umweltfragen in die Lehrpläne und Kurse für Naturwissenschaften und Technologie aufzunehmen oder stärker zu berücksichtigen,

 b) Bildungsmethoden zu entwickeln und anzuwenden, die geeignet sind, persönliche Qualitäten und Geisteshaltungen zu wecken und zu stimulieren, wie etwa

i) Selbstlosigkeit und intellektuelle Redlichkeit,

ii) die Fähigkeit, ein Problem oder eine Lage nicht nur mit Augenmaß und dem Sinn für Proportionen, sondern auch unter Berücksichtigung aller menschlichen Bezüge zu prüfen;

iii) die Fähigkeit, auch die staatsbürgerlichen und ethischen Auswirkungen eines Problems zu erkennen, das den Erwerb neuer Kenntnisse erforderlich macht, obwohl es zunächst nur technischer Art zu sein scheint;

iv) rasches Erfassen mutmaßlicher und möglicher sozialer und ökologischer Folgen der Betätigungen im Bereich der wissenschaftlichen Forschung und experimentellen Entwicklung;

v)  die Bereitschaft zur Kommunikation mit anderen, nicht nur in wissenschaftlichen und technologischen Kreisen, sondern auch außerhalb derselben, wozu auch die Bereitschaft zur Team-Arbeit und zur Zusammenarbeit mit Vertretern anderer Berufe gehört.

IV. Die Berufung des wissenschaftlichen Forschers

13.    Die Mitgliedstaaten sollen sich vergegenwärtigen, dass das Bewusstsein einer Berufung bei den wissenschaftlichen Forschern erheblich gestärkt werden kann, wenn man sie ermutigt, ihr Wirken als einen Dienst sowohl an ihren Landsleuten als auch an der ganzen Menschheit zu betrachten. Die Mitgliedstaaten sollen sich bemühen, durch die Art der Behandlung der wissenschaftlichen Forscher und ihrer Haltung ihnen gegenüber zum Ausdruck zu bringen, dass sie die in diesem Gebiet des Dienstes an der Gemeinschaft geleistete wissenschaftliche Forschung und experimentelle Entwicklung ermutigen.

Der staatsbürgerliche und ethische Aspekt der wissenschaftlichen Forschung

14.    Die Mitgliedstaaten sollen sich bemühen, günstige Vorraussetzungen dafür zu schaffen, dass die wissenschaftlichen Forscher mit Unterstützung der Behörden die Verantwortung und das Recht haben,

a)      in günstiger Unabhängigkeit nach wissenschaftlicher Wahrheit, wie sie sie verstehen, zu suchen, sie zu erläutern und für sie einzutreten;

b)      an die Bestimmung der Ziele und Zwecke ihrer Arbeitsprogramme und der anzuwendenden Methoden, die ihrer Verantwortung in humanitärer, sozialer und ökologischer Hinsicht entsprechen sollten, mitzuwirken;

c)      zum menschlichen, sozialen oder ökologischen Wert bestimmter Vorhaben ungehindert Stellung zu nehmen und im äußersten Fall ihre Mitwirkung einzustellen, wenn ihr Gewissen ihnen dies gebietet;

d)      einen positiven und konstruktiven Beitrag zu Wissenschaft, Kultur und Bildung in ihrem eigenen Land sowie zur Verwirklichung der nationalen Ziele, zur Mehrung des Wohlstands ihrer Mitbürger und zur Durchsetzung der nationalen Ideale und Ziele der Vereinten Nationen zu leisten,

wobei die Mitgliedstaaten allerdings, wenn sie wissenschaftliche Forscher beschäftigen, so genau und erschöpfend wie möglich diejenigen Fälle bezeichnen sollen, in denen sie es für notwendig erachten, von den unter den Buchstaben a bis d aufgeführten Grundsätzen abzuweichen.

15.   Die Mitgliedstaaten sollen geeignete Schritte unternehmen, um alle anderen Arbeitgeber von wissenschaftlichen Forschern zu veranlassen, die in Absatz 14 enthaltenen Empfehlungen zu berücksichtigen.

Der internationale Aspekt der wissenschaftlichen Forschung

16.    Die Mitgliedstaaten sollen erkennen, dass die wissenschaftlichen Forscher sich immer häufiger in Situationen befinden, in denen die wissenschaftliche Forschung und experimentelle Entwicklung, mit denen sie befasst sind, eine internationale Größenordnung haben, und sie sollen sich bemühen, ihnen zu helfen, diese Situationen für den Weltfrieden, die Verständigung und Zusammenarbeit zwischen den Völkern und das Wohl der ganzen Menschheit nutzbar machen.

17.   Unterstützen sollen die Mitgliedstaaten soweit irgend möglich, vor allem Initiativen wissenschaftlicher Forscher, die dem besseren Verständnis der Faktoren dienen sollen, von denen das Überleben und das Wohl der Menschheit insgesamt abhängen.

18.    Jeder Mitgliedstaat soll die Kenntnisse, die Arbeit und den Idealismus seiner eigenen wissenschaftlichen Forscher, vor allem der jüngeren Generation, nutzen, um so großzügig, wie es seine Mittel erlauben, zu den weltweiten wissenschaftlichen und technologischen Forschungsanstrengungen beizutragen. Die Mitgliedstaaten sollen jeden Rat und Beistand der wissenschaftlichen Forscher bei sozi-ökonomischen Entwicklungsbemühungen, die zur Festigung einer echten Kultur und der nationalen Souveränität beitragen, begrüßen.

19.    Damit das ganze Potential der wissenschaftlichen und technologischen Kenntnis rasch in den Dienst aller Völker gestellt werden kann, sollen die Mitgliedstaaten die wissenschaftlichen Forscher dringend auffordern, die in den Absätzen 16, 17 und 18 aufgestellten Grundsätze zu beherzigen.

V. Voraussetzungen für ein erfolgreiches Wirken der wissenschaftlichen Forscher

20.   Die Mitgliedstaaten sollen

a)      berücksichtigen, dass den wissenschaftlichen Forschern sowohl im Interesse der Allgemeinheit als auch in ihrem eigenen Interesse die moralische Unterstützung und materielle Hilfe zuteil werden müssen, die eine erfolgreiche Tätigkeit in der wissenschaftlichen Forschung und experimentellen Entwicklung ermöglichen;

b)      erkennen, dass sie in dieser Hinsicht als Arbeitgeber wissenschaftlicher Forscher eine besonders große Verantwortung tragen und daher anderen, nichtstaatlichen Stellen, die solche Forscher beschäftigen, mit gutem Beispiel vorangehen sollen;

c)      auf andere Arbeitgeber wissenschaftlicher Forscher dahin gehend einwirken, dass sie der Schaffung zufrieden stellender Arbeitsbedingungen für wissenschaftliche Forscher, insbesondere hinsichtlich der in diesem Abschnitt behandelten Punkte, besondere Aufmerksamkeit schenken;

d)      dafür sorgen, dass Arbeitsbedingungen und Bezahlung der wissenschaftlichen Forscher unabhängig von Geschlecht, Sprache, Alter, Religion oder nationaler Herkunft ihrer Stellung und ihrer Leistung entsprechen.

Angemessene Berufsaussichten und Aufstiegsmöglichkeiten

21.    Die Mitgliedstaaten sollen möglichst im Rahmen einer gesamtstaatlichen Arbeitsmarktpolitik, den Bedürfnissen der wissenschaftlichen Forscher entsprechende Beschäftigungskonzepte entwerfen, indem sie insbesondere

a)      den von ihnen unmittelbar beschäftigten wissenschaftlichen Forschern ausreichende Berufsaussichten und Aufstiegsmöglichkeiten – nicht unbedingt nur im Bereich der wissenschaftlichen Forschung und experimentellen Entwicklung – bieten und nichtstaatliche Arbeitgeber ermutigen, es ebenso zu machen;

b)      alles daransetzen, wissenschaftliche Forschung und experimentelle Entwicklung so zu planen, dass die wissenschaftlichen Forscher nicht lediglich wegen der Art ihrer Tätigkeit vermeidbaren Schwierigkeiten ausgesetzt sind;

c)      die Möglichkeit prüfen, die für eine Umschulung und anderweitige Verwendung der ständig bei ihnen beschäftigten wissenschaftlichen Forscher erforderlichen Mittel im Rahmen der Planung der wissenschaftlichen Forschung und experimentellen Entwicklung bereitzustellen, insbesondere, wenn auch nicht ausschließlich, bei zeitlich begrenzten Programmen oder Projekten; wo dies nicht möglich ist, soll für angemessene Ausgleichsregelungen gesorgt werden;

d)      jungen wissenschaftlichen Forschern die Möglichkeit geben, entsprechend ihren Fähigkeiten auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Forschung und experimentellen Entwicklung wichtige Arbeit zu leisten.

Ständige Fortbildung

22.  Die Mitgliedstaaten sollen darauf hinwirken,

a)      dass wissenschaftliche Forscher ebenso wie andere Gruppen von Berufstätigen mit vergleichbaren Problemen die Möglichkeit haben, ihr Wissen auf ihrem eigenen Gebiet und auf verwandten Gebieten durch Teilnahme an Konferenzen, freien Zugang zu Bibliotheken und anderen Informationsquellen sowie Teilnahme an allgemeinbildenden oder berufsbildenden Kursen auf den neusten Stand zu bringen; wenn nötig soll den wissenschaftlichen Forschern auch Gelegenheit gegeben werden, damit sie in einen anderen Zweig der wissenschaftlichen Tätigkeit überwechseln können;

b)      dass geeignete Einrichtungen hierfür geschaffen werden.

Mobilität, insbesondere im öffentlichen Dienst

23.   Die Mitgliedstaaten sollen durch geeignete Maßnahmen im Rahmen einer gesamtstaatlichen Politik für hochqualifizierte Arbeitskräfte den Austausch und die Mobilität der wissenschaftlichen Forscher fördern und erleichtern, etwa im Bereich der wissenschaftlichen Forschung und experimentellen Entwicklung im öffentlichen Dienst, auf dem Hochschulsektor und in den Produktionsbetrieben.

24.    Die Mitgliedstaaten sollen auch bedenken, dass der Staatsapparat auf allen Ebenen von den besonderen Fähigkeiten und Erkenntnissen der wissenschaftlichen Forscher profitieren kann. Daher können alle Mitgliedstaaten Nutzen ziehen aus einer sorgfältigen vergleichenden Untersuchung der bisherigen Erfahrungen in denjenigen Mitgliedstaaten, die speziell auf wissenschaftliche Forscher zugeschnittene Gehaltstabellen und sonstige Arbeitsbedingungen eingeführt haben; dabei soll festgestellt werden, inwieweit solche Regelungen zur Lösung der eigenen Probleme eines Landes herangezogen werden könnten. In diesem Zusammenhang dürften folgende Punkte besondere Beachtung verdienen:

a)       optimaler Einsatz von wissenschaftlichen Forschern im Rahmen einer gesamtstaatlichen Politik auf dem Gebiet hochqualifizierter Arbeitskräfte;

b)      Zweckmäßigkeit der Einführung gesicherter Verfahren zur regelmäßigen Überprüfung der materiellen Lage der wissenschaftlichen Forscher, um zu gewährleisten, dass diese in etwa der Lage anderer Arbeitnehmer mit vergleichbarer Erfahrung und Qualifikation entspricht und dem Lebensstandard des betreffenden Landes angemessen ist;

c)       Angebot günstiger Berufsaussichten in öffentlichen Forschungseinrichtungen und die Möglichkeit des Überwechselns wissenschaftlicher Forscher mit entsprechender wissenschaftlicher oder technologischer Qualifikation von der wissenschaftlichen Forschung und experimentellen Entwicklung und Verwaltung.

25.    Die Mitgliedstaaten sollen außerdem den Umstand nutzen, dass Wissenschaft und Technologie durch enge Kontakte zu anderen Bereichen staatlicher Aktivität Anregungen empfangen können und umgekehrt. Die Mitgliedstaaten sollen demgemäß darauf achten, dass sie wissenschaftliche Forscher nicht entmutigen, die sich nach anfänglicher Betätigung in der eigentlichen wissenschaftlichen Forschung und experimenteller Entwicklung ihrer Neigung und Begabung entsprechend Tätigkeiten auf verwandten Gebieten zuwenden. Vielmehr sollen die Mitgliedstaaten ihr besonderes Augenmerk auf solche wissenschaftlichen Forscher richten, die aufgrund ihrer ursprünglichen Ausbildung in wissenschaftlicher Forschung und experimenteller Entwicklung und der danach erworbenen Erfahrung für die Übernahme von Aufgaben etwa im Management der wissenschaftlichen Forschung und experimentellen Entwicklung oder auf dem weiteren Feld der gesamten Wissenschafts- und Technologiepolitik geeignet erscheinen, und sie ermutigen, ihre Fähigkeiten in dieser Richtung voll zu entfalten.

Teilnahme an internationalen Zusammenkünften wissenschaftlichen und technologischen Charakters

26.   Die Mitgliedstaaten sollen den Gedanken- und Informationsaustausch unter wissenschaftlichen Forschern in aller Welt tatkräftig fördern, da er für eine gesunde Entwicklung von Wissenschaft und Technologie wesentlich ist; zu diesem Zweck sollen sie die erforderlichen Maßnahmen treffen, die es den wissenschaftlichen Forschern ermöglichen, während ihres ganzen Berufslebens an internationalen Zusammenkünften wissenschaftlichen und technologischen Charakters teilzunehmen und ins Ausland zu reisen.

27.   Die Mitgliedstaaten sollen darüber hinaus dafür sorgen, dass alle staatlichen oder halbstaatlichen Stellen, die wissenschaftliche Forschung und experimentelle Entwicklung entweder selbst betreiben oder Träger solcher Tätigkeiten sind, regelmäßig einen Teil ihrer Haushaltsmittel für die Finanzierung der Teilnahme bei ihnen beschäftigter wissenschaftlicher Forscher an derartigen internationalen Veranstaltungen wissenschaftlichen oder technologischen Charakters bereitstellen.

Zugang der wissenschaftlichen Forscher zu verantwortungsvolleren und entsprechend dotierten Positionen

28.    Die Mitgliedstaaten sollen in der Praxis darauf hinwirken, dass Entscheidungen über den Zugang bei ihnen beschäftigter wissenschaftlicher Forscher zu verantwortungsvolleren und entsprechend höher dotierten Positionen im wesentlichen aufgrund einer gerechten und realistischen Beurteilung der durch ihre bisherigen oder jetzigen Leistungen bewiesenen Fähigkeiten der Betreffenden sowie aufgrund amtlicher oder akademischer Nachweise über erworbene Kenntnisse oder unter Beweis gestellter Fähigkeiten getroffen werden.

Gesundheitsschutz; soziale Sicherheit

29.

a)      Die Mitgliedstaaten sollen einsehen, dass es ihnen als Arbeitgeber wissenschaftlicher Forscher obliegt, nach Maßgabe ihrer innerstaatlichen Vorschriften und der internationalen Übereinkünfte über den Schutz der Arbeitnehmer im allgemeinen vor schädlichen und gefährlichen Umwelteinflüssen soweit irgend möglich die Gesundheit und Sicherheit der bei ihnen beschäftigten wissenschaftlichen Forscher ebenso wie aller anderen Personen, die von wissenschaftlicher Forschung und experimenteller Entwicklung in Mitleidenschaft gezogen werden könnten, zu schützen. Sie sollen daher dafür Sorge tragen, dass die Leitung wissenschaftlicher Einrichtungen entsprechende Sicherheitsnormen durchsetzt, ihre Beschäftigten mit den notwendigen Sicherheitsmaßnahmen vertraut machen, die Gesundheit gefährdeter Personen überwachen und schützen, Warnungen – vor allem der wissenschaftlichen Forscher selbst – vor neuen (tatsächlichen oder möglichen) Gefahren gebührend beachten und entsprechend handeln und schließlich für angemessene Arbeitszeit und Ruhepausen sorgen, wozu auch ein bezahlter Jahresurlaub gehört.

b)      Die Mitgliedstaaten sollen geeignete Schritte unternehmen, um andere Arbeitgeber von wissenschaftlichen Forschern zu ähnlichem Vorgehen zu veranlassen.

30.    Die Mitgliedstaaten sollen dafür sorgen, dass die wissenschaftlichen Forscher (wie alle anderen Arbeitnehmer auch) je nach Alter, Geschlecht, Familienverhältnissen, Gesundheitszustand und Art der Tätigkeit in den Genuss eines angemessenen und gerechten Systems der sozialen Sicherheit kommen.

Förderung, Beurteilung, Darstellung und Anerkennung der schöpferischen Leistung

Förderung

31.  Die Mitgliedstaaten sollen darauf bedacht sein, die schöpferische Leistung aller wissenschaftlichen Forscher in Wissenschaft und Technologie tatkräftig zu fördern.

Beurteilung

32.  Die Mitgliedstaaten sollen bezüglich der von ihnen beschäftigten wissenschaftlichen Forscher

a)      bei der Beurteilung der schöpferischen Leistung der wissenschaftlichen Forscher gebührend berücksichtigen, dass eine persönliche Fähigkeit schwer messbar ist, da sie sich selten kontinuierlich und gleichmäßig darstellt;

b)      diejenigen wissenschaftlichen Forscher, bei denen die Entwicklung dieser Fähigkeit Aussicht auf Erfolg bietet, in die Lage versetzen und gegebenenfalls ermutigen,

i) sich entweder einem anderen Gebiet der Wissenschaft oder der Technologie zuzuwenden

ii) oder aber von der wissenschaftlichen Forschung und experimentellen Entwicklung zu anderen Tätigkeiten überzuwechseln, bei denen ihre Erfahrung und ihre erwiesenen sonstigen persönlichen Eigenschaften in einem neuen Rahmen besser genutzt werden können.

33.  Die Mitgliedstaaten sollen anderen Arbeitsgebern von wissenschaftlichen Forschern ein ähnliches Vorgehen nahe legen.

34.  Um eine objektive Beurteilung der schöpferischen Leistung zu ermöglichen, sollen Mitgliedstaaten dafür sorgen, dass die wissenschaftlichen Forscher

a)      die Möglichkeit haben, Fragen, Kritik und Vorschläge von Kollegen aus aller Welt ungehindert entgegenzunehmen und aus diesen Mitteilungen und dem daraus erwachsenden Austausch Anregungen zu empfangen;

b)      sich in Ruhe des internationalen Beifalls erfreuen können, den sie sich durch ihre wissenschaftlichen Verdienste erworben haben.

Darstellung durch Veröffentlichung

35.  Die Mitgliedstaaten sollen die Veröffentlichung der Arbeitsergebnisse der wissenschaftlichen Forscher ermutigen und unterstützen, um ihnen die Möglichkeit zu geben, sich ihren Verdiensten entsprechend einen Namen zu machen, und um gleichzeitig den Fortschritt in Wissenschaft, Technologie, Bildung und Kultur im allgemeinen zu fördern.

36.  Zu diesem Zweck sollen Mitgliedstaaten sicherstellen, dass wissenschaftliche und technologische Schriften wissenschaftlicher Forscher angemessenen Rechtsschutz, insbesondere Urheberrechtsschutz, genießen.

37.  Die Mitgliedstaaten sollen im Einvernehmen mit den Berufsverbänden der wissenschaftlichen Forscher bei den Arbeitgebern von wissenschaftlichen Forschern systematisch darauf hinwirken und sich auch selbst als Arbeitgeber bemühen,

a)      als Norm anzusehen, dass es den wissenschaftlichen Forschern freisteht und sie ermutig werden, ihre Arbeitsergebnisse zu veröffentlichen;

b)      das Recht der wissenschaftlichen Forscher zur Veröffentlichung ihrer Arbeiten, unbeschadet des Interesses der Allgemeinheit und der Rechte des Arbeitgebers und der Mitarbeiter, so wenig wie möglich zu beschränken;

c)      in den Anstellungsbedingungen so klar wie möglich schriftlich die Fälle zu bezeichnen, in denen es zu derartigen Beschränkungen kommen kann;

d)      ferner klar zu bezeichnen, auf welche Art und Weise ein wissenschaftlicher Forscher erfahren kann, ob die hier erwähnten Beschränkungen auf einen bestimmten Fall zutreffen, und welche Rechtsmittel ihm zur Verfügung stehen.

Anerkennung

38.  Die Mitgliedstaaten sollen zeigen, dass sie großen Wert darauf legen, dass den wissenschaftlichen Forschern für die in ihrer Tätigkeit zum Ausdruck kommende schöpferische Anstrengung angemessene ideelle Unterstützung und materielle Entschädigung zuteil werden.

39.  Darum sollen die Mitgliedstaaten

a)      bedenken,

i) dass die Frage, inwieweit die schöpferische Leistung wissenschaftlicher Forscher anerkannt und gewürdigt wird, sich auf den Grad ihrer beruflichen Befriedigung auswirken kann;

ii) dass die berufliche Befriedigung dazu angetan ist, die Leistung in der wissenschaftlichen Forschung im allgemeinen und dabei ganz besonders das kreative Element zu beeinflussen;

b)     zu einer der schöpferischen Leistung entsprechenden Haltung gegenüber den wissenschaftlichen Forschern kommen und eine solche Haltung empfehlen.

40.  Desgleichen sollen die Mitgliedstaaten als ständige Praxis einführen und empfehlen,

a)     dass in den schriftlichen Anstellungsbedingungen für wissenschaftliche Forscher (etwaige) Rechte des Forschers (und gegebenenfalls anderer beteiligter Parteien) in Bezug auf Entdeckungen, Erfindungen oder Verbesserungen technischer Verfahren, die das Ergebnis seiner Tätigkeit in wissenschaftlicher Forschung und experimenteller Entwicklung sind, eindeutig festgelegt werden;

b)      dass die wissenschaftlichen Forscher vom Arbeitgeber stets auf derartige schriftliche Bestimmungen hingewiesen werden, ehe sie ihre Tätigkeit aufnehmen.

Flexible Auslegung und Anwendung der Beschäftigungsbedingungen für wissenschaftliche Forscher

41.  Die Mitgliedstaaten sollen darauf achten, dass die wissenschaftliche Forschung und experimentelle Entwicklung nicht zu reiner Routine wird. Sie sollen daher dafür Sorge tragen, dass alle Schriftstücke über Anstellungs- und Arbeitsbedingungen für wissenschaftliche Forscher möglichst flexibel formuliert und ausgelegt werden, um den Erfordernissen von Wissenschaft und Technologie zu entsprechen. Diese Flexibilität soll allerdings nicht dazu benutzt werden, wissenschaftliche Forscher im Vergleich zu anderen Arbeitnehmern mit gleicher Qualifikation und Verantwortung weniger günstigen Beschäftigungsbedingungen zu unterwerfen.

Interessensvertretung der wissenschaftlichen Forscher

42.  Die Mitgliedstaaten sollen es als durchaus rechtmäßig, ja sogar wünschenswert ansehen, dass die wissenschaftlichen Forscher sich in Übereinstimmung mit den Rechten der Arbeitnehmer im allgemeinen und in Anlehnung an die Grundsätze der in der Anlage aufgeführten internationalen Übereinkünfte zur Wahrung und Förderung ihrer Einzel- und Gruppeninteressen in Vereinigungen wie Gewerkschaften, Berufsverbänden und wissenschaftlichen Gesellschaften zusammenschließen. In allen Fällen, in denen die Rechte wissenschaftlicher Forscher geschützt werden müssen, sollen diese Organisationen das Recht haben, die berechtigten Forderungen der Forscher zu unterstützen.

VI. Anwendung und Auswertung dieser Empfehlung

43.  Die Mitgliedstaaten sollen ihre eigenen Maßnahmen hinsichtlich der Stellung der wissenschaftlichen Forscher auszubauen und zu ergänzen suchen, indem sie mit allen innerstaatlichen und internationalen Gremien, deren Tätigkeit mit den Zielen dieser Empfehlung im Zusammenhang steht, zusammenarbeiten, insbesondere mit den nationalen Kommissionen für die UNESCO, internationalen Organen, Organisationen der Lehrkräfte für Wissenschaft und Technologie, den Arbeitgebern ganz allgemein, wissenschaftlichen Gesellschaften, Berufsverbänden und Gewerkschaften wissenschaftlicher Forscher, Vereinigungen wissenschaftlicher Schriftsteller und Jugendorganisationen.

44.  Die Mitgliedstaaten sollen die Arbeit der genannten Gremien mit den geeigneten Mitteln unterstützen.

45.  Die Mitgliedstaaten sollen die wachsame und tatkräftige Mitarbeit aller Organisationen wissenschaftlicher Forscher gewinnen, indem sie gewährleisten, dass diese im Geiste des Dienstes an der Gemeinschaft tatsächlich die Verantwortung übernehmen, die Rechte genießen und die Anerkennung der Stellung erwirken können, die in dieser Empfehlung beschrieben sind.

VII. Schlussbestimmung

46. Genießen wissenschaftliche Forscher eine Stellung, die in mancher Hinsicht günstiger ist als die in dieser Empfehlung vorgesehene, so soll diese Empfehlung nicht dazu benutzt werden, die bereits erworbene Stellung zu beeinträchtigen.

 

Übersetzung: Übersetzung durch das Sekretariat der Kultusministerkonferenz Deutschlands.

Suche

Newsletter

Wir bieten Ihnen verschiedene Newsletter, die Sie kostenfrei abonnieren können. mehr...