Deklaration von Yamoussoukro
Veröffentlicht in "Internationale Verständigung, Menschenrechte und Frieden als Bildungsziel", Deutsche UNESCO-Kommission 1992; ; Redaktion: Wolfgang Reuther; der Internationale Kongress über Freden im Denken der Menschen fand statt vom 26. Juni bis 1. Juli 1989 in Yamoussoukro, Cote d'Ivoire
I. Frieden im Denken der Menschen
Frieden heißt Ehrfurcht vor dem Leben.
Frieden ist das kostbarste Gut der Menschheit.
Frieden ist mehr als das Ende bewaffneter Auseinandersetzung.
Frieden ist eine ganz menschliche Verhaltensweise.
Frieden verkörpert eine tiefverwurzelte Bindung an die Prinzipien der Freiheit, der Gerechtigkeit, der Gleichheit und der Solidarität zwischen allen Menschen.
Frieden bedeutet auch eine harmonische Partnerschaft von Mensch und Umwelt.
Heute, kurz vor Beginn des 21. Jahrhunderts, kann der Friede durch uns zur Wirklichkeit werden.
Hoffnungen und Gefahren
Der Internationale Kongress über den Frieden im Denken der Menschen wurde von der UNESCO nach Yamoussoukro im Herzen Afrikas einberufen. An der Wiege der Menschheit, die heute ein Ort des Leidens und unausgewogener Entwicklung ist, kamen Frauen und Männer aus fünf Kontinenten zusammen die sich der Sache des Friedens verschrieben haben.
Die wachsende Verflechtung der Nationen und das zunehmende Bewusstsein gemeinsamer Sicherheit sind Zeichen der Hoffnung.
Abrüstungsschritte, die Spannungen mindern helfe,n wurden verkündet und von einigen Ländern bereits vollzogen. Fortschritte bei der friedlichen Beilegung internationaler Streitigkeiten werden offenbar. Das internationale Instrumentarium zum Schutz der Menschenrechte gewinnt zunehmend Anerkennung.
Doch der Kongress musste zugleich zur Kenntnis nehmen, dass überall in der Welt bewaffnete Auseinandersetzungen andauern. Weitere Konfliktsituationen werden genährt durch die Apartheid in Südafrika, durch die Missachtung nationaler Integrität, durch Rassismus, Intoleranz und Diskriminierung, insbesondere von Frauen, vor allem jedoch durch ökonomischen Druck in allen seinen Formen.
Darüber hinaus hat der Kongress neue, nichtmilitärische Bedrohungen des Friedens festgestellt. Zu ihnen zählen Arbeitslosigkeit, Drogen, Rückständigkeit und die Verschuldung der Dritten Welt. Diese Verschuldung hat ihre Ursachen vor allem im Ungleichgewicht zwischen den Industriestaaten und den Entwicklungsländern sowie in den Schwierigkeiten der Letzteren, das Gewicht ihrer Ressourcen angemessen zur Geltung zu bringen. Schließlich sind die vom Menschen ausgehenden Umweltbelastungen zu nennen, die alle Formen des Lebens auf der Erde bedrohen: die Übernutzung der natürlichen Ressourcen, die Veränderung des Klimas, die Ausbreitung der Wüsten, die Zerstörung der Ozonschicht, die Umweltverschmutzung und andere. Der Kongress hat sich zur Aufgabe gestellt, das Bewusstsein für diese Probleme zu wecken.
Eine neue Vision des Friedens
Die Menschen können nicht für eine Zukunft tätig sein, die sich ihrer Vorstellungskraft entzieht. Deshalb wollte der Kongress die Umrisse einer Zukunft entwerfen, die den Menschen Vertrauen einflößt.
Die Menschheit kann ihre Zukunft nur durch eine Zusammenarbeit sichern, die das Recht respektiert, die den Pluralismus achtet, die eine größere Gerechtigkeit im internationalen wirtschaftlichen Austausch ermöglicht und die sich auf die Teilnahme der gesamten Gesellschaft an der Gestaltung des Friedens stützt. Der Kongress bekräftigt das Recht eines jeden wie der Gesellschaft insgesamt auf eine intakte Umwelt als ein grundlegendes Element des Friedens.
Hinzu kommt, dass der Menschheit heute neue Technologien zur Verfügung stehen. Deren effiziente Nutzung hängt jedoch vom Frieden ab. So müssen diese Technologien einerseits zu friedlichen Zwecken eingesetzt werden. Andererseits können ihre vorteilhaften Wirkungen nur im Frieden zur Geltung gebracht werden.
Schließlich erkennt der Kongress an, dass die Anwendung von Gewalt nicht biologisch determiniert und dass der Mensch nicht von Natur aus zu gewalttätigem Handeln bestimmt ist.
Der Aufruf von Yamoussoukro
Das Streben nach Frieden ist eine wundervolle Aufgabe. Der Kongress unterbreitet deshalb ein neues Programm für konkrete und wirksame Maßnahmen. Es soll innovative Visionen und Wege der Zusammenarbeit in Bildung und Erziehung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation unter Beachtung der kulturellen Traditionen in verschiedenen Teilen der Welt fördern. Die Verwirklichung dieser Maßnahmen soll in Zusammenarbeit mit anderen internationalen Organisationen und Institutionen erfolgen, darunter der Universität der Vereinten Nationen (UNU) in Tokio, der Friedensuniversität in Costa Rica und der Internationalen Stiftung für Friedensforschung „Houphouët-Boigny“ in Yamoussoukro.
Die UNESCO ist kraft ihrer Verfassung der Sache des Friedens verpflichtet. Der Friede ist auch das Anliegen von Yamoussoukro. Der Kongress will die Hoffnungen der gesamten Menschheit stärken.
II. Ein Programm für den Frieden
Der Kongress fordert die Staaten, die zwischenstaatlichen und die nichtstaatlichen Organisationen, die Gemeinschaft der Wissenschaftler, der Pädagogen und der Kulturschaffenden der Welt sowie alle Menschen auf,
- zur Gestaltung einer neuen Vision des Friedens beizutragen.
Dies soll durch die Herausbildung einer Kultur des Friedens geschehen, die auf universellen Werten wie der Achtung vor dem Leben, der Freiheit, der Gerechtigkeit, der Solidarität, der Toleranz, den Menschenrechten und der Gleichstellung von Frau und Mann beruht. - das Bewusstsein für das gemeinsame Schicksal der Menschheit zu stärken.
Die Verwirklichung gemeinsamer Grundsätze soll Gerechtigkeit in den Beziehungen zwischen den Menschen und eine harmonische Partnerschaft des Menschen mit Natur sichern. - in alle Bildungsprogramme als dauerhaften Bestandteil Aspekte des Friedens und der Menschenrechte aufzunehmen.
- ein konzertiertes Vorgehen auf internationaler Ebene zur Erhaltung und zum Schutz der Umwelt anzuregen.
Maßnahmen, die unter der Autorität oder der Kontrolle eines Staates durchgeführt werden, dürfen weder die Umwelt anderer Staaten beeinträchtigen noch den natürlichen Lebensraum ("die Biosphäre") schädigen.
Aktionsrahmen
Der Kongress empfiehlt, dass die UNESCO Friedensprogramme mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln unterstützt. Er regt an, insbesondere die folgenden Vorschläge auf ihre Durchführbarkeit zu prüfen:
- Unterstützung der Erklärung von Sevilla zur Gewaltfrage (1986).
Diese Erklärung repräsentiert einen ersten Schritt in einem bedeutsamen Prozess des Umdenkens: Es geht um die Zurückweisung des Irrglaubens, der organisierten Gewalt des Menschen läge eine biologische Determination zu Grunde. Die Deklaration sollte, mit entsprechenden Erläuterungen, in möglichst vielen Sprachen verbreitet werden. Der begonnene Prozess des Nachdenkens über diese Frage sollte mit einem interdisziplinären Seminar fortgesetzt werden, das die kulturellen und sozialen Ursachen der Gewalt näher untersucht. - Förderung der Friedenserziehung und der Friedensforschung.
Im Vordergrund sollten die interdisziplinäre Betrachtung der Wechselbeziehungen zwischen Frieden, Menschenrechten, Abrüstung, Entwicklung und Umwelt stehen. - Weitere Entwicklung des internationalen UNESCO/UNEP-Programms über Umweltbildung und Umwelterziehung in Zusammenarbeit mit den Mitgliedstaaten. Es sollte insbesondere die Internationale Handlungsstrategie zur Umwelterziehung und Umweltbildung in den 90er Jahren verwirklichen und die neue Sicht auf die Fragen des Friedens berücksichtigen. (Hinweis: Programm ist Beschluss des Internationalen Kongresses zur Umwelterziehung, veranstaltet von UNESCO und UNEP in Moskau 1987)
- Prüfung der Möglichkeiten, gemeinsam mit der Universität der Vereinten Nationen ein Internationales Institut für die Erziehung zum Frieden und zur Achtung der Menschenrechte zu gründen.
Dieses Institut sollte Lehre, Austauschprogramme und Praktika miteinander verbinden und sich insbesondere der Ausbildung widmen. - Herausgabe eines Kompendiums von Texten aus allen Kulturen, die gemeinsame Auffassungen über Frieden, Toleranz und Brüderlichkeit vorstellen.
- Entwicklung von Maßnahmen zur vermehrten Anwendung internationaler Normen und Regeln, die im Rahmen der Vereinten Nationen und speziell der UNESCO vereinbart wurden oder künftig vereinbart werden. Dabei geht es insbesondere um Konventionen und Empfehlungen zu solchen Themen wie Menschenrechte, Frieden, Umwelt und Entwicklung sowie zur friedlichen Beilegung von Streitigkeiten, sei es durch gerichtliche Mittel, durch Vermittlung oder Dialog.



