Schriftgröße ändern

Zum Ändern der Schriftgröße verwenden Sie bitte die Funktionalität Ihres Browsers. Die Tastatur-Kurzbefehle lauten folgendermaßen:


[Strg]-[+] Schrift vergrößern
[Strg]-[-] Schrift verkleinern
[Strg]-[0] Schriftgröße Zurücksetzen



schließen
MenüService
Suche
  • Home
  • Schriftgröße

Allgemeines

Was bedeutet inklusive Bildung?

Inklusion im Bildungsbereich bedeutet, dass allen Menschen die gleichen Möglichkeiten offen stehen, an lebenslanger, qualitativ hochwertiger Bildung teilzuhaben und ihre Potenziale entwickeln zu können, unabhängig von besonderen Lernbedürfnissen, Geschlecht, sozialen oder ökonomischen Voraussetzungen.

Warum ist das Thema Inklusion aktuell?

Seit 2009 ist die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen in Deutschland verbindlich. Damit hat sich Deutschland verpflichtet, ein inklusives Bildungssystem einzurichten. Die Konvention legt fest, dass alle Menschen das gleiche Recht auf volle Teilhabe an der Gesellschaft haben.

Was ist der Unterschied zwischen Inklusion und Integration im Bildungswesen?

Die integrative Unterrichtung und Erziehung in zahlreichen Schulen hat in den letzten Jahrzehnten deutlich gemacht, dass guter gemeinsamer Unterricht für alle Schüler1 lernwirksam und sozial förderlich ist. Bei der Integration werden Schüler mit besonderem Förderbedarf in die bestehende allgemeine Schule einbezogen, ohne dass sich allerdings das Bildungswesen selbst substantiell verändert. Bei der Inklusion wird das Bildungssystem insgesamt hinterfragt und so verändert, dass es allen Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Bedürfnissen von Anfang an gerecht wird. Inklusion im Bildungswesen erkennt: Anderssein ist normal und alltäglich.

Warum macht inklusive Bildung Sinn?

Es gibt pädagogische, soziale und ökonomische Gründe: Da inklusive Bildungseinrichtungen alle Lernenden gemeinsam unterrichten und erziehen, finden Lehrer und andere Begleiter Mittel und Wege, auf individuelle Unterschiede einzugehen. Sie verbinden anspruchsvolle Bildung mit einem Eingehen auf individuelle Voraussetzungen und Lernentwicklungen. Davon profitieren alle Lernenden. Es gibt zwar keine allgemeingültige Definition von Bildungsqualität, doch beinhalten die meisten Konzepte zwei wichtige Komponenten: erstens die kognitive Entwicklung des Lernenden und zweitens die Entwicklung von Werten, Einstellungen und gesellschaftlichem Verantwortungsbewusstsein. Diese werden durch inklusive bildung gefördert.

Ferner ermöglichen inklusive Kindergärten, Schulen, Universitäten und Aus-, Fort- und Weiterbildungsangebote durch gemeinsames Lernen, dass Vielfalt als normal erlebt wird. Unterschiedliche soziale Schichten, Migrationshintergrund, verschiedene Religionszugehörigkeiten, Hochbegabung und Lernschwächen werden als alltäglich wahrgenommen. Absolventen können aufgrund dieser Erfahrungen einen wichtigen Beitrag zu einer weniger diskriminierenden Gesellschaft leisten. Inklusive Bildung begreift Vielfalt und individuelle Unterschiede als Ressource. Darüber hinaus ist es gesamtwirtschaftlich betrachtet teurer, mangelhaft ausgebildete junge Menschen nachträglich zu qualifizieren und zu unterstützen, als ihnen von Anfang an mit inklusiver Förderung eine gute Bildung zu ermöglichen, die ihnen bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt und bessere Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben eröffnet.

Welche Förderschwerpunkte gibt es?

Menschen mit besonderem Förderbedarf haben ganz unterschiedliche Unterstützungsbedürfnisse. Ihre pädagogische Förderung erfolgt nach Art ihrer Beeinträchtigung in einem oder mehreren Förderschwerpunkten: „Lernen“, „Sehen“, „Hören", „Sprache“, „körperliche und motorische Entwicklung“, „geistige Entwicklung“, „emotionale und soziale Entwicklung“ und „Kranke“. Die Beeinträchtigung kann so groß oder auch unklar sein, dass ein Förderschwerpunkt „übergreifend“ oder “ohne Zuordnung“ ist.  Menschen mit Lern-, Verhaltens- und Sprachproblemen sind mit etwa 70 Prozent die statistisch größte Gruppe unter den Förderschülern. Der überwiegende Teil von ihnen stammt aus sozial hoch belasteten Familien, in manchen Bundesländern auch überdurchschnittlich häufig aus sozial schwachen Familien mit Migrationshintergrund.

Wie wird die Verteilung von Schülern mit Förderbedarf auf die Lernorte 'allgemeine Schulen' und 'Förderschulen' statistisch erfasst? Was sind Inklusions- und Exklusionsquoten?

Die statistische Erhebung der Schüler mit besonderem Förderbedarf bezieht sich üblicherweise  auf die Gruppe aller Lernenden, die in allgemein bildenden Schulen schulpflichtig sind (also in der Regel - je nach Bundesland - Schüler in den Jahrgangsstufen 1 bis 9 oder 10). Dabei kann mit den folgenden Begriffen gearbeitet werden:

  • Förderquoten geben den Anteil der Schüler mit Förderbedarf an allen Schülern an – unabhängig von ihrem Förderort.
  • Exklusionsquoten geben den Anteil der Schüler mit Förderbedarf, die separiert in Förderschulen unterrichtet werden, an allen Schülern an.
  • Inklusionsquoten geben den Anteil der Schüler mit Förderbedarf, die inklusiv in allgemeinen Schulen unterrichtet werden, an allen Schülern an.
  • Exklusionsanteile geben den Anteil der Schüler mit Förderbedarf, die separiert unterrichtet werden, an allen Schülern mit Förderbedarf an.
  • Inklusionsanteile geben den Anteil der Schüler mit Förderbedarf, die inklusiv unterrichtet werden, an allen Schülern mit Förderbedarf an.

Inklusive Bildung im Schulalltag

Wie müssen die Lehrpläne gestaltet werden, damit inklusive Bildung möglich ist?

Ein inklusives Curriculum richtet sich an die kognitive, emotionale und kreative Entwicklung des Lernenden und bezieht sich auf das Wissen, das Handeln, das Sein und das Zusammenleben. Es fördert Toleranz, vermittelt Menschenrechte und überwindet kulturelle, religiöse und andere Unterschiede. Ein inklusives Curriculum beachtet Geschlechter, kulturelle Identitäten und Sprachhintergründe. Stereotypen werden nicht nur in Texten durchbrochen, sondern auch durch das Verhalten und die Erwartungen von Lehrkräften. Ein inklusives Bildungssystem basiert auf den Werten von Demokratie, Toleranz und Respekt für Unterschiedlichkeit. Die inklusive Schule kann daher auf getrennte Rahmenlehrpläne verzichten, weil kompetenzorientierte Lernziele und die Möglichkeiten individueller Lernwege in einem gemeinsamen Rahmenlehrplan integriert werden. Dazu gehören auch Bewertungs- und Abschlussformen, die sich auf diese individuellen Kompetenzen in Verbindung mit allgemeinen Standards beziehen.

Was ist zieldifferenzierter Unterricht?

Zieldifferenzierter Unterricht bedeutet, dass es für jedes Kind individuell festgelegte Lernziele gibt. Dies wird durch eine Binnendifferenzierung des inklusiven Lehrplans erreicht: Die zu erreichenden Kompetenzen und Lernziele sind dabei so differenziert formuliert, dass gemeinsames Lernen in allen Fächern auf unterschiedlichen Anspruchsebenen möglich wird.

Führt Inklusion zu einem qualitativ schlechteren Bildungssystem?

Nein, im Gegenteil: Verstärkte individuelle Förderung erhöht die Lernwirksamkeit und verringert schulisches Scheitern – bei allen Schülern. Inklusive Bildung setzt voraus, dass jeder Mensch nach seinen speziellen Bedürfnissen gefördert wird. Das bedeutet, dass Lehren und Lernen individueller und damit passgenauer für jeden Einzelnen wird. Mit Bedacht umgesetzte inklusive Bildung ist qualitativ hochwertige Bildung.

Überfordert man durch inklusive Bildung Schulen und Lehrkräfte?

Die Herausforderungen, vor denen Schulen und ihre Lehrkräfte bei der Umsetzung inklusiver Bildung stehen, sind groß. Dennoch ist inklusive Bildung eine Chance, traditionelle Lehr- und Lernformen zu überarbeiten, um allen Lernenden mit den unterschiedlichsten Lernbedürfnissen gerecht zu werden. Denn das müssen Lehrer unabhängig vom diagnostizierten Förderbedarf bei der großen gesellschaftlichen Heterogenität der Lebensbedingungen ohnehin. Hier benötigen Lehrkräfte und Schulleitungen neue Kompetenzen, die in Aus- und Fortbildung vermittelt werden müssen. Das geschieht bisher noch zu wenig. Zahlreiche Bildungseinrichtungen deutschlandweit zeigen jedoch, dass inklusiver Unterricht mit einem überzeugten und engagierten Kollegium schon heute möglich ist. Die inklusive Bildungseinrichtung ist eine lernende Einrichtung – das bezieht Kinder und junge Erwachsene ebenso ein wie ihre Lehrkräfte. Der Leitung der Bildungseinrichtung fällt bei diesem Prozess eine besondere Verantwortung zu.

Wie beeinflusst die inklusive Bildung die Höhe der Bildungsausgaben?

Die folgenden vier Bereiche müssen mit Blick auf mögliche Veränderungen des Ausgabenvolumens betrachtet werden:

  • Personal: Im Zuge der Umsetzung inklusiver Bildung werden voraussischtlich Mehrkosten für pädagogisches Personal entstehen. Dies begründet sich aus dem erhöhten Stundenbedarf für Lehrkräfte und Sonderpädagogen an allgemeinen Schulen. Dabei besteht Uneinigkeit hinsichtlich der Höhe des zusätzlichen Bedarfs: Das Spektrum der Forderungen reicht bis hin zu einer Verkleinerung der Klassengrößen bei gleichzeitiger durchgehender Präsenz von zwei Lehrkräften. Umstritten ist, ob für die weitere Verwirklichung von inklusiver Bildung auch ein erhöhter Bedarf an Pflege- und Betreuungspersonal einhergeht. Hier könnte davon ausgegangen werden, dass sich der Bedarf in inklusiv arbeitenden Schulen nicht ändern wird, da sich für dieses Personal lediglich der Arbeitsort verlagert.
  • Schulbauliche Maßnahmen: In diesem Bereich werden zusätzliche Ausgaben erforderlich: Viele der bestehenden Schulgebäude müssen ‚aufgerüstet‘ werden, damit Inklusion erfolgreich realisiert werden kann: Schulen, die Kinder mit Behinderungen aufnehmen, müssen nicht nur barrierefrei sein, also beispielsweise über Aufzüge und Rampen verfügen, sie benötigen darüber hinaus zusätzliche Räume für individualisierenden Unterricht, für einen zeitweiligen Rückzug einzelner Kinder und Jugendlicher aus dem gemeinsamen Unterricht und für therapeutische Maßnahmen. Auch sind bei einzelnen Förderschwerpunkten im sanitären Bereich Um- und Ausbauten erforderlich, die den besonderen Bedürfnissen behinderter Menschen gerecht werden. Manches davon wird sich in Räumen realisieren lassen, die durch den Rückgang der Schülerzahlen frei werden. Da, wo dieser Rückgang nicht eintritt oder nicht ausreicht, werden Erweiterungsbauten erforderlich werden. Den in diesem Kontext entstehenden zusätzlichen Ausgaben stehen Ausgabenminderungen gegenüber, die sich durch die Aufgabe von Förderschulen ergeben: Die Gebäude dieser Schulen können für andere Schulen genutzt werden oder aufgegeben werden, so dass die Ausgaben für andere Neubauten bzw. für den Unterhalt der Schulen entfallen.
  • Schülertransport: Hier wird es wegen der in der Regel im Vergleich zu den Förderschulen kürzeren Schulwege zu den allgemeinen Schulen zu Minderausgaben kommen. 

Nähere Informationen hierzu finden Sie in der Studie "Zusätzliche Ausgaben für ein inklusives Schulsystem in Deurtschland" von Prof. em. Dr. Klaus Klemm im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Informationen dazu, von wem diese Kosten nach aktuellen Regelungen getragen werden sind erhältlich in der Vorabfassung der Studie "Inklusive Bildung: Schulgesetze auf dem Prüfstand" von Sven Mißling und Oliver Ückert im Auftrag des Deutschen Instituts für Menschenrechte.

Auf internationaler Ebene hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass ein inklusives Bildungssystem gesamtgesellschaftlich kostengünstiger ist.

Inklusive Bildung in Deutschland

Wo steht Deutschland im internationalen Vergleich bei der Umsetzung inklusiver Bildung?

Deutschland ist derzeit neben Belgien europäisches Schlusslicht in Sachen Inklusion.
Nähere Details zu Inklusionsquoten in Europa für das Schuljahr 2010/11 können Sie dem folgenden Auszug aus dem Positionspapier von Prof. Ulf Preuss-Lausitz 'Inklusionsentwicklung in Deutschland unter Aspekten von Gerechtigkeit, Effektivität und Schulentwicklung' entnehmen. In vielen südeuropäischen und skandinavischen Ländern, darunter Italien, Norwegen und Schweden, ist inklusive Bildung bereits weit umgesetzt: in diesen Ländern besuchen weniger als ein Prozent aller Schüler gesonderte Bildungseinrichtungen. Weitere Informationen zu inklusiver Bildung in Europa finden Sie hier.

Weltweit betrachtet sehen sich Kinder mit Behinderungen noch immer eklatanter Exklusion im Bildungsbereich ausgesetzt – ca. ein Drittel aller Kinder, die weltweit keine Schule besuchen, sind Kinder mit Behinderungen. Arbeitende Kinder, Kinder indigener Bevölkerungsgruppen und linguistischer Minderheiten, Kinder aus ländlichen Populationen, nomadische Kinder und Kinder, die von HIV/AIDS betroffen sind, gehören ebenfalls zu den gefährdeten Gruppen. In all diesen Fällen spielt auch das Geschlecht eine wesentliche Rolle. Weitere Informationen zu inklusiver Bildung weltweit finden Sie hier.

Welche schulpolitischen Maßnahmen wurden in den Bundesländern seit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention getroffen?

Seit der Ratifizierug der UN-Behindertenrechtskonvention 2009 hat die inklusive Bildung in der Schulpolitik der Länder zunehmend an Bedeutung gewonnen. Der zunehmende politische Handlungswille äußert sich unter anderem in verschiedenen Koalitionsverträgen auf Landesebene sowie in den von vielen Bundesländern verabschiedeten Aktionsplänen und Maßnahmenpaketen.

Die meisten Länder haben zudem seit 2009 konkrete Änderungen in ihren Schulgesetzen sowie auf untergesetzlicher Ebene zugunsten der Verwirklichung von inklusiver Bildung vorgenommen. Umfang und Inhalte dieser Gesetzesänderungen unterscheiden sich jedoch sehr stark zwischen den einzelnen Bundesländern. Mit Ausnahme von Hamburg steht in allen Ländern die Möglichkeit des Zugangs zu inklusiver Bildung aktuell unter einem Organisations- und Ressourcenvorbehalt: Schüler mit besonderem Förderbedarf können nur dann eine Regelschule besuchen, wenn die personellen, räumlichen und sächlichen Möglichkeiten hierzu an einer Schule vorhanden sind.

Ausführliche Informationen zum Stand der Umsetzung von inklusiver Bildung in den Schulgesetzen der Länder finden Sie in der Vorabfassung der Studie "Inklusive Bildung: Schulgesetze auf dem Prüfstand" von Sven Mißling und Oliver Ückert im Auftrag des Deutschen Insituts für Menschenrechte.

Gibt es Schulen, die Inklusion schon heute beispielhaft umsetzen?

Zahlreiche Schulen setzen Inklusion auch in Deutschland bereits sehr erfolgreich um. Einige dieser Schulen wurden mit dem Jakob Muth-Preis ausgezeichnet, und auch die Schulen des Deutschen Schulpreises sind häufig inklusiv arbeitende Schulen. Die Preisträgerschulen und ihre Methoden und Konzepte werden hier beschrieben: 

Wie viele Förderschüler gibt es in Deutschland?

Im Schuljahr 2013/2014 gab es bundesweit 500.500 Schüler mit diagnostiziertem sonderpädagogischen Förderbedarf. Dies entspricht 6,8 Prozent der Gesamtschülerzahl in den Klassenstufen 1 bis 10. Damit setzt sich auch in diesem Schuljahr die Tendenz zu steigenden Zahlen von Schülern mit diagnostiziertem Förderbedarf fort: Im Schuljahr 2008/2009 waren es noch 6,0 Prozent, im Schuljahr 2011/2012 6,4 Prozent. Weitere Informationen finden Sie im Datenreport Inklusion 2015 der Bertelsmann Stiftung: "Inklusion in Deutschland - Daten und Fakten".

Wie viele Förderschüler besuchen in Deutschland eine allgemeine Schule?

Im Schuljahr 2013/2014 besuchten bundesweit 31,4 Prozent der Schüler mit besonderem Förderbedarf eine allgemeine Schule, mit erheblichen Unterschieden zwischen den einzelnen Bundesländern (siehe hierzu: "Inklusion in Deutschland - Daten und Fakten", Bertelsmann Stiftung (2015)). 2009, in dem Jahr der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention, lag der Inklusionsanteil bundesweit bei 18,4 Prozent. Der Anstieg des Inklusionsanteils ist teilweise darauf zurückzuführen, dass bei mehr Kindern und Jugendlichen ein sonderpädagogischer Förderbedarf diagnostiziert wurde. Nach einer Prognose des Bildungsökonomen Professor Klaus Klemm könnten bis zum Jahr 2020 alle Schüler mit den Förderschwerpunkten „Lernen“, „Sprache“, „Emotionale und soziale Entwicklung“ sowie die Hälfte der Schüler aus den übrigen Förderschwerpunkten eine allgemeine Schule besuchen, wenn die Bundesländer entsprechende Voraussetzungen schaffen.

Wie sind derzeit die Chancen eines Schülers mit Förderbedarf auf dem Arbeitsmarkt?

Der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit besonderem Unterstützungsbedarf, die bislang die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen, ist hoch: Im Schuljahr 2013/2014 waren es 71,3 Prozent. Die Chancen auf einen Ausbildungsplatz und auf eine spätere Arbeit im regulären, so genannten ersten Arbeitsmarkt sind äußerst gering. Nach Angaben von Dr. Jürgen Pfister, Bildungs- und Organisationsforscher, kommen mehr als drei Viertel der jungen Menschen ohne Hauptschulabschluss in berufsvorbereitende Bildungsgänge und haben nur geringe Chancen auf eine vollqualifizierende Ausbildung.

Rechtliche Grundlagen inklusiver Bildung in Deutschland

Was sind die rechtlichen Grundlagen von inklusiver Bildung?

Die Wurzeln des Rechts auf inklusive Bildung liegen in dem Recht auf Bildung, das in Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (1948) verankert ist. Verbindlich verbürgt ist das Recht auf Bildung zudem in Artikel 13 des UN-Sozialpakts sowie in Artikel 2 des Ersten Zusatzprotokolls zur Europäischen Menschenrechtskonvention. Die UN-Behindertenrechtskonvention (in Kraft getreten im Jahr 2008) konkretisiert das Recht auf Bildung mit Blick auf die besondere Situation von Menschen mit Behinderungen. Sie formuliert somit erstmals explizit und völkerrechtlich verbindlich das Recht auf inklusive Bildung (Artikel 24 UN-BRK).

Bereits 1994 war zuvor in der Salamanca-Erklärung der UNESCO gefordert worden, Bildungssysteme inklusiv zu gestalten. Die Teilnehmer der Weltbildungskonferenz 2008 in Genf hatten diese Notwendigkeit erneut bestätigt. In ihrer Abschlusserklärung forderten sie die Mitgliedsstaaten auf, inklusive Bildung zu verwirklichen.

Deutschland hat die UN-Behindertenrechtskonvention 2009 ratifiziert. Damit ist Deutschland völkerrechtlich verpflichtet, ein inklusives Bildungssystem zu realisieren.

Was passiert mit schwermehrfachbehinderten Menschen? Gilt für sie auch das Recht auf Inklusion?

Die UN-Behindertenrechtskonvention begrenzt das Recht auf Inklusion nicht nach der Schwere der Behinderung, es gilt uneingeschränkt. Auch zeigt die integrationspädagogische Erfahrung, dass schwermehrfachbehinderte Kinder, im erarbeiteten Konsens aller Beteiligten (einschließlich aller Eltern und Kinder der Klasse), gut und sinnvoll integriert werden können. Wenn Eltern aber diesen inklusiven Weg nicht wünschen, soll er ihnen selbstverständlich nicht aufgezwungen werden.

UNESCO und DUK

Warum beschäftigt sich die UNESCO mit Inklusion?

Bildung ist eines der Hauptaktivitätsfelder der UNESCO. Innerhalb des Systems der Vereinten Nationen koordiniert die Organisation das weltweite Aktionsprogramm "Bildung für alle". Die UNESCO betrachtet Bildung für alle den Schlüssel zu individueller und gesellschaftlicher Entwicklung. Sie setzt sich deshalb dafür ein, dass alle Menschen an qualitativ hochwertiger Bildung teilhaben und ihre Potenziale entwickeln können. Zur Verwirklichung dieser Vision trägt inklusive Bildung bei.

Was tut die Deutsche UNESCO-Kommission, um inklusive Bildung zu fördern?

Die Deutsche UNESCO-Kommission (DUK) hat 2010 den Expertenkreis "Inklusive Bildung" gegründet. Sie ist seit 2009 gemeinsam mit der Bertelsmann Stiftung, dem Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen und der Sinn-Stiftung Projektträger des Jakob Muth-Preises für inklusive Schule. 2009 hat sie die UNESCO-Publikation "Inklusion: Leitlinien für die Bildungspolitik" in deutscher Sprache herausgegeben, die 2014 in einer erweiterten Auflage erschienen ist. Im Jahr 2012 hat die DUK die Publikation "Bildungsregionen auf dem Weg" - Inklusive Bildung in Aachen, Hamburg, Wiesbaden und Oberspreewald-Lausitz" veröffentlicht. Die 69. Hauptversammlung der DUK verabschiedete im Jahr 2009 die Resolution "Frühkindliche Bildung inklusiv gestalten: Chancengleichheit und Qualität sichern", die 71. Hauptversammlung im Jahr 2011 die Resolution "Inklusive Bildung in Deutschland stärken".

Am 19. und 20. März 2014 richtete die DUK gemeinsam mit zahlreichen Partnern und Unterstützern den Gipfel "Inklusion – Die Zukunft der Bildung" in Bonn aus. Hier wurde die "Bonner Erklärung zur Inklusiven Bildung" verabschiedet. Auf den Konferenzergebnissen basiert die Neuauflage der Publikation "Inklusion: Leitlinien für die Bildungspolitik".

1 Wenn im vorliegenden Text lediglich die männliche Form Verwendung findet, so dient dies ausschließlich der Lesbarkeit und Einfachheit. Es sind stets Personen des jeweils anderen Geschlechts mit einbezogen, sofern nicht ausdrücklich anders erwähnt.

Suche

Newsletter

Abonnieren Sie unsere verschiedenen Newsletter. mehr...