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September 2009

Jakob Muth-Preis ehrt Schulen für die Integration Behinderter

Der "Jakob Muth-Preis für inklusive Schule", der am 31. August 2009 zum ersten Mal verliehen wurde, geht an drei Preisträger: die Erika-Mann-Grundschule in Berlin, die Sophie-Scholl-Schule in Gießen und die Integrierte Gesamtschule Hannover-Linden. Die Schulen wurden für ihren vorbildlichen gemeinsamen Unterricht von behinderten und nicht be­hinderten Kindern ausgezeichnet.

Foto © Bertelsmann Stiftung

Die Bundesbeauftragte für die Belange behinderter Menschen hatte den mit jeweils 3.000 Euro dotierten Preis gemeinsam mit der Deutschen UNESCO-Kommission und der Bertelsmann Stiftung in diesem Jahr erstmalig ausgeschrieben. Beworben hatten sich insgesamt 143 Schulen aller Schulformen aus allen Bundesländern. "Mit dem Jakob Muth-Preis wollen wir ein Zeichen gegen Ausgrenzung setzen", sagte Karin Evers-Meyer, Bundesbeauftragte für die Belange behinderter Menschen. "Wir wollen denjenigen Mut machen, die sich vor Ort dafür einsetzen, dass behinderte und nicht behinderte Kinder zusammen leben und zusammen lernen."

Dass dieses gemeinsame Leben und Lernen an vielen Schulen in Deutschland bereits gelebt wird, zeigen die Preisträger besonders eindrücklich. Die Erika-Mann-Grundschule im Berliner Wedding versteht sich als "Schule für alle Kinder". Rund 600 Schülerinnen und Schüler werden individuell gefördert: geistig behinderte und hochbegabte Kinder, Kinder aus über 20 verschiedenen Nationen und Kinder aus sozial benachteiligten Familien. Ein wesentliches Instrument der inklusiven Arbeit ist das Theaterspiel. Im wöchentlichen Unterricht schreiben und erarbeiten die Schüler über das Jahr hinweg ein Stück. Schulleiterin Karin Babbe erklärt den besonderen Effekt: "Alle Kinder sind auf der Bühne und jedes Kind ist wichtig für das Gelingen des Stückes, und es ist ganz egal, ob es das Blatt am Baum ist oder die Prinzessin."

Die Sophie-Scholl-Schule ist in ihrem 10-jährigen Bestehen so erfolgreich, dass nun der Ausbau der Grundschule zu einer integrierten Gesamtschule ansteht. So können zukünftig alle Kinder gemeinsam bis zur 10. Klasse unterrichtet werden. Alle Kinder werden in der Ganztagsschule ihren Bedürfnissen entsprechend unterrichtet und individuell gefördert. Dabei wird auf Zensuren verzichtet, zugunsten von Lernentwicklungsberichten, die die individuelle Entwicklung eines Kindes beschreiben. Das barrierefreie Gebäude, der Einsatz von Lehrerteams und Unterstützung durch Zivildienstleistende ermöglichen der Schule, alle Kinder aufzunehmen. Ob ein sonderpädagogischer Förderbedarf vorliegt, und wenn ja, welcher Art, spielt für die Einschulung keine Rolle.

Foto © Bertelsmann Stiftung


Einige Schülerinnen und Schüler der IGS Linden zeigten direkt vor Ort ihr Können: Mit Zirkus- und Theaterszenen, die sich die Kinder und Jugendlichen über den Sommer selbst erarbeitet hatten, bereicherten sie das Programm. Von den insgesamt über 1000 Schülerinnen und Schülern der IGS Linden haben 45 Prozent einen Migrationshintergrund und 6,5 Prozent sonderpädagogischen Förderbedarf. Wichtiges Ziel der Schule ist eine durchgehende Förderung der Selbstständigkeit der Kinder und Jugendlichen. So liegt die Verantwortung für wichtige Themen zum Beispiel bei den sogenannten "Klassenräten". Intensive Berufsvorbereitung, mit besonderen Angeboten für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf oder Migrationshintergrund, ist ebenfalls ein wichtiges Element der Arbeit an der IGS Linden.

Walter Hirche, Präsident der Deutschen UNESCO-Kommission, verdeutlichte in seinem Grußwort die Vorteile solcher inklusiver Schulen: "Sie begreifen Vielfalt und individuelle Unterschiede als Ressource", sagte er. "Sie nutzen die ungemein wertvollen Prozesse des miteinander und voneinander Lernens. Dies kommt allen Kindern zugute, weil ihre intellektuellen, sozialen und kulturellen Kompetenzen gefördert werden."

Ein wichtiges Ziel des Jakob Muth-Preises ist es, den Gedanken der Inklusion in Deutschland voranzubringen. Die Bundesbeauftragte für die Belange behinderter Menschen und der Präsident der Deutschen UNESCO-Kommission wiesen nachdrücklich darauf hin, dass Deutschland im internationalen Vergleich der Industriestaaten noch nicht weit genug sei: Von den etwa 500.000 Kindern mit Behinderungen in Deutschland erhalten bisher nur 15 Prozent die Möglichkeit, gemeinsam mit nicht behinderten Kindern zur Schule zu gehen.

Foto © Bertelsmann Stiftung

Auch international ist das Thema von großer Bedeutung. Inklusive Bildung ist ein zentrales Anliegen der UNESCO. Inklusion im Bildungsbereich bedeutet, dass allen Menschen die gleichen Möglichkeiten offen stehen, an qualitativ hochwertiger Bildung teilzuhaben und ihre Potenziale entwickeln zu können, unabhängig von besonderen Lernbedürfnissen, Geschlecht, sozialem und ökonomischem Status. Dabei muss sich der Lernende nicht in ein bestehendes System integrieren, sondern das Bildungssystem muss die Bedürfnisse aller Lernenden berücksichtigen und sich an diese anpassen.

Bereits in der Salamanca-Erklärung der UNESCO von 1994 ist das Prinzip der Inklusion festgehalten. Die 48. Weltbildungsministerkonferenz der UNESCO hat das Thema im November 2008 aufgegriffen. Unter dem Motto "Inklusion: der Weg der Zukunft" kamen Vertreter aus 152 Mitgliedstaaten zusammen. Die Teilnehmer der Konferenz waren sich einig, dass ohne inklusive Bildung die Ziele des UNESCO-Programms "Bildung für Alle" bis 2015 nicht erreicht werden können.

Auch der Weltbildungsbericht 2009 macht deutlich, dass Menschen mit Behinderungen weltweit mit besonderen Herausforderungen konfrontiert sind. Inklusive Schulen helfen, diesen Herausforderungen zu begegnen. Die Preisträger des Jakob Muth-Preises zeigen, ebenso wie die vielen sehr guten Bewerbungen, dass Inklusion auch in Deutschland Wirklichkeit werden kann.

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