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Februar 2014

"Inklusive Bildung beugt Ausgrenzung vor"

Interview mit Ute Erdsiek-Rave

Seit 2009 gilt in Deutschland die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Damit darf kein Kind mit geistiger oder körperlicher Behinderung von einer normalen Schule ausgeschlossen werden. Die Bundesländer stehen nun vor der Aufgabe, das Recht auf inklusive Bildung umzusetzen. Derzeit gibt es knapp 495.000 Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Wie weit Deutschland bei der Inklusion ist, erklärt Ute Erdsiek-Rave, Vorsitzende des Expertenkreises "Inklusive Bildung" im Interview mit unesco heute online. Sie war von 1998 bis 2009 Bildungsministerin in Schleswig-Holstein.

Ministerin a.D. Ute Erdsiek-Rave, Vorsitzende des Expertenkreises 'Inklusive Bildung' der DUK
© Erdsiek-Rave

unesco heute online: Frau Erdsiek-Rave, warum tun wir uns so schwer mit dem gemeinsamen Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderung?

Ute Erdsiek-Rave: Unser bisheriges System hat Vorurteile und Berührungsängste befördert. Manche Eltern haben Angst, dass ihr behindertes Kind in einer Regelschule nicht angemessen gefördert wird. Eltern von nicht-behinderten Kindern hingegen fürchten, dass das Leistungsniveau sinkt. Lehrer wiederum fragen sich, wie sie die hohen pädagogischen Anforderungen in einer Klasse bewältigen sollen. Wir müssen diese Sorgen ernst nehmen. Dennoch dürfen wir inklusive Bildung nicht in Frage stellen. Ich vertraue darauf, dass Erfahrung Akzeptanz schafft.

uho: Hält Inklusion unserer Gesellschaft den Spiegel vor?

Ute Erdsiek-Rave: Wir leben in einer Gesellschaft, die immer heterogener wird. Ich bin überzeugt, dass Inklusion eine Gegenbewegung sein kann. Sie betrifft nicht nur Menschen mit Behinderungen, sondern generell Gruppen, die von Ausgrenzung bedroht sind und deren Chancen auf gute Bildung gering sind. Wenn inklusive Bildung konsequent und engagiert umgesetzt wird, führt das dazu, dass jeder Mensch mit seinen Stärken und Schwächen angenommen und gefördert wird. Davon profitieren alle und das steigert die Qualität der Bildung insgesamt. Auch der Effekt für unsere Gesellschaft ist nicht zu unterschätzen. Wenn bereits Kinder Verschiedenheit und Vielfalt als vollkommen normal erleben, beugt das Ausgrenzung und Diskriminierung vor.

uho: Wie sieht der Alltag in einer inklusiven Schule aus?

Ute Erdsiek-Rave: Es ist eine Schule für alle. Kinder mit Behinderungen werden genauso gefördert wie Lernschwache, Migranten und Hochbegabte. Jeder bestimmt dabei selbst das Lerntempo nach seinen Fähigkeiten und hat sein spezielles Schulmaterial für die Fächer. Es wird in Gruppen, zu zweit und allein gelernt. Alle Lehrkräfte arbeiten mit Sonderpädagogen und Sozialarbeitern in Teams und entwickeln die Schulorganisation und den Unterricht weiter. Die Schule ist mit dem sozialen und kommunalen Umfeld vernetzt, sie ist barrierefrei und technisch gut ausgestattet. Es gibt in Deutschland bereits heute zahlreiche inklusive Schulen, die als Vorbilder Mut machen und für ihre Konzepte ausgezeichnet wurden. Ein allgemeingültiges Rezept gibt es natürlich nicht. Es ist ein Prozess, der Zeit und Geduld braucht.

uho: Wie weit ist Deutschland bei der Inklusion?

Ute Erdsiek-Rave: Das hängt davon ab, auf welche Bildungsstufe wir schauen und in welches Bundesland. Für Deutschland insgesamt gilt: Die inklusive Bildung endet oft nach der Kita. Dort lernen bereits 60 Prozent der Kinder mit Förderbedarf gemeinsam mit anderen, in der Grundschule sind es dann nur noch 34 Prozent. Beim Übergang in die weiterführende Schule müssen viele Kinder an eine Förderschule wechseln, weil es noch zu wenig inklusive Bildungsangebote gibt. Die Lernerfolge sind hier sehr oft leider nicht ausreichend, drei Viertel der Förderschüler erhalten keinen Hauptschulabschluss. Damit sind die Chancen auf dem Arbeitsmarkt äußerst gering. Wenn schlecht ausgebildete Förderschüler nachträglich betreut werden müssen, ist das teurer als eine gute Bildung von Anfang an. Generell muss man leider sagen, dass Deutschland bei der Umsetzung von inklusiver Bildung im europäischen Vergleich einen der hinteren Plätze einnimmt.

uho: In vielen Ländern Skandinaviens und Südeuropas gehört inklusive Bildung bereits zum Alltag. Weniger als ein Prozent aller Kinder gehen in Förderschulen. Was wird dort besser gemacht?

Ute Erdsiek-Rave: Die bildungspolitischen Debatten sind pragmatischer und weniger ideologisch als in Deutschland. Die Schulsysteme wurden in Skandinavien schon vor Jahrzehnten auf langes gemeinsames Lernen umgestellt. Förderschulen sind dort so gut wie abgeschafft. In Italien und Spanien sind die Voraussetzungen ebenfalls recht gut. Die Konzepte lassen sich jedoch nicht eins zu eins übertragen. Die Rahmenbedingungen unterscheiden sich erheblich. Wir müssen unseren eigenen Weg finden.

uho: Ungleichheit entsteht durch Strukturen. Was müsste die Politik tun?

Ute Erdsiek-Rave: In Deutschland hat die Kultusministerkonferenz Empfehlungen gegeben, wie das gemeinsame Lernen umgesetzt werden kann. Da Bildung aber Sache der Länder ist, kann jedes Bundesland die Empfehlungen nach eigenem Ermessen umsetzen. Das Tempo ist daher sehr unterschiedlich. Es gibt 16 verschiedene Schulgesetze. In Schleswig-Holstein, Bremen, Berlin und Thüringen ist der Anteil der Förderschüler, die an Regelschulen unterrichtet werden, schon weit fortgeschritten. Doch in fast allen Schulgesetzen gibt es noch Vorbehalte. Es gibt auch kaum Aktionspläne zur inklusiven Bildung, die sicherstellen, dass die Förderschulen in Regelschulen überführt werden, und die klare zeitliche Vorgaben machen. Auch die Lehrerbildung wird erst allmählich auf Inklusion ausgerichtet.

uho: Ländern und Kommunen streiten seit Monaten darüber, wer nun in welcher Höhe für Schulumbau, Sozialpädagogen und Integrationshelfer bezahlt. Wie teuer wird die Inklusion?

Ute Erdsiek-Rave: Keine Frage, Inklusion ist nicht zum Nulltarif zu haben. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung schätzt die Kosten allein für zusätzliche Lehrer auf bis zu 660 Millionen Euro pro Jahr. Der Umbau wird die Länder je nach Schüleranzahl unterschiedlich viel kosten. Allerdings ist ein einheitliches System mit weniger Doppelstrukturen langfristig deutlich kostengünstiger. Die positiven Effekte der Inklusion zeigen sich jedoch nur, wenn es ausreichend Ressourcen gibt. Wir brauchen mehr Fortbildungen, ausreichend Lehrkräfte und barrierefreie Schulen. Gute Bildung kostet. Es ist aber eine Investition in die Zukunft unseres Landes.

uho: Wir lange wird es dauern, bis Deutschlands Bildungssystem wirklich inklusiv ist?

Ute Erdsiek-Rave: Das wird davon abhängen, wie viel politischer Wille da ist, wie stark sich der Druck von den Betroffenen entwickelt und wie sich die Bewegung aus den Schulen heraus fortsetzt. Ich bin da optimistisch. Bei den Menschen mit Behinderungen hat sich bereits einiges getan. Noch in den 1950er Jahren hatten sie kein Recht auf Bildung. Glücklicherweise hat damals ein erstes Umdenken stattgefunden. Die Schulpflicht und die Sonderschulen für behinderte Kinder wurden eingeführt. Seit den 1970ern gab es dann eine Bewegung von Eltern und Pädagogen, die forderten, behinderte Menschen in die Gesellschaft zu integrieren. Und heute reden wir über Inklusion. Bis vor wenigen Jahren war der Begriff in der Öffentlichkeit kaum bekannt. Allerdings räumt die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen keine beliebigen Wartefristen ein. Sie ist eine Verpflichtung.

Das Interview führte Farid Gardizi für unesco heute online. 

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