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Juli 2010

"Inklusive Bildung sondert kein Kind aus"

Interview mit Ministerin a.D. Ute Erdsiek-Rave

Inklusive Bildung ist ein zentrales Anliegen der UNESCO. Mit der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen wurde inklusive Bildung im Völkerrecht verankert. Deutschland hat das Übereinkommen im Frühjahr 2009 ratifiziert. Ute Erdsiek-Rave, Vorsitzende des Expertenkreises "Inklusive Bildung" der Deutschen UNESCO-Kommission, erklärt im Interview mit unesco heute online, was sich in Deutschland ändern muss. Sie war von 1998 bis 2009 Bildungsministerin in Schleswig-Holstein.

unesco heute online: Die UN-Behindertenrechtskonvention betrachtet inklusive Bildung als Menschenrecht. Was bedeutet das für unser Schulsystem?

Ministerin a.D. Ute Erdsiek-Rave, Vorsitzende des Expertenkreises Inklusive Bildung, als Delegationsleiterin auf der UNESCO-Weltkonferenz der Bildungsminister

Ute Erdsiek-Rave: Inklusive Bildung ist nicht nur ein Menschenrecht, sondern verpflichtet zugleich alle staatlichen Ebenen. Das Bildungssystem muss so weiterentwickelt werden, dass alle Kinder gemeinsam unterrichtet werden können – ohne dass es Vorbehalte gibt und gegen den Willen der Eltern entschieden werden kann, welche Schule das Kind besucht. Das genau ist der Perspektivwechsel von der Einzelintegration zur Inklusion. Von der Schulorganisation über die Unterrichtsformen bis zur Lehrerbildung muss das System sich verändern. Die Schulen werden sich auch noch stärker für die Zusammenarbeit mit ihrem sozialen Umfeld öffnen müssen.

uho: Die inklusive Schule ist Neuland für viele Eltern, Lehrer und die Verwaltung. Was macht eine inklusive Schule aus?

Ute Erdsiek-Rave: Inklusive Bildung bietet einen entscheidenden Vorteil: Sie begreift Vielfalt und individuelle Unterschiede als Ressource. Kein Kind wird ausgesondert, jedes wird individuell gefördert, Kinder mit Behinderungen, Lernschwache, Migranten, Hochbegabte. Es gilt eine konsequente Individualisierung, das Lernen ist selbstbestimmt und zugleich kooperativ. Und alle lernen voneinander, gerade in sozialer Hinsicht. Sonderpädagogen unterstützen bei der Weiterentwicklung von Unterricht und Schulorganisation und betreuen im Einzelfall. Die Lehrkräfte arbeiten im Team, und die Schule ist barrierefrei und technisch gut ausgestattet. Zum Glück gibt es schon viele, auch preisgekrönte Schulen als Vorbilder.

uho: Es gibt Eltern von Kindern mit Behinderung wie auch Eltern von Kindern ohne Behinderung, die den Ansatz skeptisch betrachten. Warum ist es pädagogisch sinnvoll, behinderte und nicht-behinderte Kinder gemeinsam zu unterrichten?

Ute Erdsiek-Rave: Nach meiner Erfahrung wollen die allermeisten Eltern, dass ihre Kinder in eine Regelschule gehen. Sie haben gute Erfahrungen mit integrativen Kindergärten gemacht und wollen, dass dies fortgesetzt wird. Eltern von "normalen" Kindern bauen ihre Vorbehalte und Sorgen um Qualität ab, wenn sie merken, dass die individuelle Förderung auch ihres Kindes im Vordergrund steht und dass eine inklusive Schule humaner ist als ein auf Aussonderung ausgerichtetes Bildungssystem.

uho: Warum gehen in skandinavischen Ländern bis zu 90 Prozent der behinderten Schüler auf Regelschulen und in Deutschland nur etwa 16 Prozent?

Ute Erdsiek-Rave: Die skandinavischen Gesellschaften sind stärker auf Gleichheit ausgerichtet. Die Schulsysteme wurden vor Jahrzehnten auf langes gemeinsames Lernen umgestellt. Sonderschulen sind dort so gut wie abgeschafft. Die bildungspolitischen Debatten sind pragmatischer und weniger ideologisch als in Deutschland. In Deutschland hinken wir da hinterher – auch was die Akzeptanz und Wertschätzung von Behinderten angeht.

uho: Kann sich Deutschland in Zeiten der Finanzkrise ein inklusives Bildungssystem überhaupt leisten?

Ute Erdsiek-Rave: Unser derzeitiges spezialisiertes Sonderschulsystem ist sehr kostenintensiv. Die Überführung in das Regelschulsystem wird zur Finanzierung von Inklusion beitragen. Das zeigt sich in Bundesländern wie Schleswig-Holstein mit weit fortgeschrittener Integration, das belegen auch bildungsökonomische Untersuchungen. Im Übrigen ist die nachträgliche Betreuung und Versorgung von mangelhaft gebildeten jungen Menschen teurer als eine gute Bildung, die zu besseren Chancen auf dem Arbeitsmarkt und auf ein selbstbestimmtes Leben führt.

uho: Wie lange wird es dauern, bis Deutschlands Bildungssystem wirklich inklusiv ist?

Ute Erdsiek-Rave: Das wird davon abhängen, wie viel politischer Wille da ist, wie stark sich der Druck von den Betroffenen entwickelt und wie sich die Bewegung von unten, von den Schulen fortsetzt. Ich sehe eine starke Dynamik, sehr viel Kompetenz in Wissenschaft und Praxis, aber es wird noch zu wenig Wissen und Erfahrung vernetzt und ausgetauscht. Die UN-Konvention räumt jedoch keine beliebigen Wartefristen ein. Sie ist eine Verpflichtung. Mehr als ein Jahrzehnt darf es nicht dauern. Alles andere wäre ein Armutszeugnis.

Das Interview führte Farid Gardizi für unesco heute online.

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