Dezember 2006
Deutscher Menschenrechts-Filmpreis 2006
Verleihung in der Nürnberger Meistersingerhalle
Lutz Möller
Menschenrechte sind ein sperriges Thema, erst recht beim Versuch, sie filmisch umzusetzen. Sollte man meinen. Dass dieses Vorurteil trügt, bestätigt alle zwei Jahre wieder der Deutsche Menschenrechts-Filmpreis. Seit 1998 wird dieser größte Filmwettbewerb in Deutschland zum Thema Menschenrechte durchgeführt, und in jedem Jahr nehmen mehr Filme teil. Die Preisverleihung 2006 ist erneut größer und ambitionierter geworden, ohne dabei den Charakter eines unabhängigen Filmfestivals zu verlieren.
In diesem Jahr verzeichneten die Veranstalter, zu denen seit 2000 auch die Deutsche UNESCO-Kommission zählt, erneut einen Rekord: 192 Einsendungen bewarben sich um den Titel "Deutscher Menschenrechts-Filmpreis". Wie in der Vergangenheit gab es separate Wertungen für professionelle Produktionen und Amateurfilme - zusätzlich kam in diesem Jahr ein Sonderpreis für Studenten von Filmhochschulen hinzu. 48 Amateur- und 92 Profiproduktionen sowie 52 Produktionen von Studenten gingen 2006 ins Rennen. Die Sieger in allen drei Kategorien überzeugten die Jury und das Publikum in jeder Hinsicht.

- Jutta Limbach überreicht den 1. Preis an Marcel Kolvenbach und Pagonis Pagonakis
In der Kategorie professionelle Produktionen siegte der Film "Tod in der Zelle – Warum starb Oury Jalloh?" von Marcel Kolvenbach und Pagonis Pagonakis. Die Dokumentation des WDR aus dem Magazin "die story" fragt nach den Umständen des Todes des westafrikanischen Asylbewerbers Oury Jalloh im Polizeigewahrsam in Dessau. Der Siegerfilm demonstriert ein zentrales Anliegen des Deutschen Menschenrechts-Filmpreises, nämlich darauf hinzuweisen, dass Menschenrechte keine Fernproblematik sind, sondern auch in unserem Land fortlaufend verteidigt und neu erkämpft werden müssen. Der Film rekonstruiert behutsam den Fall, der in offizieller Version eine Selbsttötung ist, und deckt auf, dass Diensthabende Polizeibeamte Brandsignale womöglich zunächst nicht wahrnehmen wollten. "Diesem klug recherchierten Film geht es nicht um Sensation und schnelle Verurteilung von Beteiligten" (Jurybegründung), sondern um die Geschichte des Menschen jenseits des Aktenzeichens, der laut der Autoren dreimal sterben musste, im Bürgerkrieg von Sierra Leone, im deutschen Asyl und in der Polizeizelle.

- Sonja Mikich interviewt Jutta von Stieglitz-Yousufy
Den zweiten Platz erreichte der Film "Getauschte Blicke – Theaterleben in Kabul" von Jutta von Stieglitz-Yousufy. Die Dokumentation von ZDF theaterkanal und 3sat stellt Schauspieler und Theatermacher aus Afghanistan vor und thematisiert einen anderen, häufig übersehenen Geltungsbereich der Menschenrechte: kulturelle Rechte. Der Begriff der "Unteilbarkeit der Menschenrechte" ist hier wichtig: Nur wenn Menschen durch Bildung über ihre Rechte erfahren und durch kulturelle Ausdrucksformen zu einer eigenen Identität finden, sind sie in der Lage, auch ihren bürgerlichen und politischen Rechten Ausdruck zu verleihen. Damit erkennen wir mit den Menschenrechten an, dass es elementarer Teil jedermanns Identität ist, den "eigenen Wertvorstellungen zu folgen, seine Talente zu entwickeln, anderen Menschen etwas zu geben" (Jurybegründung). Der Film "Getauschte Blicke" zeigt, wie weit der Weg zum freien kulturellen Ausdruck in Afghanistan noch ist, während er gleichzeitig gefühlvolle Distanz wahrt. Jutta von Stieglitz-Yousufy "klagt nicht an, sie beklagt nicht, sie fordert nicht, sie urteilt nicht, sie prognostiziert nicht" (Jurybegründung).

- Bettina Borgfeld im Gespräch mit Gerd Ruge und Sonja Mikich
Der dritte Preis in der Kategorie professionelle Filmemacher wurde an die WDR-Dokumentation "SchussWechsel – Fotografen in einem zerrissenen Land" von Sacha Mirzoeff und Bettina Borgfeld verliehen. Der Film dokumentiert die Einsätze von zwei Fotografenteams der Agentur Reuters in Jerusalem, eines mit palästinensischen, eines mit israelischen Fotografen, die aus ihrer jeweiligen Sicht den Ausbruch der zweiten Intifada festhalten. "Gewalt, Krieg und Tod zu dokumentieren und der Weltöffentlichkeit zu zeigen, ist die Aufgabe der Pressefotografen, die in Krisengebieten ihre Bilder schießen. Ohne Worte legen sie sichtbares Zeugnis ab über die organisierten Menschenrechtsverletzungen großer und kleiner Kriege" (Jurybegründung). Der Film fragt nach der Verantwortung, die in der Veröffentlichung grausamer Bilder liegt. Er stellt die emotionalen Ausnahmesituationen vor, denen Fotografen ausgesetzt sind, wenn sie weiterarbeiten, während ein Kollege in einem Angriff gerade von einem Schuss getroffen wird. "Dies ist dennoch keine Story aus dem Abenteuerleben der Kriegsfotografen" (Jurybegründung).

- Die Preisstatue
Die Preise wurden am 9. Dezember 2006 in der Nürnberger Meistersingerhalle verliehen. Wie in den Vorjahren war die Halle vollständig besetzt. Der zweite Nürnberger Bürgermeister Horst Förther und die Schirmherrin des Wettbewerbs 2006, Prof. Dr. Jutta Limbach, Präsidentin des Goethe-Instituts, haben die Veranstaltung eröffnet Moderiert wurde sie von Sonja Mikich, Chefredakteurin des ARD-Magazins Monitor. Dr. Heiner Bielefeldt, Direktor des Deutschen Instituts für Menschenrechte, hielt das Grußwort im Namen der 16 Veranstalter des Deutschen Menschenrechts-Filmpreises, zu denen 2006 erstmals das Deutsche Jugendherbergswerk gehört. In seinem Grußwort betonte Heiner Bielefeldt, dass die Geschichte der Menschenrechte - bei allen Rückschlägen - einen großen Erfolg darstellt. Das zivilgesellschaftliche Engagement für die Menschenrechte, wozu er auch den Filmpreis rechne, speise sich aus zwei Faktoren: aus der Erfahrung erlittenen Unrechts und aus dem Bewusstsein, dass eine Änderung der Verhältnisse möglich ist. Erstmals besaß der Deutsche Menschenrechts-Filmpreis mit dem Bayerischen Rundfunk einen Medienpartner, der in mehreren Sendungen über die Verleihung und die Siegerfilme berichtete.

- Verlesung der Begründung zur Preisvergabe an Tobias Müller
Der neu geschaffene Sonderpreis Filmhochschule ging an "Bánffy Castle" von Tobias Müller von der Filmakademie Baden-Württemberg. "Der zutiefst bewegende Film lenkt den Blick des Publikums auf Menschenrechtsverletzungen, die alltäglich und dennoch nicht im Bewusstsein der Öffentlichkeit präsent sind" (Jurybegründung). Der Film stellt eine zerfallende, verwahrloste Verwahrungsanstalt für 220 psychisch kranke Patienten in der ländlichen Abgeschiedenheit Rumäniens vor und "lässt einfühlsam Jugendliche, Frauen und Männer zu Wort kommen, die jenseits gewohnter Realität eine Wirklichkeit leben, die Zuschauende unentrinnbar und zugleich verstörend vollkommen in Bann zieht" (Jurybegründung).
Mit der Auszeichnung von "Amateurfilmen" fördern die Veranstalter des Deutschen Menschenrechts-Filmpreises nicht nur die Auseinandersetzung Jugendlicher mit Menschenrechten, sondern auch die kritische Beschäftigung mit dem Medium Film. Um die Medienkompetenz Jugendlicher zu steigern, wird ihnen medienpädagogische Begleitung und Unterstützung angeboten.

- Verlesung des Juryurteils für Michael Spenglers Film "Akhona"
Der erste Preisträger in der Kategorie "Amateur" hatte solche Förderung nicht mehr nötig. "Akhona" von Michael Spengler aus Münster ist eine "äußerst gelungene Arbeit", "technisch auf hohem Niveau". Michael Spenglers "Inszenierung, Kameraeinsatz, Bildeinstellungen, technische Tricks und Schnitt wirken professionell, Timing und Tempo stimmen – er beherrscht sein Handwerk und nicht umgekehrt" (Jurybegründung). "Akhona" ist ein begeisterndes Hiphop-Video über einen Waisen in einem AIDS-Kinderheim in Südafrika. In AIDS-Kinderheimen in Afrika gibt es inzwischen die Tradition der Memory-Books mit Bildern und Dokumenten der Familien der Waisen als letzte Erinnerung an ihre Herkunft. Die Rahmenhandlung des Videos bilden zwei Memory spielende Kinder, die durch das Sammeln der Memorykarten die Geschichte von Akhona aufdecken, die über den gerappten Liedtext und farbenfrohe, klischeearme Bilder sehr dicht erzählt wird.

- Die Preisträgerinnen im Interview
Den zweiten Platz in der Kategorie "Amateurfilm" erreichte die Dokumentation "Holidays - vom Krieg überrascht" von Fadia Mansour, Nuhr Elabbas und Lilian El-Khawas aus Wuppertal. Der durch das Medienprojekt Wuppertal unterstützte Film zeigt die authentischen Erlebnisse von Nuhr und Lilian, die im Juli 2006 in den Urlaub zu Verwandten in den Libanon reisen. Drei Tagen später beginnen die Bombenangriffe, die die Mädchen ebenso wie ihre anschließende Flucht nach Deutschland festhalten. "Durch die Nüchternheit und Ernsthaftigkeit ihrer Schilderung von Angst und Flucht erlebt der Zuschauer auf eine sehr persönliche Weise mit, was das für die betroffenen Menschen heißt: Krieg" (Jurybegründung).

- Die Lichtenberger Boys erreichten den dritten Platz
Auf den dritten Platz kam das Hiphop-Video "MenschenRecht" der Lichtenberger Boys aus Berlin, unterstützt von der Jugendmedienarbeit von "LEG LOS!". "Sechs Jugendliche im Alter zwischen 16 und 19 Jahren haben sich Gedanken zum Thema Menschenrechte gemacht. Und so vielfältig ihre Sichtweisen auf dieses Thema sich darstellen, kristallisiert sich doch ein klarer Aufruf zu mehr Toleranz, Frieden und Gerechtigkeit heraus" (Jurybegründung). Wie das Ergebnis aussieht, können Sie selbst ansehen, indem Sie auf den Start-Pfeil des Videos unten klicken.
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unesco heute online • Redaktion: Dieter Offenhäußer / Kurt Schlünkes
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