Deutsche UNESCO Kommission e.V.

März 2012

Weltwasserbericht 2012: Trends in Europa

Von Lutz Möller und Farid Gardizi

Der vierte UNESCO-Weltwasserbericht konzentriert sich vorrangig auf globale Entwicklungen, er enthält aber auch Zusammenfassungen der wichtigsten Trends für einzelne Regionen. Der Mangel an sauberem Trinkwasser ist demnach nicht allein in Entwicklungsländern ein Problem, auch in Europa sind 120 Millionen Menschen davon betroffen. Jeder fünfte Europäer lebt in Gebieten, die "Wasser-Stress" aufweisen. Europa importiert zudem eine erhebliche Menge an "virtuellem Wasser" durch Nahrungsmittel.

© UNESCO/Arnaud Mader
Naturlandschaft der Azoreninsel Sao Miguel

Flüsse: Die europäischen Gewässer sind durch den Bau von Staudämmen, Wehren und Kanälen für Wasserkraft, Schifffahrt und Bewässerung erheblich verändert worden. Flüsse und Ökosysteme sind heute selten durchgängig, von Auen und Feuchtgebieten getrennt, Erosion und Sedimenttransport haben sich verändert. In den hoch entwickelten Ländern Europas stehen die Industrie und Siedlungen als Quellen der Wasserverschmutzung unter Kontrolle. Der Gewässerschutz ist jedoch noch nicht ausreichend in Ost- und Südosteuropa sowie dem Kaukasus und Zentralasien, das die Vereinten Nationen zur Region Europa zählen. Die EU-Wasserrahmenrichtlinie hat seit Inkrafttreten im Jahr 2000 gute Fortschritte beim Schutz von Ökosystemdienstleistungen bewirkt, das Ziel ist ein guter Zustand aller Gewässer bis 2015. Die Wasserrahmenrichtlinie hat sich besonders auf die östlichen Nachbarn positiv ausgewirkt, dennoch sieht der Weltwasserbericht gerade entlang der Donau noch großen Handlungsbedarf.

Landwirtschaft: Ein zunehmendes Umweltproblem in ganz Europa sind Nährstoffe aus der Landwirtschaft: Stickstoff, Phosphor und Pestizide. Landwirtschaftliche Düngemittel tragen bis zu 80 Prozent des Stickstoffs ins Grundwasser ein, der Rest entstammt dem Abwasser. Zwar wird in der europäischen Landwirtschaft derzeit weniger Stickstoff eingesetzt, was sich aber nur langsam auf die Wasserressourcen auswirkt. Für die Bewässerung in der Landwirtschaft und den häuslichen Bedarf wird vor allem in den Ländern, wo das Wasser bereits knapp ist, immer mehr entnommen: 50 bis 60 Prozent des Wasserverbrauchs in Portugal, Spanien, Italien und Griechenland entfallen auf Landwirtschaft und Nutztierhaltung, während es in Mitteleuropa etwa 20 Prozent sind. Der Klimawandel erschwert die Situation durch steigende Hochwasser- und Dürregefahr und hat zu mehr Wettbewerb unter den Wassernutzern geführt.

Regionale Zusammenarbeit: Fast alle Länder Europas teilen sich ihre Wasserressourcen mit den Nachbarländern, es gibt 100 grenzüberschreitende Flüsse und über 100 grenzüberschreitende Grundwasserleiter. In Europa hat diese geteilte Verantwortung zu guter internationaler Zusammenarbeit im Wassersektor geführt. In den EU-Ländern haben sich zahlreiche Gesetze, Verordnungen, Empfehlungen und Richtlinien bewährt. Flussgebietskommissionen für Rhein, Donau, Maas und Schelde leisten einen entscheidenden Beitrag zur Rechtsangleichung beim europäischen Gewässerschutz. Die Wirtschaftskommission für Europa der Vereinten Nationen (UNECE) hat 1992 ein Wasserabkommen beschlossen, auf dem heute die EU-Wasserrahmenrichtlinie aufbaut. Die osteuropäischen EU-Staaten haben große Fortschritte gemacht, viele Mittelmeeranrainer setzen dagegen die Vorgaben nur unzureichend um.

Wasserverbrauch: In 24 europäischen Ländern ist der Wasserverbrauch seit 1995 um knapp 12 Prozent gefallen. Der Verbrauch an Wasser ist in der europäischen Landwirtschaft durch Effizienzmaßnahmen und staatliche Vorschriften gesunken. Die Wasserverschmutzung durch die Industrie ist massiv zurückgegangen, auch durch den Rückgang des verarbeitenden Gewerbes – das trifft noch nicht zu auf einige Länder Osteuropas. Der Mangel an sauberem Trinkwasser ist kein Problem allein von Afrika oder Indien, auch in Europa sind 120 Millionen Menschen davon betroffen. Jeder fünfte Europäer lebt in Gebieten, die „Wasser-Stress“ aufweisen. Europa importiert zudem eine erhebliche Menge an "virtuellem Wasser" durch Nahrungsmittel und andere Güter. Nach Modellrechnungen konsumiert der Durchschnittseuropäer täglich 3 Kubikmeter an importiertem virtuellem Wasser, also etwa 30mal mehr als der Tagesverbrauch an Leitungswasser.

© UNEP/Lawrence Hislop
Veränderungen der Gletscher und Eiskappen sind deutliche Indikatoren für den Klimawandel

Klimawandel: Europa hat viel zur Entstehung des derzeitigen Klimawandels beigetragen. Die markantesten Auswirkungen wird der Klimawandel am Polarkreis, in Südeuropa, am Kaukasus und in Zentralasien haben. Die Flüsse dieser Regionen könnten dann nur noch 20 Prozent der heutigen Wassermenge führen. Der Tourismus und die Wasserkrafterzeugung werden darunter leiden. In Mittel- und Osteuropa werden die Niederschläge sich räumlich und zeitlich verändern. 

Weltwasserbericht 2012
Kernaussagen
Trends in Afrika

Englische Ausgabe des Weltwasserberichts