Deutsche UNESCO Kommission e.V.

SCHRIFTGRÖSSE

Dresdner Erklärung zu Biosphärenreservaten und Klimawandel

28. Juni 2011

Wir, die Teilnehmer der Internationalen Konferenz "Für das Leben, für die Zukunft: Biosphärenreservate und Klimawandel“, die am 27./28. Juni 2011 in Dresden stattfand, erklären: 

Der Klimaschutz und die Anpassung an den Klimawandel sowie der Schutz der biologischen Vielfalt gehören zu den zentralen ökologischen Herausforderungen der Gegenwart. Um ihnen gerecht zu werden, sind weltweit großer politischer Wille und entschlossenes Handeln notwendig. Das für einen Richtungswechsel notwendige Wissen und die entsprechenden Technologien sind vielfach vorhanden. Nun gilt es, die Ressourcen zu bündeln und Kreativität freizusetzen, um entsprechendes Handeln – einschließlich Verhaltensänderungen – hin zu einer nachhaltigen Entwicklung weiter zu verstärken.

Der Internationale Koordinierungsrat (ICC) des UNESCO-Programms „Der Mensch und die Biosphäre“ (MAB-Programm) trat 1971 zum ersten Mal zusammen und legte die Grundlagen für einen neuen Schutzgebietstyp „Biosphärenreservat“. Er erklärte die harmonische Entwicklung von Mensch und Natur zu dessen zentralem Ziel. Die Idee der Biosphärenreservate findet weltweit wachsende Zustimmung und hat sich über vier Jahrzehnte zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt. Biosphärenreservate stellen ein weltweites Netz von Modellregionen dar, in denen sich neue nachhaltige Nutzungsformen und Möglichkeiten der Anpassung an sich verändernde ökologische, ökonomische und soziale Bedingungen unter Einbeziehung aller Akteure erproben lassen.

Das Weltnetzwerk von über 560 Biosphärenreservaten in mehr als 100 Ländern im Rahmen des UNESCO-Programms „Der Mensch und die Biosphäre“ (MAB) bringt seinen 40jährigen Erfahrungsschatz aus diesen Modellregionen in die weltweiten Strategien für Klimaschutz und Klimaanpassung ein. Ziel ist es, über den Erhalt der biologischen Vielfalt hinaus auch einen substanziellen Beitrag zu diesen Prozessen zu leisten. Wir erwarten, dass die weltweit laufenden Klimaschutzmaßnahmen auch dem dringend notwendigen Schutz der biologischen Vielfalt gerecht werden.

Das MAB-Programm hat seit seinem Bestehen innovative Ansätze in den Bereichen Forschung, Monitoring, Bildung und Kapazitätsaufbau, Management sowie bei der Umsetzung von beispielhaften Projekten verfolgt, die weit über den Naturschutz hinausreichen und als Modell für einen nachhaltigen Lebensstil geeignet sind. Damit stellen Biosphärenreservate ein wichtiges Element der Zukunftssicherung für nachfolgende Generationen dar.
 
Biosphärenreservate sind ein wirksames Instrument zum Klimaschutz sowie zur modellhaften Anpassung an seine Folgen. Dies gilt vor allem in den Bereichen nachhaltige Landnutzung, umweltverträgliches und Ressourcen schonendes Wirtschaften, Sicherung von Ökosystemdienstleistungen, Energieeffizienz und Einsatz erneuerbarer Energien. Biosphärenreservate sind Bildungsorte für nachhaltige Entwicklung.

Unter Hinweis auf die Ziele der Sevilla-Strategie (1995) und den Aktionsplan von Madrid (2008) fordern die Teilnehmer der Konferenz die im MAB-Programm vertretenen Staaten auf, Biosphärenreservate stärker als bisher in ihren Strategien zu Klimaschutz und -anpassung zu verankern und in Biosphärenreservaten entwickelte Ansätze verstärkt auf andere Regionen zu übertragen.

Auf dieser Grundlage erachten wir folgende Maßnahmen für notwendig:


Auf politischer Ebene in den Mitgliedstaaten

(1) Die Leistungen des MAB-Programms und der Biosphärenreservate zur Begrenzung des Klimawandels und der Anpassung an seine Folgen stärker zu beachten und deren Beiträge in die nationalen und internationalen Klimastrategien und -politiken besser zu integrieren,

(2) Die Idee der Biosphärenreservate verstärkt in die Entwicklungszusammenarbeit einzubinden und entsprechende Projekte in Entwicklungsländern zu unterstützen, die Armutsbekämpfung, Erhalt der biologischen Vielfalt und Klimaschutz miteinander verknüpfen,

(3) auf nationaler und lokaler Ebene angemessene gesetzliche, administrative und institutionelle Rahmenbedingungen für Biosphärenreservate zu schaffen, sie mit entsprechenden Kompetenzen auszustatten sowie eine ausreichende finanzielle und personelle Ausstattung der Verwaltungen der Biosphärenreservate zur Erfüllung ihrer Funktionen zu gewährleisten,

(4)  die Biosphärenreservate als Modellregionen für nachhaltige Entwicklung weiterzuentwickeln und die dort gewonnenen guten Praxisbeispiele und Erfahrungen möglichst breit zu nutzen,

(5) problemorientierte, interdisziplinäre und angewandte Forschung, Überwachung und Evaluierung, einschließlich traditionellen Wissens, in Bezug auf Klimaveränderungen und deren Folgen in den Biosphärenreservaten zu unterstützen und die Ergebnisse solcher Aktivitäten in nationale und internationale Forschungsprogramme und -projekte einzubinden,

(6) innovative ökonomische Instrumente und Aktivitäten zu unterstützen, die Klimaschutz, Anpassung an den Klimawandel, Bewahrung der Integrität von Ökosystemen und biologischer Vielfalt, sowie soziale Entwicklung, einschließlich der Bedürfnisse von lokalen und indigenen Gemeinschaften, miteinander verbinden, insbesondere im Zusammenhang mit der Ausbeutung von Bodenschätzen und der Energieerzeugung,

(7) die Rolle der Landnutzung bei der Kohlenstoffspeicherung zu fördern, insbesondere in Wäldern durch Umsetzung und Auswertung der REDD+ Initiative in Biosphärenreservaten. Dabei gilt es, das Verständnis ihrer Auswirkungen, Märkte und Praxis zu verbessern, sowie geeignetere Methoden zu entwickeln und entsprechende Erkenntnisse zu verbreiten,

(8) die Idee der Biosphärenreservate und der dafür erforderlichen Umsetzungsmaßnahmen verständlicher zu kommunizieren,


Auf praktischer Ebene in den Biosphärenreservaten

(9) die Anstrengungen zu verstärken, innovative Ansätze für Klimaschutz und -anpassung (einschließlich Finanzierungsmodelle) zu entwickeln, sie beispielhaft umzusetzen, Managementpläne entsprechend anzupassen, sie mit bestehenden Ansätzen nachhaltiger Entwicklung zusammenzuführen und sie zur Stärkung der Regionen zu nutzen,

(10) Managementpläne zur Anpassung an ein sich veränderndes Klima auf der Grundlage wissenschaftlicher Analyse zu entwickeln und umzusetzen. Dabei sind der Erhalt und die nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt unter Einbeziehung der lokalen Bevölkerung zu berücksichtigen.

(11) traditionelles, indigenes und lokales Wissen mit modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Stärkung der Forschung im Bereich Klimawandel zusammenzuführen,

(12) verstärkt Biosphärenreservate als Lernorte für nachhaltige Entwicklung zu nutzen, um darzustellen, dass der Schutz der biologischen Vielfalt die Bereitstellung von Ökosystemdienstleistungen sichert und neue wirtschaftliche Chancen schafft,

(13) die internationale Zusammenarbeit zum Austausch von Erfahrungen und erprobten Methoden sowie für gemeinsame Projekte – auch im Rahmen von Partnerschaften – weiter zu entwickeln und zu stärken,

(14) Partnerschaften mit dem Privatsektor zu entwickeln und auszubauen, um regionale, nationale und internationale Märkte für nachhaltig erzeugte Güter und Dienstleistungen zu identifizieren, zu entwickeln und zu fördern sowie eine Klima schonende Wirtschaftsweise in den Gebieten voranzubringen,


Auf Ebene der UNESCO

(15) das MAB-Programm und die Biosphärenreservate im Rahmen der UNESCO-Strategie zum Klimawandel und der „Global Climate Change Initiative“ der UNESCO umfassend zu unterstützen und zu nutzen, nicht nur als Referenzorte zum Verständnis der Folgen des Klimawandels, vor allem in den besonderen Zielregionen der UNESCO, wie Afrika und den kleinen Inselstaaten,

(16) das Weltnetz der Biosphärenreservate als einen der zentralen Aktivposten der UNESCO weiter zu entwickeln: als Referenzregionen zum besseren Verständnis der Auswirkungen des Klimawandels auf die menschlichen Gesellschaft, für die kulturelle und die biologische Vielfalt, die Ökosystemdienstleistungen sowie für das Weltnatur- und -kulturerbe. Die Einbeziehung von Biosphärenreservaten in global koordinierte interdisziplinäre Forschungsprogramme zum Klimawandel ist zu prüfen.

(17) den internationalen Austausch von bewährten Praxisbeispielen sowie Süd-Süd- und Nord-Süd-Süd-Kooperationen durch bilaterale Partnerschaften zum Austausch von Technologien und bewährten Praxisbeispielen zu fördern,

(18) mit anderen zwischenstaatlichen Programmen und Übereinkommen der UNESCO und der UN, insbesondere den drei Rio-Übereinkommen, der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung”, der UN-Konferenz zu Nachhaltiger Entwicklung Rio+20 sowie anderen relevanten internationalen und nationalen Organisationen und Einrichtungen zusammen zu arbeiten, damit diese die Biosphärenreservate stärker als Forschungs-, Bildungs- und Pilotregionen für Nachhaltigkeitsprozesse nutzen,

(19) die Mitgliedstaaten bei der Ausweisung und dem erfolgreichen Management von neuen – insbesondere von grenzüberschreitenden – Biosphärenreservaten, politisch und finanziell zu unterstützen.


Schlussfolgerung

Die Teilnehmer der Konferenz rufen zur Bereitstellung entsprechender finanzieller, organisatorischer und personeller Kapazitäten für die Umsetzung der in der Erklärung enthaltenen Empfehlungen auf.

Die Teilnehmer der Konferenz bitten den Internationalen Koordinierungsrat des MAB-Programms, diese Erklärung auf seiner 23. Sitzung zu billigen und der 36. Sitzung der Generalkonferenz der UNESCO im Herbst 2011 vorzulegen.