Deutsche UNESCO Kommission e.V.

SCHRIFTGRÖSSE

September 2011

"UNESCO Engineering Initiative unverzichtbar"

Key Note von VDI-Direktor Willi Fuchs auf der Weltingenieurstagung 

Ein zentrales Thema der "World Engineers' Convention" (WEC) vom 4. bis 9. September 2011 in Genf war die Ausbildung von Ingenieuren. VDI-Direktor Dr. Willi Fuchs hat am 6. September in seiner Key Note für die im Mai 2011 ausgerufene "UNESCO Engineering Initiative" geworben und alle Ingenieursverbände weltweit zu einer gemeinsamen Anstrengung aufgerufen.

The Global Responsibility of Engineers in the 21st Century  – 
Challenges for Engineering Education

Dr. Willi Fuchs
© VDI

»Die modernen Gesellschaften, in der wir alle leben, haben hohe Erwartungen und ambitionierte Pläne, was die zukünftigen Entwicklungen angeht. Jeder von uns möchte in einer intakten Natur leben und auf die Annehmlichkeiten, die moderne Technologien uns im Alltag bieten, auf keinen Fall verzichten. Unsere Gesellschaften stehen aber auch vor großen Herausforderungen, die nur gemeinsam im globalen Rahmen gelöst werden können:  Ich nenne nur das rapide Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum in weiten Teilen unserer Erde und den damit einhergehenden Verbrauch an natürlichen Ressourcen sowie die generell ansteigende Beanspruchung der Umwelt. Die globale Energieversorgung spielt dabei eine Schlüsselrolle. Denn ohne die Lösung des Problems einer umweltfreundlichen Energieversorgung im 21. Jahrhundert werden wir auch das Problem des Klimawandels und die damit verbundenen Auswirkungen auf unser Leben und unsere Umwelt nicht gelöst bekommen.

Es ist ohne jeden Zweifel so, dass wir heute alle aktuellen Entwicklungen und Innovationen in einem globalen Kontext sehen müssen. Dabei sind es vor allem die Ingenieurinnen und Ingenieure, die diese Herausforderungen zu bewältigen haben. Unsere Berufsgruppe ist es, die immer wieder neue technische Lösungen finden muss. Gerade in Deutschland stellen sich uns nach dem Ausstieg aus der Kernenergie diese Fragen besonders. Damit lastet aber auch eine große Verantwortung auf den Ingenieuren! Zwar können Politiker Entscheidungen treffen, die wirklichen Lösungen müssen aber in den Laboren der Wissenschaft sowie in der Praxis der Unternehmen  gefunden werden. Das hat inzwischen eine globale Dimension erreicht: Ich denke hier zum Beispiel an die Elektromobilität oder die Ressourceneffizienz.

Die globale Verantwortung der Ingenieure

Aus dieser Erkenntnis sollten wir dringend ableiten, dass auch die Ausbildungssysteme für Ingenieure international vergleichbar und an die Herausforderungen der Zukunft angepasst gestaltet werden sollten. Ich weiß, dass wir erst am Anfang eines langen Weges stehen. In einer Zeit, wo die Menschheit den Weg zu mehr ökologischer Verantwortung und mehr nachhaltiger Entwicklung eingeschlagen hat, müssen auch die Ingenieure ihren Beitrag zum Wohle der Allgemeinheit leisten. Wie heißt es so schön: At every turning point of history there has been an engineer.

Was können die Ingenieure aber tatsächlich tun, um ihrer globalen Verantwortung gerecht zu werden. Zunächst einmal müssen die Ingenieure weltweit ihre Anstrengungen und Aktivitäten bündeln, denn nur gemeinsam im Konzert vereinigter Kräfte können sie auch Gehör finden. Die Konsequenz aus dieser Schlussfolgerung heißt für mich, wir müssen alle gemeinsam das Gewicht und die Bedeutung der WFEO als Weltdachverband und als Global Player stärken! Wir müssen die WFEO als Vertreterin von mehr als 90 nationalen Ingenieurorganisationen dahingehend reformieren, dass sie auch adäquate Antworten auf globale Herausforderungen präsentieren und auf globaler Ebene vertreten kann. Die WFEO muss demnach ihr Aufgabenspektrum den aktuellen globalen Problemen besser und schneller anpassen und permanent ausbauen, um so Lösungen anbieten zu können, die schnell, unbürokratisch, ressourceneffizient und zum Wohle der Allgemeinheit umzusetzen sind. Wenn ich von globaler Ebene spreche, so meine ich in erster Linie die vielfältigen Möglichkeiten der WFEO als assoziiertes Mitglied der UNESCO, weltweite Programme und Initiativen ins Leben zu rufen, die helfen sollen, die Herausforderungen der Zukunft zu meistern.

Damit einher geht die Übernahme von mehr Verantwortung bei der Beratung internationaler Organisationen wie UNO und UNESCO, aber auch nationaler Regierungen und Parlamente, so z.B. beim Umsetzen einer noch zu konzipierenden cross-cutting thematic "UNESCO Engineering Initiative", which will bring together engineering capacity from all of the existing organizational units in an innovative, pragmatic and cost-effective manner. Anders ausgedrückt, diese soll die Funktion einer Agenda der Ingenieure für die nächsten Jahrzehnte darstellen und die wichtigen Vorhaben, vor allem im Bereich der Ingenieurausbildung, des Capacity Building und natürlich auch der globalen Energieversorgung, zum Inhalt haben.

Ich möchte diese Gelegenheit nutzen und alle meine Kollegen in der WFEO aufrufen, sich die Unterstützung ihrer nationalen UNESCO-Komitees zu versichern, damit wir alle gemeinsam die "UNESCO Engineering Initiative" in einer nicht allzu fernen Zukunft konzipieren und starten können. Denn, und das ist meine feste Überzeugung, die "UNESCO Engineering Initiative" und das damit verbundene globale Capacity Building sind unverzichtbare Elemente für ein stetiges weltweites wirtschaftliches Wachstum, das die nachhaltige Entwicklung und die erneuerbaren Energien als eine ihrer wichtigsten Komponenten zur Grundlage hat. Die "UNESCO Engineering Initiative" als Agenda der Ingenieure beim Übergang von der Industriegesellschaft zu einer Wissensgesellschaft soll die Führungsrolle der Ingenieure bei der Gestaltung der künftigen Wissensgesellschaft einmal mehr verdeutlichen. Die Ingenieurausbildung spielt dabei eine entscheidende Rolle! Sie muss sich nicht nur an den Erfordernissen der Zukunft orientieren, sondern auch in die "UNESCO Engineering Initiative" Eingang finden. So können die künftigen Ingenieure ihrer gestalterischen Rolle in vollem Umfang nachkommen und sich als Motor neuer innovativer Entwicklungen zum Wohle der Allgemeinheit betätigen.

Die Ingenieure sind somit besonders gefragt, um mit modernen technischen Lösungen den Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft zu begegnen. Wenn wir uns die vergangenen Jahrhunderte vor Augen führen, so können wir feststellen, dass Ingenieure schon immer die Triebfeder des technischen Fortschrittes waren. Sie sind sich aber auch immer schon ihrer gesellschaftlichen und sozialen Verpflichtungen bewusst gewesen. So verbesserten sie im Laufe der vergangenen Jahrhunderte stetig die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen. Bereits Mitte des 20. Jahrhunderts erkannten sie die Notwendigkeit einer umweltschonenden und nachhaltigen Produktentwicklung und Produktion. Die heutigen und kommenden Generationen von Ingenieuren sind herausgefordert, diesen Grundsatzgedanken zum Wohle der Allgemeinheit kontinuierlich weiterzuentwickeln. Die Integration von nachhaltiger Entwicklung in die Ingenieurwissenschaften muss mehr denn je zu einem Schwerpunkt in der Ingenieurausbildung werden. Nicht zuletzt aufgrund der Herausforderungen durch die gegenwärtige und künftige globale Energieversorgung lässt sich die Forderung nach einem sogenannten "Sustainable Engineering" sehr gut nachvollziehen.

Konsequenzen für die Ausbildung von Ingenieuren

Welche Konsequenzen sind aber mit einer solchen Forderung verbunden? Bevor ich darauf näher eingehen werde, möchte ich Professor Dr. Nico Stehr, designierter Leiter des Europäischen Zentrums für Nachhaltigkeitsforschung, zitieren:

"Nachhaltigkeit ist nicht nur ein Umwelt- und Entwicklungsproblem. Nachhaltigkeit ist zu einer Frage der ökonomischen, demografischen, politischen, kulturellen, technischen, ökologischen und nicht zuletzt moralischen Entwicklung der Gesellschaft geworden."

Er führt weiter aus, dass die Nachhaltigkeit in den kommenden Jahren und Jahrzehnten im Alltag zum "Kerngeschäft der Unternehmen, des Kapitalmarktes, der technischen Innovation und natürlich der Politik gehören wird".

Um diese Zielsetzung erfolgreich verfolgen zu können, müssen wir aber die Ingenieurausbildung so reformieren, dass die verstärkte Nutzung der erneuerbaren Energien, die Ressourceneffizienz und das Recycling sowie die ökonomischen, ökologischen, sozialen, soziologischen und gesellschaftspolitischen Gesichtspunkte des wirtschaftlichen Handelns zu einem integralen Bestandteil der Ingenieurausbildung werden. Es gilt das Verständnis dafür zu entwickeln, dass alles in unserer Welt miteinander vernetzt ist und dass jeder Eingriff in die Natur nicht ohne Folgen bleibt.
Das neue "Selbstverständnis der Ingenieure" erfordert neues Wissen und weiterführende Kompetenzen. Wir bewegen uns bekanntlich seit einigen Jahrzehnten mit großen Schritten in Richtung einer Wissensgesellschaft. Doch Wissen alleine reicht nicht aus. Wissen muss so aufbereitet und praxisorientiert vermittelt werden, dass sich hieraus die notwendigen Kompetenzen entwickeln können. Kompetenzen, die zur Steigerung der Innovationskraft der Unternehmen und zur Schonung unserer Ressourcen führen.

Hier ist die Ingenieurausbildung an den Hochschulen als die primäre Ressource von neuem Wissen und der Heranbildung von Kompetenzen im Besonderen gefordert! Wir dürfen uns nicht länger wie im Zeitalter der Industriegesellschaft auf technische Fragestellungen beschränken, sondern müssen uns vielmehr die ganzheitliche Betrachtung der ökonomischen, ökologischen und sozialen Auswirkungen unseres Handelns bewusst vor Augen führen und das immer im globalen Kontext! Unser Ziel muss sein, dass jeder Ingenieur eine internationale Perspektive bekommt, damit er seinen Beitrag zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen weltweit leisten kann. Der Erwerb dieser "ganzheitlichen Kompetenzen" hilft dem Ingenieur interdisziplinär zu denken und zu lernen sowie Produkte zu entwickeln, die den gesamtgesellschaftlichen und globalen Anforderungen gerecht werden.

Die künftigen Studienprogramme der Ingenieurwissenschaften

Die weltweiten Debatten um die globale Erwärmung, die Endlichkeit der fossilen Ressourcen, die unverhältnismäßigen Eingriffe in die Flora und Fauna und das Aussterben ganzer Spezies zwingen uns geradezu zum Umdenken. Viele Ingenieurvereinigungen haben längst erkannt, welche Erfordernisse mit der modernen Ausbildung von Ingenieuren verbunden sind, wenn diese die Herausforderungen der Zukunft in Übereinstimmung mit den UNESCO-Millenniumzielen meistern sollen. Jetzt sind die Hochschulen an der Reihe, die Ingenieurausbildung schrittweise dahingehend zu reformieren, dass die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts von den Ingenieuren auch bewältigt werden können.

Natürlich wird auch künftig ein Studienprogramm der Ingenieurwissenschaften ein breites Spektrum an Grundlagenwissen in Mathematik, Naturwissenschaften, Technologie und notwendigem interdisziplinären Wissen enthalten. Diese Fächer bilden das Fundament und den Kern für die Qualifikation eines jeden Ingenieurs. Das wichtigste Ausbildungsziel für die Ingenieure muss aber die aus dem Wissen abgeleitete Kompetenzentwicklung sein, die die angehenden Ingenieure für ihre künftigen Aufgaben benötigen. Mit anderen Worten, die Ingenieurausbildung muss sich zum einen für neue Inhalte öffnen und zum anderen sich stärker an den Bedürfnissen der Industrie und der Gesellschaft ausrichten. Das ist insofern wichtig, da es inzwischen kaum noch einen Industriezweig gibt, in welchem die ökologischen und gesellschaftlichen Auswirkungen bei der Produktentwicklung und -herstellung keine Berücksichtigung finden.

Diese kurze Beschreibung künftiger Anforderungen an die Ingenieurausbildung macht deutlich, dass noch viel Raum für Innovationen für die Entwicklung neuer Konzepte für die Ingenieurausbildung in der Zukunft vorhanden ist. Hier ist es vor allem wichtig, dass die Hochschullehrer sich der notwendigen Veränderung in der Ingenieurausbildung bewusst werden und ihre Rolle als Entwickler und Vermittler von neuem Wissen gerecht werden. 

Auf der Grundlage der bis hierher definierten Anforderungen an die künftige Ingenieursausbildung können wir auch eine Definition des künftigen Ingenieurs wagen: Der Ingenieur im 21. Jahrhundert muss in der Lage sein, mit dem raschen technologischen Fortschritt in einer immer stärker verflochtenen Weltwirtschaft Schritt zu halten und die komplexen multidisziplinären Probleme lösen zu können sowie die ihm zur Verfügung stehenden natürlichen und personellen Ressourcen möglichst effizient einzusetzen. Der Ingenieur der Zukunft sollte zudem in der Lage sein, sich zum Innovationsmanager und Unternehmertyp zu entwickeln, um damit in der Lage zu sein, ein Unternehmen zu führen, Wirtschaftspläne zu erstellen und wirtschaftliches Wachstum zu erzeugen.

Aus dieser Definition des modernen Ingenieurs ergibt sich, so meine ich, dass die Ingenieurausbildung, so wie wir sie kennen, dringend reformbedürftig ist. Die Verantwortlichen weltweit und vor allem in Europa haben diese Notwendigkeit bereits erkannt und die ersten Reformschritte zur Anpassung der Curricula eingeleitet.

Der europäische Einigungsprozess und die von der Europäischen Union (EU) propagierte "European Higher Education Area" – oder auch der "Bologna-Prozess" –  werden, nach meiner festen Überzeugung, dazu beitragen, dass sich die Lehre von Ökologie und Nachhaltigkeit im globalen Kontext als Bestandteil der Ingenieurausbildung über kurz oder lang durchsetzen wird. Derzeit ist es aber nach wie vor so, dass nationale Bildungssysteme Ausdruck von kultureller Identität einzelner Länder sind. Die nationalen Bildungssysteme weisen im Vergleich zueinander trotz vieler Gemeinsamkeiten oft auch erhebliche strukturelle Unterschiede auf. Diese gilt es durch die Herstellung von Vergleichbarkeit der Inhalte in der Ingenieurausbildung zu reduzieren.

Fazit

Ich möchte abschließend drei Kernforderungen nennen, um die Reformbemühungen der Ingenieurausbildung im globalen Maßstab voranzutreiben:
 
Erstens: Obwohl die Universitäten und Hochschulen weiterhin in ihren nationalen Bildungssystemen fest verankert bleiben, nehmen sie die Herausforderungen der Globalisierung sehr ernst. Faktisch sind viele dieser Hochschulen auch auf dem Weg, sich zu globalisieren, um so die Herausforderungen der Zukunft zu antizipieren. Für die künftigen Ingenieure, die an diesen Hochschulen ausgebildet werden, bedeutet dies eine verstärkte Integration des Nachhaltigkeitsgedankens in die Ausbildungsprogramme, um möglichst frühzeitig die Instrumentenbox zur Bewältigung künftiger Herausforderungen entsprechend zu erweitern und an die Erfordernisse anzupassen. Die Integration von Nachhaltigkeit als Prinzip in die Ingenieurausbildung weltweit soll einen Mehrwert für ausgebildete Ingenieure bedeuten und die Rolle des Ingenieurberufes als Vorreiter bei der Bewältigung der künftigen Herausforderungen festigen und ausbauen.

Zweitens: Um sicherstellen zu können, dass die künftigen Ingenieure den Herausforderungen der Zukunft effektiv und weltweit begegnen können, muss eine internationale Vergleichbarkeit von Ingenieurstudienprogrammen angestrebt werden. Diese Programme müssen nicht überall auf der Welt gleich sein, sie können selbstverständlich ihren nationalen Traditionen entsprechen, sie müssen nur vergleichbar bei ihren "Outcomes" sein.

Drittens: Diese Programme müssen den internationalen Kontext einer zunehmenden Verflechtung der Weltwirtschaft in einer multikulturellen Welt widerspiegeln und diesen Entwicklungen Rechnung tragen.

Ich denke, dass der Weltingenieurtag für die Positionierung unserer Berufsgruppe als globale Verantwortungsträger eine ideale Plattform bietet. Helfen Sie mit, die globale Verantwortung der Ingenieurinnen und Ingenieure dieser Welt zur Geltung zu bringen und diese in der Ingenieurausbildung zu vermitteln.«

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