Deutsche UNESCO Kommission e.V.

SCHRIFTGRÖSSE

Mai 2011

"Die beiden Nominierungen für das Memory of the World sind gut ausgewählt"

Interview mit Joachim-Felix Leonhard

Das Internationale Komitee für das UNESCO-Programm "Memory of the World" tagt vom 22. bis 25. Mai 2011 in Manchester. 80 Dokumente sind in diesem Jahr für das Register des Weltdokumentenerbes nominiert, darunter zwei deutsche Nominierungen: der Zwei-plus-Vier-Vertrag und 14 weitere Dokumente zum Bau und Fall der Berliner Mauer sowie das Benz-Patent von 1886. Den Nominierungsprozess hat Prof. Dr. Joachim-Felix Leonhard, Vorsitzender des Deutschen Nominierungskomitees, begleitet.

unesco heute: Herr Leonhard, die UNESCO zeigte zum 20. Jahrestag des Mauerfalls 2009 eine Ausstellung. Die Generaldirektorin Irina Bokova bezeichnete in ihrer Rede den Mauerfall als "das eigentliche Ende des Zweiten Weltkriegs". Ist die Aufnahme der Dokumente zum Bau und Fall der Berliner Mauer in das UNESCO-Register schon so gut wie beschlossen?

Joachim-Felix Leonhard
© DUK

Leonhard: Nein, denn der Entscheidung gehen intensive Beratungen des International Advisory Board in Manchester voraus. Dabei werden das Gesamtdossier, aber auch einzelne zum Bau und Fall der Mauer aussagefähige Dokumente bewertet. Das Deutsche Nominierungskomitee hat in der Vorbereitung gemeinsam mit Hans-Hermann Hertle als anerkanntem Fachmann für die Geschichte des Mauerbaus aus sehr vielen Hörfunk- und Fernsehaufnahmen, Fotos und Schriftstücken wenige, aber aussagefähige Dokumente zusammengeführt. Das Dossier auf einer DVD enthält sowohl Informationen als auch Impressionen, die die Menschen in allen Teilen der Welt sehr bewegt haben und noch heute in der Erinnerung bewegen. Frau Bokova hat mit ihrer Einschätzung schon recht. Wir sind im Blick auf die Beratungen und Entscheidungen in Manchester zuversichtlich.

unesco heute: Für das Weltregister sind der Zwei-plus-Vier-Vertrag und 14 weitere Dokumente nominiert. Welches Dokument hat für Sie die größte Bedeutung?

Leonhard: Das ist schwer zu sagen. Viele Menschen haben die Ereignisse, an die die Dokumente erinnern, seinerzeit direkt am Radio, im Fernsehen oder in der Zeitung verfolgt – ohne in diesem Augenblick ahnen zu können, welche Bedeutung dieses Ereignis später haben würde. Denken wir an die "stillen" Bilder der Berliner Abendschau, die verzweifelte Menschen im August 1961 beim Sprung aus Fenstern auf der Bernauer Straße zeigen; die Fernsehaufnahmen der Pressekonferenz, in der Günter Schabowski die Gültigkeit von Reiseerleichterungen "ab sofort" erklärt und damit eher unfreiwillig das eigentliche Ende der Mauer auslöst; die Bilder von Menschen, die noch an diesem Abend den Übergang an der Bornholmer Straße passieren. Diese Dokumente sprechen uns alle gleichermaßen an. Von größter historisch-politischer Bedeutung ist natürlich der "Zwei-plus-vier-Vertrag", weil er die Zeit des Kalten Krieges und die Nachkriegszeit völkerrechtlich verbindlich beendet.

unesco heute: Nominiert ist auch das "Benz-Patent". Hier handelt es sich um ein Dokument der Industriegeschichte. Wäre die Anerkennung als Weltdokumentenerbe ein Novum, oder verzeichnet das UNESCO-Register bereits industriegeschichtliche Zeugnisse aus anderen Ländern?

Leonhard: Das UNESCO-Register verzeichnet bereits einige Erfindungen aus einzelnen Ländern. Auch die Eintragung der Gutenberg-Bibel hebt ja nicht nur ein wichtiges Dokument der Geistes- und Kulturgeschichte hervor, sondern erinnert auch an die Erfindung des Buchdrucks. Für die Nominierung des Benz-Patentes war nicht nur der technikgeschichtliche Aspekt von Bedeutung, sondern auch die soziale und kulturelle Entwicklung, die davon ausging. Die heutige Mobilität der Menschen und der Transport von Gütern, der Austausch und der Handel - ohne die Erfindung des Automobils wären sie kaum vorstellbar.

unesco heute: Deutschland ist bereits mit elf Beiträgen im Register des Weltdokumentenerbes vertreten. Wie erklären Sie sich den Erfolg der deutschen Nominierungen?

Leonhard: Es die Herangehensweise bei der Auswahl und Bewertung von Vorschlägen. Die Mitglieder des Nominierungskomitees diskutieren, welcher geistige Hintergrund in dem Dokument zum Ausdruck kommt. Vor allem lenken wir stets den Blick darauf, was die anderen in der Welt als Zeugnisse unserer Kultur und Geschichte für bedeutend halten. Beethovens Neunte Symphonie ist beispielsweise bei vielen Menschen in der Welt bekannt. Auch die von den Brüdern Grimm gesammelten Märchen sind international verbreitet, weil sie in über 180 Sprachen übersetzt worden sind. Auch die Kooperation mit anderen UNESCO-Kommissionen bei länderübergreifenden Nominierungen hat die Akzeptanz der deutschen Vorschläge gefördert. Die Waldseemüllerkarte als gemeinsame amerikanisch-deutsche Nominierung ist dafür ein Beispiel. Die Nominierung der Reichenauer Prachthandschriften aus ottonischer Zeit erfolgte in Zusammenarbeit deutscher, französischer, luxemburgischer und italienischer Bibliotheken und Museen. Den Weg der internationalen Kooperation wollen wir weiter gehen.

Das Interview führte Farid Gardizi für unesco heute online

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