November 2010
Welterbe: Gebaute Öffentlichkeit als gesellschaftliche Herausforderung
Von Michael Braum und Carl Zillich
Baukultur ist immer die Korrespondenz zwischen einer Kulturleistung und dem Alltag der Menschen. Unsere gebaute Umwelt soll Orte bieten, an denen wir uns wohl fühlen, die wir nutzen können, die uns aber auch mal ins Staunen versetzen. Prof. Michael Braum und Carl Zillich von der Bundesstiftung Baukultur erläuterten auf der Jahrestagung der deutschen UNESCO-Welterbestätten am 13. Oktober 2010 auf der Zeche Zollverein in Essen, wie die Welterbestätten mit unserer Gegenwart korrespondieren.
In diesem kurzen Beitrag kann nicht auf die einzelnen Welterbestätten, sondern nur darauf eingegangen werden, wie diese mit unserer Gegenwart korrespondieren. Die Zeche Zollverein, wo wir uns heute befinden, ist ein Beispiel dafür: 2001 aufgenommen ins Welterbe und seitdem mit hohem Anspruch Schritt für Schritt weitergebaut.
Dabei darf nicht vergessen werden, dass es nicht allein um Objekte geht, die es zu bewahren, zu ergänzen oder hinzuzufügen gilt, sondern immer auch der Freiraum dazwischen adäquate Aufmerksamkeit bekommen muss. Wenn nicht, geht jeder Kulturanspruch verloren, denn Baukultur ist immer eine Integration unterschiedlicher Herausforderungen und Disziplinen. Genau dies unterscheidet sie von technischen, zumeist sektoralen Sichtweisen, wie sie unsere gebaute Umwelt allzu oft prägen. Auch bei der Kohlenwäsche auf Zollverein ist es nicht nur dem Architekten Böll gelungen, die Substanz herauszuarbeiten, sondern Rem Koolhaas hat es auch geschafft, zusammen mit neuen Anforderungen neue Identifikationsebenen einzubringen, was die Lebendigkeit des Ortes unter Beweis stellt.
Spätestens seit der Aberkennung des Welterbetitels von Dresden, ist uns bewusst, wie wir nur mit Einfühlvermögen und Qualitätssicherung dieses Label für uns, die Städte und deren Marketing nutzen können. Ziel muss dabei sein, diese Herausforderung als alltägliche Aufgabe zu begreifen. So wurde in Bremen die Bürgerschaft, das Parlamentsgebäude, mit höchstem Anspruch und gleichzeitiger Sensibilität gegenüber dem Welterbe Rathaus und Roland gebaut, ohne dass dies damals Thema gewesen wäre. 2004 wurden das Rathaus und die Rolandstatue in die Welterbeliste aufgenommen, bereits1966 stellte Wassili Luckhardt dieses Juwel der Nachkriegsmoderne fertig. Interessant ist dabei zu sehen, wie zu der damaligen Zeit die Verantwortung für das öffentliche Bauen selbstverständlich mit höchsten Qualitätsansprüchen verbunden war. Diesbezüglich wird es spannend werden, ab wann die UNESCO nicht nur die klassische Moderne, sondern auch die gebauten Visionen einer demokratischen Gesellschaft der Nachkriegszeit zum Welterbe erklärt. Verdient hätten sie es allemal.
Die Regel ist bis dato noch eine andere: Erst wenn der Titel "Welterbe" da oder beantragt ist, werden alle Kräfte mobilisiert, um das Beste zu wollen, zu ermöglichen und umzusetzen. Insofern liegt die Baukultur in Deutschland noch im Argen. Zudem führen verklärende Bilder des Vergangenen dazu, dass ein zeitgemäßes Weiterbauen oftmals blockiert wird. Geschichte soll, so wohl der Wunsch mancher Zeitgenossen, an eingefrorenen Bildern zugrunde gerichtet werden, indem sie angehalten wird. Hier tragen die Marketing-Macht der Bilder oder Kupferstiche sicher dazu bei, dass die gebaute Umwelt unterkomplex als "Disneyland" betrachtet und entsprechend willkürlich mit historischen Zeitschichten und dem Denkmalbegriff umgegangen wird.
Umso mehr freut man sich dann selbst über "Starchitekten", die – in Teilen nach Döllgasts Münchener Vorbild – eine ehrliche und qualitätvolle Geschichtsschreibung unserer Baukultur zustande bringen, ohne aufzutrumpfen oder zu verklären. Entscheidend sind bei Davis Chipperfields Weiterbauen der Berliner Museumsinsel eben nicht nur die Bilder, die es in die Imagebroschüren unserer Städte schaffen, sondern auch und vor allem die Innenräume und Orte, die dabei entstehen und Geschichte als Kulturleistung einer jeden Zeitschicht erfahrbar machen.
Ein besonderer Stellenwert kommt in diesem Kontext der Debatte über Rekonstruktion zu. Oftmals gut gemeint, zumeist als Kulturleistung fragwürdig, ist auch bei der Museumsinsel etwas richtig schief gegangen. Im Original befand sich an ihrem nordöstlichen Ende eine Brücke, bestehend aus zwei gemauerten Bögen von Ernst von Ihne. Die Ansprüche und Möglichkeiten unserer Zeit brachten unter Leitung von Bernhard Strecker einen Stahlkastenträger in einem Bogensegment hervor. Aber anstatt hier durch ein Arbeiten mit dem Kontext eine zeitgenössische Lösung zu qualifizieren, wurde, möglicherweise in vorauseilendem Gehorsam oder den Hütern des Weltkulturerbes entsprechend, ein unentschiedener Kompromiss eingegangen und der Stahlkorpus mit historisierender Steintapete verhängt und konstruktiv ad absurdum geführt. Die Natursteinverkleidung fügt sich ein, macht aber der ironischen Postmoderne alle Ehre, in der Material und Tragwerk so gar nicht zusammengehen wollen. Feigenblätter erzählen hier mehr von unserem Kulturverständnis, als uns lieb sein kann.
Dass ein Weiterbauen auch anders geht, zeigt das Trierer Beispiel. Als Teil der römischen Spuren sind die Kaiserthermen schon seit 1986 Welterbe. Mutig und erfolgreich wurde hier kontextuell und zugleich zeitgenössisch interpretiert. Anforderungen für Veranstaltungen brachten notwendige Interventionen mit sich, die streng, aber sensibel zu einem größeren räumlichen Thema entworfen wurden. Anstelle eines Ruinenfeldes gibt es hier zurückhaltende Aufbruchstimmung. Weiterbauen hat immer auch damit zu tun, aktuelle Nutzungen zuzulassen. Das Besucherzentrum und die Infrastruktur für den Ort als Teil unserer heutigen Gesellschaft zu begreifen, ist Oswald Mathias Ungers hier gelungen.
Erst zehn Jahre nach Trier, 1996, schaffte es der Kölner Dom auf die Welterbeliste. Und auch hier gibt es einige Stimmen, die das Bauen an unseren Kirchen über die Jahrhunderte in nachmodernen Zeiten nicht fortgesetzt sehen wollen. Zum Glück hat selbst die Katholische Kirche ein aufgeklärtes Kulturverständnis – man schaue sich nur Kolumba von Peter Zumthor an – sodass Gerhard Richter 2007 ein neues Fenster im Dom einfügen durfte. Seine zeitgenössische Intervention mag einigen als zu direktes Abbild unserer Gegenwart erscheinen, in seiner Wirkung wird es jedoch sofort zu einem selbstverständlichen Teil des Sakralraumes. Ein Zweiklang, der genau da ansetzt, wo ein Erbe angetreten wird: weiter mit ihm leben und es nicht zu Grabe tragen muss unser Anspruch sein.
Auf besondere Art und Weise sensibel ist der stadträumliche Kontext, da hier immer unterschiedliche Welten zusammentreffen und sich Öffentlichkeit in mehrfacher Hinsicht konstituiert. So auch in Eisleben, dessen Luthergedenkstätten seit 1996 Welterbe sind. Das Geburtshaus bot jedoch keine Möglichkeit, den Anspruch von Tourismus und Vermittlung aufzunehmen. Jörg Springer gewann den Wettbewerb und konnte bis 2007 seine Sensibilität, aber auch seinen Willen zur Zeitgenossenschaft unter Beweis stellen. In aller Zurückhaltung, aber dennoch lesbar, ergänzte er das stadträumliche Gefüge. Gleichzeitig stiftete er aber auch Identifikation für die Gegenwart. Dieser öffentlichen Verantwortung gerecht zu werden, ohne die Gesellschaft dabei mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner zu beglücken, muss unser Ziel sein. Ein Bildungsauftrag für alle Verantwortungsträger.
Besonders interessant wird es bei Orten wie der Grube Messel, Welterbe seit 1995, da die Landschaft und das, was sie an Geschichte in sich trägt, schon von sich aus der dynamischen Veränderung unterworfen ist. Umso mehr können zeitgenössische Interventionen helfen, eine Markierung unserer Zeit zu setzen, die nicht nur Funktionen erfüllt, sondern darüber hinaus eine Botschaft ausstrahlt – eine Gegenwart, die ständig vergeht, in diesem reflexiven Sinne auch modisch sein darf.
Heikel wird es, wenn städtebauliche Strukturen und Ensembles nicht verstauben sollen, sondern weiterleben bzw. aufleben. Unsere Ökonomie der Aufmerksamkeit und der wirtschaftlich darstellbaren Maßstäbe von Investitionen stellt alle Verantwortlichen vor außerordentliche Herausforderungen. Fremd und zugleich in der Gegenwart zu Hause zu sein ist eine Gratwanderung, wie sie Christoph Ingenhoven 2005 in Lübeck mit einem Modekaufhaus suchte. Zeitgeistig konsequent zu sein zeugt nicht immer von Einfühlvermögen, bringt aber ein prägnantes und ehrliches Bild seiner Zeit hervor – so schwer sich das Gebäude auch mit dem städtebaulichen Kontext tut.
Stralsund, dessen Altstadt 2002 zusammen mit Wismar Welterbe wurde, stand vor einer ähnlichen Herausforderung, die in einem international offenen zweistufigen Wettbewerb gelöst wurde. Hier suchten Behnisch Architekten die Quadratur des Kreises: den gewünschten "Bilbao-Effekt" zu liefern, dabei jedoch mit und nicht gegen die Stadtansicht zu arbeiten und sich schlussendlich auch zurückzunehmen. Ein besonderes Beispiel, um über Ablesbarkeit von Zeitschichten und Welterbestatus nachzudenken. Baukultur ist immer wieder ein komplexes und kompliziertes Unterfangen, aber Beispiele wie diese machen Mut, dass nicht nur Bilder, sondern auch Bedingungen einer jeden Epoche Qualität hervorbringen, die für sich und in der Kontinuität der Geschichte stehen können. Mit einer Kombination aus maritimer Einfachheit und spannungsreicher Raumkomposition wird das "Ozeaneum" nicht nur von den Touristen angenommen, sondern hat auch der Bevölkerung ein Stück Glauben an die Zukunftsfähigkeit ihrer Stadt zurückgegeben.
Anders stellt sich dies aus baukultureller Perspektive bei der benachbarten Rügenbrücke dar. Sie sollte genauso beispielhaft sein, wie der Museumsneubau. Obwohl von der UNESCO akzeptiert wurde, an einigen Stellen Gestaltungsanspruch einzulösen, geht sie brutal mit dem städtischen Kontext um, nicht aus der Fernsicht, die unbestritten Qualitäten hat, vielmehr an den Punkten, an denen sie im städtischen Umfeld ankommt. So gesehen ist sie doch nicht viel mehr als ein Zeugnis unseres Gegenwartkultes der Automobilität.
Dies führt zu dem abschließenden Aspekt: unser Umgang mit der Verkehrsinfrastruktur im Kontext Welterbe. Hier werden technische Ansprüche – wenn es gut läuft – baukulturell verpackt, ein kultureller Diskurs auf Augenhöhe findet in der Regel nicht statt. So auch im Mittelrheintal, wo intelligente Verkehrsplanung sicher eine bescheidenere Lösung ermöglicht hätte. Alle beteiligten Planer sind stolz auf das "grüne Licht" der UNESCO für die Brücke bei St. Goar. Tatsächlich wurde in einem sauberen Verfahren eine gestalterisch akzeptable Lösung gefunden. Ob der Vorschlag einer Brücke dem seit 2002 als Welterbe geltenden Mittelrheintal am besten die Zukunft sichert, bleibt offen. Verkehr ist – nicht erst seit den Debatten von Dresden und Stuttgart – dasjenige Thema, an dem sich unsere Kultur des Bauens schärfen muss. Gerade wenn sich Technik und Kunst gegenüberstehen, geht es um Dialogfähigkeit. Es bleibt immer eine Frage der Perspektive und der Kompetenz, die eine Beurteilung der Auswirkung von stetigen Veränderungen unserer gebauten Umwelt bedingen. Und wenn wir uns aus der Distanz kultureller Diskurse lösen, geht es immer auch um die Nutzer, die in ihrem Alltag betroffenen Menschen oder den Fährmann am Rhein. Die spannende Frage, inwieweit die materielle Geschichte von der gelebten Geschichte zu entkoppeln ist, wird auch an einer schönen neuen Welt auf Zollverein vorgeführt. Radikale Transformationen haben Konsequenzen, die wir als Gesellschaft mit Transparenz und Verstand abwägen und entscheiden müssen.
Baukultur hat dementsprechend mehr mit Weiterbauen als mit Bewahren zu tun. Im Grunde geht es dabei um unsere Wahrnehmung und die Wahrnehmung aller Menschen, die im oder am Welterbe leben. Gäbe es einen Eintrag in die Welterbeliste auf Zeit, so müsste die Sperrung des Ruhrschnellweges für einen Tag diese anführen, da die Möglichkeiten des Räumlichen selten so beeindruckend vorgeführt wurden, wie an diesem eigentlich unwirtlichen Ort. In diesem Sinne brauchen wir alle mehr Sensibilität im Dreiklang von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Eine gesunde Streitkultur sollte die Grundlage bilden. Wie es Bundespräsident Johannes Rau einmal richtig ausdrückte: "Baukultur braucht Qualitätsmaßstäbe. Die Kriterien für Qualität lassen sich nicht normieren und reglementieren. Sie müssen im Dialog, im produktiven Streit, immer wieder neu erarbeitet und im konkreten Fall abgewogen werden." In diesem Sinne: Glück auf unserem gemeinsamen Anliegen der Baukultur!
unesco heute online • Redaktion: Farid Gardizi / Kurt Schlünkes
Verantwortlich: Dieter Offenhäußer • Deutsche UNESCO-Kommission e.V.
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