Lebenslanges Lernen in Europa: Auf dem Weg zu den EFA-Zielen und der CONFINTEA V Agenda. Aufruf zum Handeln
der Sofia-Konferenz für Erwachsenenbildung, 9. November 2002.
Präambel
Zweihundert Delegierte aus Europa, Nordamerika und Zentralasien nahmen vom 6. bis 9. November 2002 in Sofia, Bulgarien, an der Konferenz „Lebenslanges Lernen in Europa: Auf dem Weg zu den EFA-Zielen und der CONFINTEA V Agenda“ teil. Teilgenommen haben Minister/-innen, Parlamentarier/-innen, Bedienstete staatlicher und internationaler Organisationen, Vertreter/-innen von Nicht-Regierungsorganisationen, Erwachsenbildner/-innen aus Wissenschaft und Praxis. Die Konferenz wurde vom Ministerium für Bildung und Wissenschaft der Republik Bulgarien, von der UNESCO und ihrem Institut für Pädagogik (UIE), der Generaldirektion Bildung und Kultur der Europäischen Union, dem Europäischen Verband für Erwachsenenbildung (EAEA) sowie dem Institut für Internationale Zusammenarbeit des Deutschen Volkshochschul-Verbandes (IIZ/DVV) getragen.
Die Teilnehmenden der Konferenz befürworteten entschieden die Beschlüsse des Dakar-Rahmenplans „Bildung für Alle“ (EFA), die CONFINTEA V-Agenda (die Beschlüsse der 1997 in Hamburg abgehaltenen Fünften Weltkonferenz zu Fragen der Erwachsenenbildung), den CONFINTEA V-Zwischenbericht, sowie die bildungspolitische Orientierung der Europäischen Kommission auf „Lebenslanges Lernen (LLL) und Bildung“. Ebenso wurden die von der Europäischen Kommission verfolgten politischen Maßnahmen zu LLL begrüßt, die die Gleichstellung der Geschlechter und das Interkulturelle Lernen fördern, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit bekämpfen sowie die soziale Integration, auch von älteren Lernenden und von Menschen mit Behinderungen, unterstützen sollen.
Aufruf zum Handeln
Der „Aufruf zum Handeln“ der Sofia-Konferenz möchte ausdrücklich die bisher im Rahmen von EFA, CONFINTEA V und „Lebenslangem Lernen“ geleistete hervorragende Arbeit wür¬digen und zugleich die Notwendigkeit unterstreichen, bei der Umsetzung der Ziele von EFA, CONFINTEA V und LLL kontinuierlich voranzukommen. Wir spenden den Bemühungen, mit den politischen Maßnahmen und Praktiken von EFA und LLL die Bevölkerung im schulpflichtigen Alter zu erreichen großen Beifall, möchten aber darauf hinweisen, dass den Lernbedürfnissen Erwachsener in vielen Ländern nur unzureichende Aufmerksamkeit gewidmet wird. Wir denken, dass der Zugang zu Bildung und Lernen ein Grundrecht darstellt, das allen Menschen – unabhängig vom Lebensalter – offen stehen muss. Wir sehen die Gefahr, dass EFA („Education for All“) die Bedeutung „Bildung für Alle, außer für Erwachsene“ („Except for Adults“) erlangen könnte. Wir sind davon überzeugt, dass die Lernbedürfnisse von Erwachsenen in den sich entwickelnden Ländern nicht vernachlässigt werden dürfen, denn das allgemeine Bildungsniveau von Eltern anzuheben, ist ein Schlüsselfaktor dafür die Bildungsziele bei Kindern und Jugendlichen und umfassende Entwicklungsziele zu erreichen.
Von der Konferenz festgestellte Kritikpunkte
1. Eine bessere Verknüpfung der verschiedenen bildungspolitischen Konzeptionen der in diesem Bereich aktiven multilateralen Organisationen ist notwendig.
2. Die Bildung von Erwachsenen hat bei der Umsetzung der EFA-Konzeption in vielen Ländern nur geringe Priorität.
3. In ähnlicher Weise wird in vielen Ländern die Rolle der Erwachsenenbildung für das lebenslange Lernen nur unzureichend berücksichtigt, obwohl alle Konzeptionen des „Lebenslangen Lernens“ die Bedeutung der Erwachsenenbildung betonen.
4. Die CONFINTEA V-Agenda ruft zu gemeinsam abgestimmtem nationalem und internationalem Handeln auf, das möglichst viele Beteiligte und Akteure einbeziehen soll. Viele Staaten müssen jedoch ihre Anstrengungen verstärken, um die in Hamburg eingegangen Verpflichtungen zu erfüllen und das Handeln der in ihren Ländern beteiligten Akteure besser koordinieren, wollen sie die Agenda umsetzen.
5. Vielen Ländern fehlen die für eine Verbesserung der Erwachsenenbildung notwendigen politischen Konzepte, Rahmenbedingungen und Strukturen. Erforderlich hierzu sind neue gesetzliche Grundlagen, eine ausreichende finanzielle Förderung, geeignete insti¬tutionelle Strukturen, effiziente Verwaltungssysteme, Qualitätsstandards und Bedingungen, die effizient Partnerschaften und Lobbyarbeit unterstützen.
6. Die Konferenz stellte fest, dass weder die nicht-formelle noch die informelle Erwachsenenbildung eine mit der formellen Erwachsenenbildung gleichrangige Stellung inne hat. Sie stellte weiterhin fest, dass in den meisten Ländern bei der Finanzmittelzuteilung die berufliche Erwachsenenbildung Vorrang hat zu Lasten von Bildungsmaßnahmen, die auf zivilgesellschaftliches Engagement und Selbstverwirklichung zielen.
7. Während das zahlenmäßige Gleichgewicht zwischen Frauen und Männern unter den Teilnehmenden der Sofia-Konferenz als ein Beispiel guter Praxis Anerkennung fand, wurde auch festgestellt, dass in vielen Ländern eine geschlechtssensible Überprüfung der Konzeptionen und Angebote der Erwachsenenbildung vollständig fehlt.
8. Die Konferenz zeigte sich besorgt über ein immer eingeschränkteres Verständnis der Grundfertigkeiten als Gegenstand der Erwachsenenbildung, sich in zurückgehender Förderung von Bildungsmaßnahmen mit kulturellen und gesundheitlichen Themen und mit Zielstellungen demokratischer Partizipation und nachhaltiger Entwicklung spiegelt.
9. Die Konferenz zeigte sich besorgt darüber, dass teilnehmerorientierte Ansätze und die aktive Partizipation der Lernenden am Lernprozess nicht regelmäßiger Bestandteil aller Konzeptionen und Maßnahmen der Erwachsenenbildung ist.
10. Die Konferenz äußerte Besorgnis über den langsamen Fortschritt bei der Anerkennung und Testierung der Lernergebnisse nicht-formeller und informeller Erwachsenenbildung.
11. Einige Teilnehmende hatten Schwierigkeiten, die notwendigen Informationen zu erlangen, um auf der Konferenz über die Leistungen ihres Landes bezüglich der verschiedenen von EFA, CONFINTEA V und LLL gesetzten Ziele berichten zu können. Einhellig wird aber die regelmäßige und konsistente Berichterstattung über die diesbezüglichen Fortschritte für notwendig gehalten.
12. Es bestehen zu geringe Möglichkeiten für internationalen Austausch über Forschung, Methoden, Lehrpläne, Modelle, Rahmenbedingungen und Praktiken.
Die Empfehlungen des Aufrufs zum Handeln
Der ‚Aufruf zum Handeln’ der Sofia-Konferenz wendet sich an alle Beteiligten und Betroffenen, nämlich all diejenigen, die das Mandat und die Macht haben, um die im Folgenden ausgesprochenen Empfehlungen in die Tat umzusetzen. Zu den zentralen Akteuren im Bereich der Bildungspolitik gehören unter anderem: die UNESCO, die Europäische Kommission, das Europäische Parlament, der Nordische Ministerrat, der Europarat, die OECD, kommunale, regionale und nationale Parlamente und Regierungen, sowie die Sozialpartner und Nichtregierungsorganisationen.
1. Wir empfehlen, den Bemühungen der UNESCO und der Europäischen Kommission um eine größere Kohärenz zwischen den Zielen von EFA, CONFINTEA V und LLL hohe Priorität beizumessen. Bei dieser Arbeit müssen die spezifischen konzeptionellen Ziele für die Erwachsenenbildung, die innerhalb jeder dieser Initiativen entworfen wurden, deutlicher sichtbar werden, wenn sie tatsächlich erreichet werden sollen.
2. Wir regen an, die Schaffung von formellen, nicht-formellen und informellen Lernmöglichkeiten gleichrangig zu fördern. Partnerschaften zwischen staatlichen, öffentlichen und nicht-staatlichen Sozialpartnern müssen gestärkt werden, wenn diesen unterschiedlichen Lernbedürfnissen Erwachsener weltweit entsprochen werden soll.
3. Die finanzielle Förderung der formellen, informellen und nicht-formellen Erwachsenenbildung muss in den Ländern erhöht werden, die ihren Verpflichtungen in der Erwachsenenbildung noch nicht nachgekommen sind.
4. Regierungen auf allen Ebenen müssen sicherstellen, dass in ihren Konzeptionen und Praktiken des ‚Lebenslangen Lernens’ die Erwachsenenbildung ein ausdrücklich benannter und integrierter Bestandteil bleibt. Die Regierungsstellen, die unter den jeweiligen nationalen Verfassungen für Bildung verantwortlich sind, müssen der Schaffung von lokalen, regionalen und nationalen Rahmen und Strukturen für die Entwicklung, Koordination, Qualitätsüberprüfung, Evaluierung und Finanzierung von Erwachsenenbildung hohe Priorität einräumen.
5. Wir empfehlen, dass das Grundbildungsangebot neben Lesen, Schreiben, Rechnen und Kommunikationstechniken, auch die Vermittlung solcher Fertigkeiten und Kenntnisse umfassen soll, die es den Menschen mehr als bisher ermöglicht, in vollem Umfang am sozialen, kulturellen, politischen und ökonomischen Leben ihrer jeweiligen Gemeinschaft teilzunehmen. Ebenso müssen zusätzliche Mittel angewiesen werden, um das Lernen Erwachsener für ihr aktives zivilgesellschaftliches Engagement und ihre Selbstverwirklichung zu unterstützen.
6. Die Entwicklung von teilnehmerorientierten Konzeptionen und Praktiken und die Ermutigung der Lernenden in jeder Phase des Lernprozesses, von der Planung bis hin zur Evaluierung, aktiv mitzuwirken, sollte Priorität genießen.
7. Wir brauchen umfassende lokale, regionale und nationale statistische Datenerfassungssysteme der Erwachsenenbildung. Diese Daten sind notwendig, um Maßstäbe festzusetzen, um Bedarfsanalysen durchzuführen, um die Durchführung zu planen, zu überprüfen, über sie zu berichten und sie zu evaluieren und um international vergleichende Studien durchführen zu können. Beschäftigungsstatistiken sollten einen Abschnitt über Beschäftigung in der Erwachsenenbildung sowohl in den staatlich finanzierten, kommerziellen, nicht-staatlichen und selbständigen Sektoren enthalten.
8. Wir glauben, dass regelmäßige Berichte über den Fortschritt bei der Erreichung der bildungspolitischen Ziele notwendig sind. Dies gilt gleichermaßen für den EFA-Rahmen wie für die CONFINTEA V Agenda. Deshalb empfehlen wir, dass den beteiligten Akteu¬ren und der UNESCO jährlich nationale Berichte über den geleisteten Fortgang vorgelegt werden sollten.
9. Die Notwendigkeit dieser Jahresberichte sollte in dem CONFINTEA V + VI Zwischenbericht noch einmal hervorgehoben werden. Zusätzlich sollte der sogenannte ‚Shadow-Report’ „Das Recht, ein Leben lang zu lernen“, der über die bisherigen Fortschritte bei der Umsetzung der CONFINTEA V Prioritäten Auskunft geben soll und unter Leitung des Internationalen Rates für Erwachsenenbildung (ICAE) von Nichtregierungsorganisationen vorbereitet wird, ein wichtiger Bestandteil des Berichtes für das Jahr 2003 sein.
10. Um sicher zu stellen, dass Jahresberichte umfassend und vollständig sind, müssen Maßstäbe und Indikatoren sowie angemessene Überprüfungs- und Berichterstattungsverfahren entwickelt werden. Das UIE sollte bei der Entwicklung dieser Instrumente eine Schlüsselrolle spielen und in Kooperation mit dem UIS (Statistisches Institut der UNESCO) bei der Einrichtung und Tätigkeit einer EFA-Beobachtungsstelle in der Europäischen Region mitwirken.
11. Quantitative wie qualitative Instrumente müssen weiterentwickelt und angewendet werden, mit denen die Anwendung geschlechtersensibler Konzepte im Erwachsenenbildungsangebot überprüft werden können.
12. Es sind umfassende Systeme für die Bescheinigung und Anerkennung von Lernergebnissen der formellen, nicht-formellen und informellen Erwachsenenbildung zu entwickeln. Einen Hauptbestandteil hiervon muss ein System für die Anerkennung früher erworbenen Wissens ausmachen.
13. Internationale Kooperation und die Möglichkeiten interkulturellen Lernens müssen ausgeweitet werden, um die Konzeptionen und Praktiken der Erwachsenenbildung zu bereichern und einen Beitrag zu Frieden und Aussöhnung zu leisten, insbesondere auf dem Balkan, im Kaukasus und in der Mittelmeerregion.
14. Wir empfehlen die Gründung einer europäisch-afrikanischen EFA-Partnerschaftsinitiative auf der Grundlage des ‚2002 Monitoring Report on Education for All: Meeting Our Collevtice Commitments’ (Bericht „Bildung für Alle 2002: Erfüllung unserer gemeinsamen Verpflichtungen“) und der Tatsache, dass viele der auf der Sofia Konferenz vertretenen Länder Geberländer für Entwicklungsländer sind. Diejenigen afrikanischen Länder, die mit ihrer gegenwärtigen Entwicklungsgeschwindigkeit nicht in der Lage sein werden, bis 2015 den Analphabetismus ihrer erwachsenen Bevölkerung zu halbieren, sollten im Rahmen der hier vorgeschlagenen Initiative mit den notwendigen Mitteln ausgestattet werden, dieses Ziel noch im Rahmen der UN-Alphabetisierungsdekade 2003-2012 zu erreichen.
Übersetzung: Inoffizielle Übersetzung der Deutschen UNESCO-Kommission.
Der englische Originaltext ist auf der Website der UNESCO verfügbar.



