Deutsche UNESCO Kommission e.V.

SCHRIFTGRÖSSE

August 2009

"Gegen das kollektive Vergessen"

Interview mit Joachim-Felix Leonhard

Das Komitee für das UNESCO-Programm "Memory of the World" hat Ende Juli 35 Dokumente neu in das Register aufgenommen – darunter sind die Tagebücher der Anne Frank, das Nibelungenlied und die Magna Charta. Prof. Dr. Joachim-Felix Leonhard, Vorsitzender des Deutschen Nominierungskomitees, hat an der Tagung auf Barbados teilgenommen. Im Interview mit unesco heute berichtet er von seinen Eindrücken.

Joachim-Felix Leonhard
© DUK

unesco heute: Herr Leonhard, was waren aus Ihrer Sicht die wichtigsten Ergebnisse der Tagung?

Joachim-Felix Leonhard: Sehr erfreulich ist für uns in Deutschland natürlich die Aufnahme des Nibelungenliedes. Die Sage ist nicht nur ein deutscher Mythos, sie steht stellvertretend auch für andere Mythen in anderen Völkern und Nationen. Es war faszinierend zu hören, dass Kollegen aus anderen Nationen diese mittelalterliche Handschrift aus Europa genauso bedeutend finden wie das altbabylonische Epos Gilgamesch.

unesco heute: Das Memory of the World verzeichnet jetzt 193 Dokumente aus aller Welt. Wird das Register dem Anspruch gerecht, das kulturelle Gedächtnis der Menschheit zu repräsentieren?

Leonhard: Wir sind auf einem guten Weg. Dies zeigt die typologische und kulturgeschichtliche Vielfalt der Dokumente, die jetzt in das UNESCO-Register aufgenommen wurden - die Tagebücher der Anne Frank aus Holland, das Pol Pot-Archiv in Kambodscha, die Donguibogam-Handschrift zur Medizin aus Korea, eine Steininschrift aus Malaysia und ein Register von Sklaven aus der Karibik. Bemerkenswert ist übrigens, dass 15 der 35 Neuaufnahmen aus den karibischen Staaten kommen. Die Menschen identifizieren sich dort sehr stark mit ihrer eigenen Kultur und ihrer Geschichte.

Register der Sklaven
© St. Kitts Nationalarchiv
Tagebücher der Anne Frank
© AFF Basel / AFS Amsterdam
Terengganu-Inschrift
© Terengganu State Museum

unesco heute: Welche der Neuaufnahmen sehen Sie als besonders wichtig an?

Leonhard: Die Aufnahme der Tagebücher von Anne Frank ist aus meiner Sicht sehr bedeutend. Es ist ein erschütterndes Zeitdokument einer jungen Jüdin, die sich lange vor den Nazis in Amsterdam verstecken konnte und doch im KZ Bergen-Belsen umkam. Dieses eigentlich persönliche Buch, das ja nach dem Zweiten Weltkrieg in 55 Sprachen übersetzt wurde, ist heute ein wichtiges Dokument gegen das kollektive Vergessen – und zwar der ganzen Menschheit, damit sich ähnliches nicht mehr wiederholt.

unesco heute: Das Nibelungenlied fasziniert seit Jahrhunderten die Menschen, die Festspiele in Worms und Bayreuth wären ohne Siegfried und Kriemhild undenkbar. Was macht die Nibelungen so reizvoll?

Leonhard: Die Sage hat eine starke mythische, erzählerische Dichte. Sie ist voller Leidenschaft, aber auch voller Konflikte, in ihr finden sich nahezu alle strafrechtlichen Tatbestände, die man sich vorstellen kann. Die Nibelungen stehen für eine große Kulturtradition in Europa, für eine Art roten Faden von Island bis nach Ungarn – ähnlich wie der Limes, der von Schottland bis nach Bulgarien verläuft. Was früher Anlass für Konflikt und Trennung war, verbindet sich heute im Rahmen der europäischen Integration. Und ein gemeinsamer Eintrag in das Weltdokumentenerbe ist Teil davon.

unesco heute: Aus Deutschland stehen jetzt elf Dokumente im Memory of the World-Register. Was könnten bei uns die Themen in den kommenden Jahren sein?

Leonhard: Ereignisse der Zeitgeschichte bleiben weiterhin ein großes Thema, etwa Dokumente zum Fall der Berliner Mauer oder zum Auschwitz-Prozess. Aber auch wissenschaftliche Entdeckungen und Erfindungen, Musik und Literatur werden sicher eine Rolle spielen. Dabei ist es egal, ob die Inhalte in Filmen, Handschriften, Patenten, auf Tonbändern, Schallplatten oder in Büchern überliefert sind. Entscheidend ist, was die anderen in der Welt von uns erwarten, und nicht, was wir ihnen etwa beibringen wollen. Wichtig sind deshalb in Zukunft auch kooperative Vorschläge, gemeinsam mit anderen UNESCO-Kommissionen. Dokumente der Medizingeschichte zum Beispiel haben überraschend vieles gemeinsam, auch wenn sie kulturell und wissenschaftlich unterschiedlich interpretiert werden.

unesco heute: Weltdokumentenerbe bedeutet nicht nur Auszeichnung, sondern auch Verpflichtung. Was heißt das für den jeweiligen Staat?

Leonhard: Die Staaten und die Träger der Institutionen müssen dafür sorgen, dass die Originale erhalten bleiben. Die Dokumente müssen vor Ort und im Internet weltweit dem Publikum zugänglich sein. Und Bibliotheken, Archive und Museen müssen die ausgewählten Dokumente auch pädagogisch aufarbeiten, damit nachfolgende Generationen von den Ereignissen, Erfindungen und Entdeckungen lernen.

unesco heute: Es gibt inzwischen drei Listen: das Weltkulturerbe, das Weltdokumenterbe und das immaterielle Erbe. Kritiker sagen, die UNESCO inventarisiere die Kultur vor allem?

Leonhard: Diese Kritik ist sicherlich nicht ganz unberechtigt. Es muss gelingen, die drei Erbe-Systeme stärker zu vernetzen. Sie haben eigentlich alle das gleiche Ziel. Sie wollen erinnern und die Gedächtnisbildung in der globalen Lerngemeinschaft stärken. Oft befinden sich Dokumente nicht mehr an dem Ort, wo sie entstanden sind. So sind die Reichenauer Handschriften heute verstreut in einzelne Bibliotheken Europas. Die Handschriften zählen zum Weltdokumentenerbe, das Kloster Reichenau im Bodensee ist Weltkulturerbe. Es wäre nicht schlecht, auch im touristischen Interesse, wenn die drei Erbe-Systeme gemeinsame Strategien entwickeln.

Das Interview führte Farid Gardizi für unesco heute.


unesco heute online • Redaktion: Dieter Offenhäußer / Kurt Schlünkes
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