November 2007
International Year of Planet Earth 2007-2009
Ein Beitrag aus: Wissen hoch 12 - 2007/2008, Springer Verlag, Heidelberg
Die Geoforschung ist eine sehr zukunftsorientierte Wissenschaft. Denn die Forscher am System Erde nutzen ihr Wissen über die Gesetzmäßigkeiten und Prozesse unseres Planeten, um daraus Prognosen und Lösungen für die Zukunft zu entwickeln. Das International Year of Planet Earth ist eine gemeinsame Initiative der "International Union of Geological Sciences" (IUGS) und der UNESCO und unterstützt von 2007 bis 2009 weltweit Forschungsprojekte und Aktivitäten für die Öffentlichkeit.

- © NASA/GSFC
Die wachsende Weltbevölkerung und die dadurch immer knapper werdenden Rohstoffe und Energieressourcen, die zunehmende Gefährdung der Umwelt, die drohende Klimaveränderung – dies sind die Themen, an denen Geowissenschaftler heute immer mehr forschen. Als Spezialisten für vergangene Katastrophen und ökologische Umschwünge profitieren sie dabei von ihrer historischen Tradition, von ihrem Einblick in die Prozesse, die die Erde immer wieder verändert und geprägt haben. Klimatologen kennen die launische Temperaturkurve des Patienten Erde und entwickeln daraus Prognosen für die Zukunft, Geologen und Geophysiker nutzen ihr Wissen, um die dramatischen Prozesse im Inneren der Erde, um Frühwarnsysteme und Vorsorgemaßnnahmen zum Schutz vor Erdbeben oder Vulkanausbrüchen zu entwickeln. Geografen, Geodäten, Geoinformatiker und Geoökologen ermitteln mithilfe von High- und Lowtech-Methoden umweltverträgliche Bahn- oder Straßentrassen oder suchen nach ökologisch vertretbaren Standorten und Möglichkeiten der Abfall- und Altlastenentsorgung.
Doch die Geowissenschaftler nutzen nicht nur das aus der Vergangenheit Gelernte für die Zukunft, sie sitzen auch an einer Schnittstelle zwischen naturwissenschaftlicher Grundlagenforschung und praktischer, anwendungsorientierter Ingenieursarbeit. Entscheidend wichtig ist dies vor allem dort, wo es um die optimale und effektive Nutzung der ohnehin immer knapper werdenden Ressourcen geht. Schon John F. Kennedy erkannte dies im Jahr 1961: "Unsere gesamte Gesellschaft ist begründet auf – und abhängig von – unserem Wasser, unserem Land, unseren Wäldern und unseren Rohstoffen. Wie wir diese Ressourcen nutzen, beeinflusst unsere Gesundheit, Sicherheit, Wirtschaft und unser Wohlergehen." Genau das soll auch das Jahr 2008 in besonderer Weise deutlich machen: Denn die UN-Vollversammlung hat dieses Jahr zum "International Year of Planet Earth" erklärt und damit die größte jemals durchgeführte Initiative zur Förderung der Geowissenschaften weltweit lanciert. Gut zwei Jahre lang, von Ende 2007 bis Ende 2009 wird die Aktion dauern. In ihrem Rahmen werden einerseits geowissenschaftliche Projekte verstärkt gefördert, andererseits aber wollen die Geowissenschaftler nun die Gelegenheit nutzen, die Bedeutung ihrer Arbeit für Umwelt und Gesellschaft auch der breiten Öffentlichkeit noch stärker zu vermitteln. Zehn Themen stehen im Fokus:

- © DOE
Grundwasser: Reservoir für einen durstigen Planeten?
Ein Großteil der Menschen weltweit hat keinen oder kaum Zugang zu sauberem Trinkwasser – und dies, obwohl tief unter ihren Füßen durchaus ausreichend Grundwasser, die Hauptquelle für Trinkwasser, zur Verfügung stünde. Diese wertvolle Ressource aufzuspüren und so nachhaltig zu nutzen, dass sie auch für kommende Generationen noch reicht, das ist eine der vielen Aufgaben der Geowissenschaftler.
Georisiken: Gefahr minimieren, Bewusstsein maximieren
Die Erde ist ständiger Veränderung unterworfen – und kann dabei ein ziemlich gefährlicher Ort sein: Vulkanausbrüche, Erdrutsche, Stürme oder Erdbeben bedrohen und zerstören immer wieder menschliche Siedlungen und fordern jedes Jahr zahlreiche Todesopfer. Häufig allerdings könnten diese durch eine bessere Kenntnis der Risiken und entsprechende Vorbeugungsmaßnahmen vermieden oder zumindest minimiert werden.
Erde und Gesundheit: für eine sicherere Umwelt
Jeder Mensch, der in einer engen, lauten, smoggeplagten Großstadt lebt, weiß, wie sehr unsere Umwelt unsere Gesundheit bestimmt. Neben dem menschlichen Einfluss sind es dabei aber auch natürliche, geographische und geologische Faktoren, die die Wirkung der Umwelt auf unseren Organismus mitbestimmen: Ob die anregende, salzgeschwängerte Seeluft, die herbe Bergwelt oder die feuchte Üppigkeit der Tropen – die Natur hat immer ein Wort mitzureden.
Klimawandel: Die "steinernen Zeugen"
Vieles, was wir über das Klima der Gegenwart und Zukunft wissen, haben wir aus der Vergangenheit, aus den Ablagerungen und Gesteinen der Vorzeit, gelernt. Geowissenschaftler interpretieren und erforschen dieses steinerne Klimaarchiv und öffnen uns so ein Fenster in die Klimageschichte der Erde. Es gibt wertvolle Hinweise auf die Funktionsweise und Wechselwirkungen von Atmosphäre, Erde und Ozean und ermöglicht damit erst Prognosen für die zukünftige Entwicklung des Planeten.
Erde und Leben: Die Ursprünge der Vielfalt
Die Erde ist ein Planet voller Leben – und unterscheidet sich damit von allen anderen Planeten des Sonnensystems. Erst die Kombination aus Klima, Umwelt und Geologie ermöglichte vor gut 2,7 Milliarden Jahren die Entstehung der ersten Organismen. Und auch heute noch hängt alles Leben von dem komplexen System Erde ab. Die brennendste Frage der Gegenwart und Zukunft ist daher: Wie schaffen wir es, die Vielfalt des Lebens auf diesem Planeten zu erhalten, wie können wir der Zerstörung von Lebensräumen und der Veränderung des Klimas entgegenwirken. Eine große Rolle bei der Beantwortung dieser Frage kommt den Geowissenschaften zu. Denn sie sind es, die die so komplizierten Wechselwirkungen auf der Erde erforschen und so Wege aufzeigen können, wie die menschliche Zivilisation im Einklang mit der Erde leben kann.
Ressourcen: hin zu einer nachhaltigen Nutzung
Geowissenschaftler haben schon immer eine Rolle bei der Erkundung und Nutzung der irdischen Ressourcen gespielt. Ob Kohle, Öl, Edelmetalle oder Uran – erst ihre Vorarbeit und ihr Wissen um die Prozesse der Entstehung dieser wichtigen Rohstoffe ermöglichte das Finden viel versprechender Lagerstätten. Doch genauso trägt ihr Wissen nun dazu bei, nachhaltige Wege der Ressourcennutzung zu entwickeln und vor einer unverantwortlichen Ausbeutung der Rohstoffe zu warnen.

- © NASA/GSFC/MODIS Rapid Response Project
Megacities: sicherer bauen
Den großen Ballungsgebieten geht der Platz aus, Millionen von Menschen konzentrieren sich oft auf schmale Küstenstreifen, am Rande von Gebirgen oder Flüssen. Entsprechend hoch ist der Preis für den Boden. Und immer häufiger werden potentiell durch Naturgefahren bedrohte Flächen besiedelt. Mehr und mehr weichen die Städteplaner und Architekten daher nach unten, in den Untergrund aus. Straßen, Bahnen und Gebäude werden unter die Erde verlegt. Voraussetzung dafür ist es, die Beschaffenheit des Untergrunds genau zu kennen.
Tiefe Erde: von der Kruste zum Kern
Die gesamte Entwicklungsgeschichte des Lebens auf der Erde, die dramatische Veränderung ganzer Landschaften, das Auftürmen von Gebirgen oder Zerbrechen ganzer Kontinente – aus der Sicht unseres Planeten betrachtet, sind dies nur winzige Bläschen und Dellen auf der dünnen Kruste eines gewaltigen, durch kochende Hitze angetriebenen Motors. Er bewegt die mächtigen Kontinentalplatten, wälzt gigantische Massen an glühendem Gestein um und erzeugt unser schützendes Magnetfeld. Erst dieser Motor ist es, der unseren Planeten lebendig macht.
Ozeane: Meer der Zeit
Die Meere, deren wissenschaftliche Erkundung erst vor rund 200 Jahren begann, sind der Schlüssel zum System Erde. Obwohl unser zunehmendes Wissen über die Welt der Ozeane bereits viele vorherige Annahmen über den Planeten revolutioniert hat, warten in der Tiefe der Meere noch immer viele Geheimnisse. Die Tiefsee gehört zu den letzten weißen Flecken auf der irdischen Landkarte. Gleichzeitig leben immer mehr Menschen an den Küsten entlang der Kontinentalränder und stehen in enger Wechselbeziehung mit dem Ozean.
Böden: die lebendige Haut der Erde
Täglich treten wir ihn mit Füßen, bauen Häuser und Straßen darauf und produzieren mit seiner Hilfe unsere Lebensmittel. Trotzdem hat der Boden ein denkbar schlechtes Image und ist für die meisten nichts weiter als eine Handvoll Dreck. Dabei gäbe es ohne ihn wohl kaum Leben auf den Kontinenten und selbst das Klima sähe völlig anders aus. Den Boden zu erforschen und zu schützen, ist daher eine der vordringlichen Aufgaben der Zukunft.

- © NASA/GSFC
Infos und Termine: www.yearofplanetearth.org
sowie für Deutschland auf
www.geo-union.de/html/termine.html.
Einen umfangreichen Statusbericht zum Jahr des Planeten Erde vom November 2007 finden Sie hier, eine allgemeine Übersicht hier.
unesco heute online • Redaktion: Dieter Offenhäußer / Kurt Schlünkes
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